Test: Native Instruments Komplete 11 – Software-Bundle

Für viele Produzenten und Musiker sind die Instrumente, Effekte und Sample-Bibliotheken des Komplete-Pakets längst fester Bestandteil des Studioalltags. Neben dem Reaktor-Synthesizer Form gibt es in Version 11 weitere Neuzugänge und Unterschiede zur Vorgängerversion. Ob sich der Einstieg beziehungsweise ein Update lohnt, lesen Sie hier.

Komplete 11 Aufmacherbild

Für viele Produzenten und Musiker sind die Instrumente, Effekte und Sample-Bibliotheken des Komplete-Pakets längst fester Bestandteil des Studioalltags. Neben dem Reaktor-Synthesizer Form gibt es in Version 11 weitere Neuzugänge und Unterschiede zur Vorgängerversion. Ob sich der Einstieg beziehungsweise ein Update lohnt, lesen Sie hier.

Seit seiner Einführung 2003 hat sich sowohl bei Komplete als auch bei Native Instruments und im Rest der digitalen Audiowelt einiges getan. Um seine Vorrangstellung als Hersteller virtueller Instrumente zu festigen, schnürte der Hersteller populäre Klangerzeuger wie Absynth, FM7 und Kontakt zu einem praktischen und erschwinglichen Bündel. Heute besteht Komplete aus einer beindruckenden Vielzahl unterschiedlicher Produkte – von samplebasierten Instrumenten auf der Basis des marktführenden Samplers Kontakt 5 über Studio- und Kreativeffekte wie Guitar Rig 5 Pro, eigenständigen Synthesizern wie Massive, Reaktor 6 und etlichen Spezialisten. Für viele dieser Produkte gibt es eigene Tests in vergangenen Ausgaben der KEYS, daher werde ich mich im Folgenden auf die Neuzugänge sowie die verschiedenen Gesamtpakete konzentrieren.

Native Instruments Komplete 11: Dreifach komplex

Zu den bereits bekannten Versionen Komplete und Komplete Ultimate kommt mit Version 11 Komplete Select hinzu. Diese mit 199 Euro erschwingliche Einstiegsversion gab es bisher nur als Dreingabe beim Kauf von Kontrol-S- oder Maschine-Controllern, wurde aber inzwischen ordentlich aufgebohrt. Komplete Select mag wie ein Widerspruch klingen, dennoch lässt sich mit den enthaltenen Instrumenten viel anfangen: Die eigentlichen Arbeitstiere Reaktor 6 und Kontakt 5 sind zwar nur als Player-Versionen enthalten, dafür gibt es mit Massive, Monark und Prism drei exzellente Synthesizer, die mit Gentleman um ein erstklassiges Piano und mit Drumlab um einen ausdrucksstarken Drum-Sampler ergänzt werden. Auch die vorverdrahteten Modularsynthesizer aus Reaktor Blocks Wired sind mit an Bord, ebenso wie die Effekte Replika und Solid Bus Comp. Insgesamt enthält Komplete Select elf Produkte, die etwa 25 GB auf der Festplatte belegen.
Die Standardversion von Komplete 11 schlägt bei Neukauf mit 599 Euro zu Buche, bietet dafür aber Vollversionen der Kernprodukte und eine reichhaltige Auswahl der wichtigsten Sample- und Reaktor-Instrumente. Auch die Neuzugänge Form, Reaktor 6 und Una Corda sind in dieser Variante enthalten. Wer sich schließlich für Komplete 11 Ultimate entscheidet, bekommt nahezu alle aktuellen Softwareprodukte von Native Instruments mit Ausnahme von Maschine, Traktor und der neu erschienenen Symphony Series.
Dafür gibt es hervorragende Rekreationen klassischer Kompressoren und Hallgeräte sowie alle Sample-Instrumente der Cinematic-Serie. Diese umfassen neben den vor Stimmung triefenden Evolve und Evolve Mutations Bibliotheken auch eher konventionell spielbare Bibliotheken wie Emotive Strings. Aber auch Freunde klassischer Orchestersounds kommen auf ihre Kosten: Die neue Symphony-Serie ist in abgespeckter Form als Symphony Essentials ebenfalls mit von der Partie. Unterteilt in Strings, Brass und Woodwinds (die beiden Letzteren jeweils als Solo- und Ensemble-Versionen) bieten diese extrem brauchbare und nach aktuellsten Gesichtspunkten produzierte Orchesterklänge. Der Klassik-Connaisseur mag sich hiervon nicht beeindrucken lassen, für viele Produktionen dürften die Essentials aber voll und ganz ausreichen. Auch ohne die volle Wucht einer soundtracktauglichen Orchesterbibliothek belegt eine Komplettinstallation von Komplete 11 Ultimate über 500 GB Festplattenplatz. Kostenpunkt: 1.199 Euro, als Download oder auch Festplatte. Traditionell bot Native Instruments etliche Up- und Crossgrades von unterschiedlichsten Einzelprodukten. Komplete 11 erfordert wenigstens eine Komplete-Version als Startpunkt: Wer Komplete 8-10 besitzt, darf für 199 Euro auf Komplete 11 und für 599 Euro auf Komplete 11 Ultimate umsatteln, Besitzer von Komplete 8-10 Ultimate zahlen 399 Euro. Wer Kontakt, Maschine, ein Kontrol-S-Keyboard oder Komplete Select sein Eigen nennt, kann für ebenfalls 399 Euro Komplete 11 erwerben. 

