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Kompressorarten-Special

Mehr Druck, bitte!

FET, VCA, optisch oder Variable-Mu? Kompressor ist nicht gleich Kompressor. In diesem Special stellen wir euch die wichtigsten Typen dieses Dynamikprozessors vor.

Kompressoren zählen in der Musikproduktion zweifellos zu den am häufigsten eingesetzten Prozessoren. Es dürfte schwerfallen, überhaupt eine moderne Produktion zu finden, in der gar keine Spuren komprimiert wurden. Kurz: Der Griff zu diesem Tool ist eigentlich unerlässlich. Aber welcher Kompressortyp ist für welche Anwendung die richtige Wahl?keys kompressorspecial 12 2021 bild 2

Aufgabe und Funktionsweise

Ein Kompressor ist ein sogenannter Regelverstärker, sprich: ein Gerät (Plug-in etc.), das den Ausgangspegel eines Signals in Abhängigkeit von dessen Eingangspegel und der Zeit bearbeitet. Das bedeutet zunächst, dass durch den Einsatz des Prozessors laute Stellen im Audiosignal leiser werden und sich damit also den leisen Stellen annähern – das Signal wird komprimiert. Anschließend verstärkt der Kompressor das Gesamtsignal, sodass der ursprüngliche
Maximalpegel, der durch die Absenkung der lauten Stellen zunächst reduziert wurde, wieder erreicht wird. Obwohl sich also der maximale Pegel letztlich nicht verändert hat, erklingen die leisen Stellen jetzt lauter, weil die Dynamik des Signals eingeschränkt wurde. Resultat: Mehr Druck und Durchsetzungskraft.

Vier Kategorien

Je nach Anwendung empfehlen sich unterschiedliche Typen von Kompressoren. Wobei es hier selbstverständlich keine festen Regeln darüber gibt, welches Tool man wählen sollte. Am Ende muss immer das Gehör entscheiden, welchen Kompressor ihr für eine bestimmte Spur verwendet. Nicht zuletzt deshalb, weil die verschiedenen Geräte/Plug-ins einer Kategorie zwar gewisse Merkmale teilen, aber die klanglichen Unterschiede zwischen Prozessoren
einer Gattung durchaus größer ausfallen können als jene zwischen den Gattungen selbst. Grob lassen sich Kompressoren in vier Typen unterteilen: FET, VCA, optisch und Variable-Mu. Wobei diese vier Typen sich vor allem dadurch unterscheiden, wie die Pegelreduktion in den jeweiligen Schaltungen erzielt wird.

