Interview: Weekend und Peet – Pack die Möhre in den Beat!

Weekend meldet sich mit seinem vierten Album „Keiner ist gestorben“ zurück. Wir haben den gebürtigen Gelsenkirchener und seinen Produzenten Peet gefragt, wie und womit sie an der neuen Platte gearbeitet haben.

Weekend Interview Aufmacherbild

Mit seinem neuen Album hebt Weekend sich wohltuend vom derzeitigen Sound-Einheitsbrei im Hip-Hop ab und geht seinen ganz eigenen Weg. Geholfen hat ihm dabei unter anderem sein Produzent Peet. Wir haben mit den beiden gesprochen. 

KEYS: Wie darf man sich eure Zusammenarbeit vorstellen? Sitzt ihr immer gemeinsam im Studio? 

Weekend: „Studio“ ist ja ein großes Wort (lacht). Also wir waren entweder bei Peet oder bei mir. Wir haben uns beide so kleine Homestudios aufgebaut. Bei mir gibt es einen Aufnahmeraum und Peet sitzt in seinem WG-Zimmer, das vollkommen mit Muckekram vollgestellt ist.

Peet: Studios in dem Sinne sind das also nicht. Ich bin ein klassischer Bedroom-Producer. So haben wir ja auch angefangen, als wir uns über das Internet kennengelernt haben – ich glaube, das war sogar noch zu MySpace-Zeiten.

Weekend: Echt? Geil.

Peet: Insofern war es auch von Anfang an normal, dass wir über Telefon oder E-Mail kommuniziert haben. Als Christoph noch in Gelsenkirchen gewohnt hat, gab es aber natürlich auch die Möglichkeit, sich zu treffen, um Dinge durchzusprechen. Vom Prozess her hat sich das gar nicht großartig geändert. Es ist immer noch so, dass ich anfange, viele Skizzen zu machen und Christoph auch Ideen sammelt. Dann werden die Sachen zusammengeführt und geguckt, was funktioniert. Wenn wir auf diesem Weg eine Ausgangsbasis erreicht haben, treffen wir uns, um die Sachen gemeinsam durchzuexerzieren.

Weekend: Ich glaube auch, dass so eine echte Studioatmosphäre vielleicht gar nicht richtig funktionieren würde. Wenn wir bei dem anderen zu Hause sitzen, läuft das irgendwo zwischen „Wollen wir erst mal eine Runde Fifa spielen?“ oder „Wollen wir Rührei machen?“ Das ist alles mega ungezwungen. Immer wenn ich in einem Studio war, hat sich das für mich viel zu ernst angefühlt. Da stehen dann zwei Milliarden echte Instrumente und in die Gesangskabine würde ich zwanzig Mal reinpassen. Wenn man da hingeht, muss man halt richtig liefern. Wir hängen dagegen zu Hause rum und machen Mucke, wenn der kreative Moment kommt – das ist irgendwie geiler. Wahrscheinlich ist das ein Gewohnheitsding, aber ich finde es eben cooler, weil es so ungezwungen ist. Und immer mit dem Wissen, dass keiner Studiozeit bezahlt hat. Wenn heute nichts entsteht, entsteht halt morgen etwas. 

KEYS: Im Regelfall braucht man für eine Hip-Hop-Produktion ja auch kein großes Studio … 

Weekend: Casper würde dir wahrscheinlich widersprechen – aber ich nicht. 

KEYS: Mithilfe welcher Tools entstehen dann die ersten Skizzen bei euch zu Hause?

Peet: Ich arbeite hauptsächlich mit Fruity Loops – seit knapp über zehn Jahren. Es gab auch mal eine Zeit, da hatte ich eine MPC 2000 XL. Und es steht hier auch noch mein alter Yamaha MO6 rum. Mit dem sind damals auch Beats gebaut worden. Aber im Grunde lief alles immer wieder zurück zum FL Studio. Damit kenne ich mich halt aus und fühle mich wohl. Eigentlich kam nie wirklich der Gedanke auf, ernsthaft umzusteigen. Ich arbeite aber natürlich mit mehr als bloß Fruity Loops. Hier stehen jede Menge andere Geräte, die sich im Laufe der Jahre so angesammelt haben. Was die Beats angeht, war aber schon immer FL Studio die Ausgangsbasis. 

Bild Weekend Interview Studio
In Peets WG-Studio entstand zu einem großen Teil Weekends neues Album.

KEYS: Wonach sucht ihr dann in puncto Sounds als erstes?

Peet: Ich produziere ja größtenteils nicht mehr mit herkömmlichen Samples. Ich habe mich ganz natürlich davon wegbewegt, weil es mich viel mehr interessiert hat, wie man sich zum Beispiel selber sampeln kann oder wie man das, was man früher gesampelt hat, selber herstellen kann. Von daher sind hier irgendwann zum Plattenspieler auch ein Bass, eine Gitarre, ein MicroKorg und vieles mehr dazugekommen. Samples sind nicht mehr die Basis.

Weekend: Da freut sich der Verlag. 

KEYS: Sampelst du dich auch selbst, wenn es um Drums geht?