Das Komplete-Bundle

Komplete 11 ist primär ein Paket vorhandener Produkte und kein Showcase für die neuesten Innovationen. So wundert es nicht, dass Reaktor 6 (zum Test) als Neuzugang gefeiert wird, obwohl das kostenpflichtige Update bereits letztes Jahr erhältlich war. Dennoch kann man nicht genug betonen, was für einen Stellenwert Reaktor 6, die Reaktor-Player-Instrumente und insbesondere die modularen Blocks einnehmen. Gewusst wie: Die Player-Instrumente erscheinen nicht als eigenständige Plug-ins in der DAW, sondern müssen im Reaktor-Fenster geladen werden (Abhilfe schafft das Sichern in DAW-eigenen Presets). Mit Ausnahme der Veteranen Massive, FM8, Absynth 5 und Battery 4 werden Synthesizer und Performance-Effekte wie Molekular im Reaktor-Player-Format beziehungsweise als Reaktor-Ensemble installiert. Dank umfassender Unterstützung des hauseigenen NKS-Protokolls erscheinen die Reaktor-Player-Instrumente für Maschine und Kontrol-S-Nutzer aber nahtlos in der Bibliothek und lassen sich direkt an der Hardware editieren. 

Komplete 11 Screenshot Form
Mithilfe eines Algorithmus analysiert der Synthesizer Form das Audiomaterial und macht es tonal spielbar.