FET

Die Abkürzung „FET“ steht für „Feldeffekttransistor“. FETs unterscheiden sich von der anderen großen Gruppe der Transistoren, den Bipolartransistoren, dadurch, dass hier nur ein Ladungstyp am elektrischen Strom beteiligt ist. Im Gegensatz zu Bipolartransistoren lassen sie sich auch bei tiefen Frequenzen weitestgehend verlustlos schalten. FETs kommen nicht allein bei Outboard-Geräten wie Kompressoren als variabler Widerstand zum Einsatz, sondern typischerweise etwa auch als Impedanzwandler-Element bei Kondensatormikrofonen. Es wird unter anderem zwischen Sperrschicht-Feldeffekttransistor (JFET) und Metall-Oxid-Halbleiter-Feldeffekttransistor (MOSFET) unterschieden.
FET-Kompressoren wurden ursprünglich als schnellere Alternative zu optischen und Variable-Mu-Designs entwickelt. FETs emulieren gewissermaßen das Verhalten einer Röhrenschaltung, bieten aber schnellere Reaktionszeiten. Aufgrund ihrer schnellen Attack-Zeiten werden FETs häufig im Sinne eines Limiters eingesetzt. Klanglich zeigen sich FET-Kompressoren für gewöhnlich nicht sonderlich subtil. Stattdessen färben sie den Klang deutlich. Hier liegt es am Toningenieur, die ästhetisch richtige Entscheidung zu treffen. Im Mastering und auf dem Mix-Bus hört man diese Prozessoren seltener, da sie dazu neigen, recht aggressiv zu klingen.
Für andere Quellen ist es aber ja gerade dieses Merkmal, das man sucht. So sind klassische FET-Kompressoren wie etwa der Urei/Universal Audio 1176 zum Beispiel sehr beliebt auf Drumspuren, gerade für Kick und Snare (mehr zum
1176 im Kasten). Auch zu zahm geratenen Vocals kann man mit einem FET die nötige aggressive Kante und so mehr Vitalität verleihen. Obwohl ultraschnelle Kompression, wie man sie mit einem solchen Tool erzielt, auch relativ schnell zu Verzerrungen führen kann, schätzen viele Top-Engineers Geräte wie den 1176 auch für Bass-Spuren. Wichtig ist hier, die Attack-Zeit etwas länger zu wählen, dann kann sich die leichte Verzerrung der FET-Schaltung als genau richtiges Mittel erweisen, um dem Bass im Mix zu mehr Durchsetzungskraft zu verhelfen. Übrigens: Was den Mix-Bus betrifft, sollte man FETs nicht orthodox ablehnen. Einige Geräte wie etwa der Cranesong STC8 gelten hier als Geheimtipp.

VCA

„VCA“ steht für „Voltage Controlled Amplifier“, zu Deutsch: spannungsgesteuerter Verstärker. Es handelt sich bei diesem Bauteil dementsprechend um einen elektronischen Verstärker, dessen Verstärkungsfaktor durch eine
Steuerspannung (Control Voltage = CV) gesteuert wird. VCA-Kompressoren sind die am meisten verbreiteten Geräte der vier Kategorien, die wir in diesem Artikel näher betrachten. Das liegt vor allem daran, dass sich mit ihnen sehr vielschichtig und exakt arbeiten lässt. Da sie überdies linear arbeiten, können sie auf einer Vielzahl von Klangquellen und über eine große Bandbreite verschiedener Stilrichtungen gut eingesetzt werden – durch die Gain-Reduktion via VCA sind sie in der Lage, eine geschmeidige Kompression zu liefern, die einem Master das nötige Quäntchen „Klebstoff“ verleiht; sie bringen bei Bedarf aber auch genug Aggressivität mit, um auffällige Transienten einer Spur in den Griff zu bekommen. Als Ergebnis kann man in den meisten Fällen – die richtige Bedienung natürlich vorausgesetzt – mit sehr sauberen und gut kontrollierbaren Ergebnissen rechnen. Vielen gelten VCA-Kompressoren daher als technischer Höhepunkt der Kompressorentwicklung.keys kompressorspecial 12 2021 bild 3Zwei heiß begehrte Kompressor-Vertreter: der Shadow Hills Mastering Compressor und der CL 1A von Tube-Tech.
Obwohl man sie vor allem für ihre unauffällige Dynamikreduktion schätzt, sind einige VCA-Modelle durchaus fähig, einen ziemlich kräftigen Eigenklang beizusteuern, wenn dies gewünscht ist (ein typischer Vertreter ist hier etwa der DBX 160). VCAKompressoren können vergleichsweise günstig hergestellt werden. Längst nicht jeder mit einem VCA ausgestattete Prozessor wird daher dem guten Ruf solcher Geräte gerecht. Oft werden sie nämlich auch dann verbaut, wenn noch ein dienlicher Kompressor her muss, aber auf die Qualität zugunsten der Herstellungskosten weniger Wert gelegt wird. Traditionellerweise kommen in VCA-Kompressoren IC-Chipbasierte
Transistoren zum Einsatz, um die Eingangsspannung festzulegen, mit der dann die Pegelreduktion gesteuert wird. Ein herausragendes Beispiel ist hier der SSL G-Series Console Bus Compressor. Dieser Kompressor der
klassischen 4000er-Mischpulte von SSL ist zweifellos ein Kandidat für das technische Element, das den Sound moderner Pop- und Rockmusik mit am stärksten geprägt hat. Mit seiner legendären Transparenz, einer recht schnellen Attack-Zeit und seinem programmabhängigen Auto-Release erweist er sich zum Beispiel selten als Fehlgriff, wenn es um das Komprimieren des Mix-Busses geht.