Peet: Klar, man hat Drumkits, die über die Jahre gewachsen sind; vieles davon ist aber auch selber aufgenommen. Wenn ich Drums programmiere, mag ich es, viel zu layern. Sehr gerne werden bei mir auch Möhrengeräusche als Snares genommen. Das fällt oft gar nicht auf, wenn man so was einbindet. Solche Kleinigkeiten machen den Sound dann aus. 

Weekend: Um es mal kurz aus der Perspektive eines Normalsterblichen zu beschreiben: Manchmal bekommt man von ihm einen Beat, der eigentlich ganz normal und geil klingt, aber komplett aus Küchengeräuschen besteht. Peet ist so gelangweilt von Musik, dass er nur noch Songs produziert, wenn er irgendwelche verrückten Dinge sampeln kann (lacht). Er hat auch schon Klacken von einer Ampel aufgenommen und verbaut. Manchmal ist es fast ein bisschen schade, dass so wenige Leute checken, welche geilen Gimmicks da drin sind. Aber wenn sie nicht so gut versteckt wären, würden sie vielleicht auch nicht so gut funktionieren. 

Peet: In erster Linie mache ich das tatsächlich, um mich zu motivieren. Wie viel man davon am Ende dann raushört, ist auch egal, wenn das Ergebnis cool ist. 

Bild Weekend Interview Produzent Peet
Produzent Peet auf der Suche nach dem passenden Sample.

KEYS: Und womit wird so eine Möhre dann aufgenommen?

Peet: Ich habe hier seit locker sieben Jahren ein ganz einfaches Kondensator-Mic, ein t.bone. Das war das günstigste, was ich damals bekommen konnte. Für das, was ich damit mache, reicht es aber absolut aus. Die Sounds werden ja eh noch stark mit dem Equalizer manipuliert. Außerdem habe ich immer einen Hand-Recorder dabei – das ist sozusagen meine zweite Kamera geworden. 

Weekend: Mit dem t.bone wurden sogar ein- oder zweimal Vocals für die Platte aufgenommen, unter anderem für die Bridge von „Köpfe“. Das ist witzig: Hier zu Hause habe ich mir voll die Mühe gegeben, eine schöne Aufnahmemöglichkeit zu besitzen, mit einem Brauner Phantom und so weiter – aber am Ende funktioniert es mit einem t.bone-Mikrofon in einem normalen Raum auch.

KEYS: Gibt es anderes Equipment oder auch Software, die ihr in jüngerer Zeit für euch entdecken konntet?

Peet: Ja, ich habe jetzt zum Beispiel viele Vocal-Geschichten mit dem Output Exhale gemacht. Ich war eigentlich immer zwiegespalten, ob ich mir den holen soll. Aber Vocals als perkussives Element oder Instrument einzusetzen, war für mich schon immer interessant. Ich habe hier einen Haufen Acappellas, die rhythmisch in Beats eingearbeitet werden und wo es gar nicht mehr um bestimmte Wörter oder so geht. Und das Exhale-Plug-in ist dabei eine schöne kreative Stütze. Es bringt einen schnell auf weitere Ideen. Das hat jetzt bei diesem Album schon einen größeren Einfluss darauf gehabt, wie ich Musik mache. „Fanpost von Gott“ ist da ein gutes Beispiel. Ich will jetzt aber auch keine Exhale-Werbung machen …

Weekend: Zu spät. 

Albumcover Weekend – Keiner ist gestorben

Weekend – Keiner ist gestorben

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KEYS: Gibt es noch weitere neue Software oder Instrumente auf „Keiner ist gestorben“ zu hören?

Peet: In den letzten anderthalb Jahren ist da gar nicht so viel an Neuem dazugekommen. Vor allem deshalb, weil sich bei mir einiges als Dauerbrenner herausgestellt hat. Gerade, was das Bearbeiten und Dreckigmachen von Sounds betrifft. Dafür benutze ich ganz oft den Sonitex. Das ist ein Multieffekt, der von Bitcrushing über Kompressoren und Bandpass-Filter bis zu Vinyl-Emulationen alles machen kann. Für analoge Sounds habe ich hier seit zwei, drei Jahren meinen Alesis Andromeda A6. Der taucht für alles Mögliche immer wieder auf. Flächen und Basslines kann der unheimlich gut. Der Phonec von Psychic Modulation fließt auch oft ein.

KEYS: Auch wenn nicht so viel an neuen Tools eingesetzt wurde, hat sich euer Sound, finde ich, trotzdem verändert …

Weekend: Ich glaube, unsere Sachen sind über die Jahre ein bisschen minimaler geworden. Früher haben wir sehr viel reingeschmissen. Beim neuen Album steht dagegen der eine oder andere Part auch mal gerne relativ allein im Vordergrund – ohne zwanzig andere Instrumente im Hintergrund. Bei „Köpfe“ ist das zum Beispiel die Bassline. Vielleicht lag das auch an mir und ich habe immer so volle Beats gepickt, weil ich es unbedingt groß und voll wollte.

KEYS: Vielen Dank für das Gespräch.

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