Flesh und Form

Nutzer von Komplete 11 Ultimate dürfen sich über den von Tim Exile mitverantworteten Sample-Resynthesizer Flesh freuen. Der glamouröseste Neuzugang im „regulären“ Komplete 11 ist der ebenfalls samplebasierte Synthesizer Form. Wie der Name andeutet, dreht sich hier alles um das Verbiegen und Umformen eigener beziehungsweise mitgelieferter Samples. Dabei verwendet Native Instruments einen Pitch-Synchronous-Overlap-and-Add-Algorithmus (PSOLA), um ein bis zu 30 Sekunden langes Sample auf Tonhöhe und harmonischen Inhalt zu analysieren und melodisch spielbar zu machen. Mich hat überrascht, wie präzise die Erkennung des Grundtons funktioniert, der bei Verwendung eines Komplete-S-Keyboards auch gleich auf dem LED-Streifen der Klaviatur markiert wird. Mittels Pitch-Curve-Taster lassen sich die Tonhöhenveränderungen des Samples als Kurve anzeigen. Neben dem Resynthese-Oszillator verfügt Form über einen additiven Oszillator zur Verdichtung des Quellsignals. Wer lieber direkt mit dem Samplematerial arbeitet, kann das Pitchtracking ausschalten und über die Deform-Parameter radikal in die Klangformung eingreifen. Dazu gibt sich Form äußerst flexibel in Sachen Modulation: Jeder Parameter in der Soundansicht lässt sich von bis zu drei unterschiedlichen Modulationsquellen verbiegen. Zur Verfügung steht neben je zwei Hüllkurven und LFOs auch eine Sidechain-Schaltung, die zwei beliebige Modulationsquellen kombiniert und wahlweise überblendet oder multipliziert. Das Herzstück von Form stellt aber die flexible Motion Curve dar, mit der sich eindrucksvolle tonale Verläufe, Loops und sequenzerartige Bewegungen realisieren lassen. Von Haus aus moduliert die Motion Curve den Lesekopf des Samplers und damit den Klang des Oszillators. Schrittweise Veränderungen der Kurve führen also zu Sprüngen innerhalb des Samples, während Verläufe und Kurven ein nahtloses Durchwandern in beliebiger Richtung erlauben. Das Tempo der Motion Curve (und aller anderen Modulatoren) lässt sich mit einer praktischen Tempofunktion teilen oder multiplizieren, bei Bedarf aber auch komplett von der MIDI-Clock entkoppeln. Performance-Presets erlauben komplett unterschiedliche Einstellungen aller Parameter mit Ausnahme des geladenen Samples. Toll, um mit dem gleichen Ausgangsmaterial grundverschiedene Klänge zu kreieren. Form glänzt dabei durch sein beliebiges Ausgangsmaterial und sehr variablem Klangspektrum, insbesondere aber mit abstrakten Klangteppichen, blubbernden Sequenzen oder drahtig knarzenden Lead-Sounds. Für dicke Bässe fehlt den meisten Quellsamples der nötige Bauch, aber dafür gibt es ja schon andere Synthesizer in Komplete. Wer hingegen nach Inspiration irgendwo zwischen Sample-Tracking beziehungsweise Wavescanner- und granularer Synthese sucht, wird in Form sicher fündig.

Schritt für Schritt

Neben Form und der Integration neuer Sample-Instrumente sowie des Delays Replika sind es vor allem die Updates der Komplete-Kernsoftware, die für viele Nutzer interessant sein dürften. Reaktor 6 ist zwar inzwischen nicht mehr ganz neu, dafür wurde aber mit 6.0.3 ein gar nicht mal so kleines Update veröffentlicht: Reaktor-Powernutzer wird es freuen, denn endlich lassen sich Panel-Elemente gruppieren und in Ebenen sortieren. Wichtigste Neuerung für Nutzer fertiger Patches ist eine Vereinfachung des bislang eher unhandlichen Preset-Managements. Ab sofort lassen sich Presets von Haus aus unabhängig vom Reaktor-Ensemble speichern und zumeist auch wieder abrufen. Das funktioniert schon recht gut, lediglich bei der computerübergreifenden Migration von Projekten mit unterschiedlichen Verzeichnisstrukturen kommt es zu Fehlermeldungen und leeren Reaktor-Plug-ins – das funktioniert in Kontakt schon besser. Letzteres hat mit Version 5.6 ebenfalls ein bedeutendes Update erhalten. Dieses bringt neben einer grundlegenden grafischen Überarbeitung vor allem Funktionen, die für Entwickler von Sample-Bibliotheken interessant sein dürften. Die dank Unterstützung reeller Zahlen höhere mathematische Präzision und damit einhergehenden neuen mathematischen Funktionen dürften sich demnächst in noch ausgefuchsteren Sample-Instrumenten niederschlagen.

Komplete 11 Screenshot Native Access
Die Übersicht der neuen Native-Acces-Software, mit der Komplete 11 bequem verwaltet und installiert werden kann.