Optisch

Optische Kompressoren arbeiten mit einer LED oder anderen Lichtquelle (Glühbirne etc.), in die das Eingangssignal des Kompressors geführt wird. Je nach Pegel des eingehenden Signals leuchtet die Lichtquelle heller oder dunkler.
Die Stärke des Lichts wird dann von einer Fotozelle ausgelesen. Diese steuert wiederum die Gain-Reduktion. Sprich: Je heller das Licht strahlt, desto stärker fällt auch die Kompression aus. Nimmt der Eingangspegel ab, wird das Licht heruntergeregelt und die Impedanz des Foto-Widerstands sinkt. Optische Kompressoren zählen zu den ersten Geräten, die überhaupt als eigenständige Kompressoren entwickelt wurden. Ein sehr bekannter und bis heute hoch geschätzter optischer Kompressor ist der LA-2A von Teletronix.
Allzu weit war es mit der Wertschätzung dieses Geräts zunächst jedoch offenbar nicht her: 1965 vorgestellt, verschwand es bereits vier Jahre später wieder vom Markt. Erst mit dem Re-Issue von Universal Audio wurde der LA-2A auf längere Zeit produziert. Das Original-Hardware-Gerät kam mit einem simplen Bedienkonzept daher, komprimierte mit Hilfe einer durch optische Schaltkreise generierten Dynamikkurve, war mit hervorragenden Röhren für Ein- und Ausgang ausgestattet – und lieferte besonders musikalische Resultate. Ein weiterer Pluspunkt ist die Vielseitigkeit des LA-2A: Ob transparentes Gesangssignal oder angezerrte Bassdrum-Spur, dieses Tool macht fast immer eine gute Figur. Besonders geeignet zeigt es sich auch für die Kombination mit anderen Kompressoren. Der LA-2A verfügt über lediglich eine Gain-Stage und wird über bloß zwei Regler bedient (Gain- und Peak-Reduction). Da dieser Kompressor bis zu 40 dB Gain vom Ein- zum Ausgang liefert, kann er auch als Pre-Amp verwendet werden. Was nicht nur den LA-2A, sondern alle optischen Kompressoren auszeichnet, ist die individuelle Reaktion der Fotozelle auf die Lichtquelle. Es kommt hier stets zu einer Verzögerung hinsichtlich Attack und Release in der Kompressorschaltung. Dies führt zu einem technisch keineswegs perfekten, dafür aber eher natürlich klingendem und im besten Fall sehr musikalischen Verhalten. Die Dynamik kann zwar einigermaßen schnell reduziert werden, nach längeren Perioden von hochenergetischen Signalen kommt es aber zu einer deutlichen Verzögerung im Abführen der Energie, die das Licht liefert.
Im Release durchläuft das Signal sozusagen zwei Stufen – zuerst schnell, dann langsamer. Im Mix ist es fast immer ratsam, auch einen optischen Kompressor auszuprobieren. Anders sieht es im Mastering aus. Hier wünscht man sich in der Regel eine genauere Kontrolle über die Attack- und Release-Zeiten, um bestens auf das Material reagieren zu können. Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen (zum Beispiel den Maselec Master Series MLA-2 von Prism Sound).

Variable-Mu

Variable-Mu-Modelle sind der älteste Kompressortyp und nutzen – wenig überraschend – Röhren, um die Gain- Reduktion zu steuern. Wichtig: Nicht jeder Kompressor, in dem eine Röhre arbeitet, wird zur Kategorie Variable-Mu gezählt. Hierfür muss die Röhre als Hauptbauteil bei der Erzeugung der eigentlichen Kompression Verwendung finden. Vari-Mu-Prozessoren sorgen für eine enorm geschmeidige Kompression – und arbeiten dafür mit einer Übersetzungskurve, die alles andere als linear ist. Umso höher der Pegel eines Signalanteils ist, desto stärker greift der Kompressor zu. Je nach Gain-Verringerung nimmt auch die Ratio zu. Im Gegensatz etwa zu FET- oder VCA-Designs können Vari-Mu-Kompressoren nur recht langsame Attack-Zeiten erzielen. Ein Vorteil dessen ist, dass kaum die Gefahr besteht, dass ein Vari-Mu-Prozessor zu aggressiv wirkt. Peak-Limiting-Anwendungen und Ähnliches sind mit einem solchen Gerät im Umkehrschluss aber weniger empfehlenswert. Veränderungen in der Eingangsspannung verändern in Vari-Mu-Schaltungen die Vorspannung der Röhren. Im Ergebnis sorgt dies für eine Kompression, die in ihrer Geschmeidigkeit und Musikalität an optische Schaltungen erinnert. Ein Unterschied stellt hier aber die Soft-Knee-Charakteristik aller Vari-Mu-Schaltungen dar. Zudem ist, wie oben erwähnt,
die Ratio weitgehend programmabhängig. Als Engineer muss man daher, anstatt per Threshold und Ratio zu arbeiten, das Finetuning der Kompression über die Eingangs- und Ausgangs-Steuerelemente des Geräts realisieren. Und: Die Röhren in Vari-Mu-Kompressoren können natürlich eine interessante Klangfarbe zu euren Mixes beisteuern. Der Röhren-Klassiker schlechthin ist der Fairchild 670. Mit 20 Röhren und einem daraus resultierenden Gewicht von rund 30 Kilogramm zählt der Fairchild 670 nicht nur zu den schwersten Dynamikprozessoren – mit Gebrauchtpreisen über 30 000 Euro gehört er auch zu den teuersten. Entwickelt wurde der 670 von Rein Narma, der zuvor unter anderem für Les Paul ein Acht-Kanal-Mischpult entwickelt hatte. Beim 670 und seiner Monovariante, dem 660, handelt es sich eigentlich um Limiter. Sie wurden ursprünglich für die rein technische Aufgabe entwickelt, Schneidstichel beim Vinylschnitt beziehungsweise Senderöhren im Rundfunk vor Pegelspitzen zu schützen. Geschätzt wird der 670 besonders aufgrund seines seidigen bis cremigen Sounds. Das Gerät arbeitet mit zwei unabhängigen Limiter-Stufen. Im Signalweg
trifft man auf eine einzelne Push- Pull-Röhrenstufe, gleich im Anschluss folgt der Ausgangsübertrager. In jedem Regel-Element kommen vier parallel verschaltete 6368-Doppeltrioden zum Einsatz. Das bedeutet, dass sich in jedem Weg
der Gegentaktstufe vier Triodenelemente befinden. Dieses gewissermaßen als eine Triode fungierende Konstrukt ist in der Lage, besonders niederohmig zu arbeiten. Aufgrund seiner, gemessen an heutigen Standards, eher langsamen Attack-Zeiten gilt es jedoch, bei Material mit ausgeprägten Transienten Vorsicht walten zu lassen. Trotzdem sind der Fairchild und seine virtuellen Nachbauten aber durchaus auch für den Drumbus geeignet. Ebenso können Vocals, Akustikgitarren und mehr vom 670 profitieren.

 

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Dieser Artikel wurde folgender Ausgabe entnommen:

keys Magazin Ausgabe 12 / 2021

 

 

Tags: Home-Recording, Effekte

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