Access All Areas

Komplete 11 wird inzwischen nicht mehr als DVD-Bündel sondern als Downloadversion oder auf Festplatte (Ultimate bei Bedarf) ausgeliefert. Unabhängig von der Basisinstallation fungierte das sogenannte Service Center als Update-Informant und Kopierschutzmechanismus. Dies ändert sich nun mit dem noch in der Betaphase befindlichen Programm Native Access, das die Funktionalität des Service Centers und der Installer vereint und Komplete theoetrisch mit einem Klick an den Start bringen kann. Der Wechsel gestaltet sich völlig schmerzlos, da sich Native Access und das Service Center parallel einsetzen lassen. Besitzer von Traktor- und Drittanbieter-Bibliotheken sollten Service Center dabei unbedingt behalten, da diese noch nicht in Native Access unterstützt werden. Das Grundkonzept ist ähnlich: Man meldet sich mit seinem NI-Konto an und sieht seine Produktliste. Neue Produkte können durch Eingabe der Seriennummer hinzugefügt und aktiviert werden. Neu ist, dass sich alle in Komplete Ultimate enthaltenen Produkte direkt herunterladen und installieren lassen. Derzeit unterstützt die Beta noch keine Wiederaufnahme unterbrochener Downloads und hat zudem die Tendenz, Änderungen an den Voreinstellungen zu Download- und Installationspfad nicht zu übernehmen. Bei Downloads jenseits der 20-GB-Marke ein Problem, das mit der finalen Version aber ausgemerzt sein dürfte. Schließlich dürfen sich auch Nutzer von Maschine und Komplete Kontrol freuen, denn die Integration der Komplete-Produkte verbessert sich stetig und ohne großes Aufsehen. Inzwischen ist es eine echte Freude, die Sounds aller Komplete-Produkte direkt an der Hardware zu durchstöbern und die wichtigsten Parameter in einer vereinfachten Ansicht bearbeiten zu können. So ist Komplete 11 nicht nur die aktuell umfassendeste Sammlung von Synthesizern und Effekten, sondern auch eine Komplettlösung par excellence.

FAZIT

Die elfte Ausgabe des Berliner Wohlfühlpakets ist üppig wie eh und je ausgestattet und dürfte so gut wie jeden Anwender, der mit seiner DAW produziert, glücklich machen. Gleichzeitig kommt das Paket, was die Neuerungen betrifft, etwas bescheidener daher, als man es bisher gewohnt war. Es scheint, als wurde die Content-Schleuder einen Gang zurückgefahren, um sich auf wichtige Verbesserungen der Kernprodukte zu konzentrieren. Insbesondere der Wechsel vom Service Center zu Native Access ist, trotz Beta-Bugs, vielversprechend. Die Integration des Native Kontrol Standard verbessert sich ständig und ist, entsprechende Hardware vorausgesetzt, die bequemste Art und Weise mit den Komplete-Produkten zu arbeiten. Komplete Select bietet einen guten Einstieg für wenig Geld, ist für mich ohne Vollversionen von Reaktor und Kontakt aber alles andere als „Komplett“. Den besten Deal für viele Anwender bietet die „mittlere“ Version Komplete 11 – eine eindrucksvolle Auswahl an Sample-Instrumenten, inklusive der Session Strings und Horns, nahezu alle Reaktor-Synthesizer, Kontakt 5, Battery 4 sowie Guitar Rig 5 Pro decken von radiotauglich bis experimentell fast alle Stilrichtungen und Klangfarben ab. Ob es auch Komplete Ultimate sein darf, richtet sich nach den Bedürfnissen jedes Studios und dem Geldbeutel. Wer Bedarf an hunderten Gigabytes extrem gut klingender, produktionsfertiger Sounds hat, sollte Komplete 11 Ultimate den Vorzug geben. Wer hingegen nur auf Razor, Flesh, weniger jedoch auf die in Komplete Ultimate enthaltenen Effekt-Plug-ins schielt, sollte sich mit Komplete 11 begnügen, denn der wahre Mehrwert in Ultimate sind die ausdrucksstarken Kontakt-Librarys.

Native Instruments Komplete 11

Preis (UVP):
199 EUR (Komplete 11 Select)
599 EUR (Komplete 11)
1.199 EUR (Komplete 11 Ultimate)

System:
Win, Mac

Pro/Kontra:
+ das umfassendste All-In-One-Paket für Software-Instrumente
+ toller neuer Reaktor-Synthesizer Form
+ Orchestergenuss dank Symphony Essentials (nur Ultimate)
+ Native Access erleichtert Installation und Updates

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 11/16.