Test: Native Instruments Reaktor 6

Bereits 1994 entwickelte Native Instruments den virtuellen Modularsynthesizer Generator. Über zwanzig Jahre später ist der Nachfolger Reaktor bei Version 6 angekommen und erlaubt weiterhin das Entwerfen eigener Klangerzeuger, Sequenzer, Effekte und MIDI-Werkzeuge.

Bereits 1994 entwickelte Native Instruments den virtuellen Modularsynthesizer Generator. Über zwanzig Jahre später ist der Nachfolger Reaktor bei Version 6 angekommen und erlaubt weiterhin das Entwerfen eigener Klangerzeuger, Sequenzer, Effekte und MIDI-Werkzeuge.

Seit jeher war es mit dem Synthesizer- und Effektbaukasten Reaktor möglich, auf digitaler Ebene eigene Instrumente zu erschaffen. In dieser Hinsicht wies die Software schon immer durchaus Parallelen zur Welt der Modularsynthesizer auf. Wie dort können verschiedene Module auf immer neue Art und Weise zu neuen Kreationen zusammengefügt werden, sogar in speicherbarer Form und mit ganz unterschiedlicher Darreichungsform. Neben einer beachtliche Anzahl solcher Module gehören aber auch fertige Klang­erzeuger unterschiedlichster Couleur, Sequenzer und Effekte zur Grundausstattung von Reaktor. Und reichen die vorhandenen Module einmal nicht aus, so kann man einzelne Funktionsblöcke vorhandener Module zu neuen Kreationen zusammenstellen, eigene Macros und Module von Grund auf neu programmieren oder aber auf Module und Macros anderer Reaktor-Nutzer zurückgreifen. Hierfür gibt es die User Library, die eine Menge an Klangerzeugern und Effekten, aber eben auch Macros oder Blocks anderer Anwender zum kostenlosen Download bereitstellt. Somit kann das eigene Reaktor-System ebenso wachsen, wie das Rack eines Modularsystems.

Mehr als nur Handgepäck

Reaktor 6 bietet wie seine Vorgängerversionen eine große Anzahl an Samplern, Synthesizern, Sequenzern und Effekten. Eine Aufzählung der über 70 im Lieferumfang enthaltenen Reaktor-Ensembles würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Auch weil die virtuellen Synthesizer und Sampler eine Welt für sich darstellen und teils mit eigenen Handbüchern ausgestattet sind. Von bekannten Synthesearten wie der subtraktiven, FM-, Wavetable- oder Granularsynthese bis hin zu experimentellen Hybriden oder modernen Drum-Grooveboxen bietet Reaktor 6 alles, was man sich an Klangerzeugung vorstellen kann. Auf der Effektseite sieht es nicht anders aus: Vom eleganten Nachhall, Delay oder Verzerrungseffekten über einen mastering-tauglichen Multibandkompessor oder moderne Glitch-Effekte bleibt kaum ein Wunsch unerfüllt.

Reaktor Ensemble Lazerbass

Der Blick ins Innere

Reaktor 6 verfügt über verschiedene Ansichten: Panel zeigt die Bedienoberfläche der Instrumente und Effekte, während in der Struktur die Modulverschaltung und generell die Konstruktion eines Ensembles erfolgt. Die Module stellen dabei grundlegende Funktionen zur Verfügung, können aber in Macros für eine erweiterte Funktionalität bei gleichzeitig besserer Übersicht zusammengefasst werden. Dazu gibt es in Reaktor 6 zur Konstruktion eigener Anwendungen verschiedene Strukturebenen: Die Primary-Ebene ist die oberste Hierarchieebene mit weitreichenden Eingriffsmöglichkeiten und einem umfangreichen Pool aus Primary-Modulen, die verschiedenste Aufgaben wie mathematische Berechnungen, Signalführung, Eventverarbeitung und sogar komplexe Aufgaben wie etwa Sampling übernehmen können. Ergänzend gibt es auch Primary-Macros, mit deren Funktionsblöcken sich unterschiedliche Strukturen aufbauen lassen. Verbunden werden Module oder Macros mit virtuellen Kabeln. Unabhängig, ob es sich um Audio- oder Eventsignale handelt, werden diese bei gedrückter Maustaste zwischen den Ports verbunden. Reaktor 6 unterscheidet dabei zwischen Audio- und Eventsignalen. Audiosignale werden mit der vollen Abtastfrequenz verarbeitet, während Eventsignale in Reaktor 6 vornehmlich Steuerdaten übertragen. Der Unterschied: Audiosignale benötigen mehr Rechenleistung als Eventsignale, die beispielsweise mit 200 Hz laufen.

Primary Macros

Eine Etage tiefer liegt die Core-Ebene mit der effizienten Möglichkeit, maßgeschneiderte DSP-Funktionen über einen leistungsstarken Runtime-Compiler zu implementieren. Ausgestattet mit einer großen Library an DSP-Komponenten, stehen hier, selbst wenn man kein DSP-Experte ist, etliche einsatzfähige Macros zur sofortigen Anwendung bereit. Solche Core- oder Primary-Macros können einfach modifiziert und eigenen Bedürfnissen angepasst werden – so lassen sich verschiedenste Synthesizer, Sampler oder andere Ideen einfach und schnell realisieren. Die grafische Oberfläche der Ensembles lässt sich dabei flexibel und frei gestalten. Reaktor 6 legt vorerst Pegelsteller und Displays im eigenen Reaktor-Design an und lässt die Möglichkeit zu, diese durch BTM oder TGAs (also animierte Bilder) zu tauschen. Fügt man ein Bild ein, können Werte zum Bild modifiziert werden und das eingefügte Bild übernimmt dann die Funktionen eines Parameters. So kann bei Reaktor 6 das eigene Instrument mit viel „Bling-Bling“ versehen werden.

Ein Schritt zurück und vorwärts: die Blocks

Wem Primary- oder Core-Elemente einen zu großen Brocken Technik darstellen, der wird sich über die neuen Blocks freuen. Hier baut man sich deutlich einfacher einen Rack-Synthesizer zusammen, der sich an den derzeit so populären realen Modularsystemen orientiert, wie diese allerdings stets monofon arbeitet. Wie bei der Hardware können Reaktor-Blocks über (virtuelle) Patchkabel verkabelt und zu immer neuen Kombinationen verbunden werden – einfach per Drag-and-drop eine Oszillatorbank ins virtuelle Rack ziehen, an das Filter „patchen“ und los geht‘s. Aber das ist nicht alles: Modulationen sind die Stärken der Blocks. Hier können dank einfachem Verbindungssystem etliche Modulatoren mit verschiedenen Modulationszielen blockübergreifend verbunden und miteinander kombiniert werden. Die Reaktor-6-Blocks liefern in der Praxis einfache, aber gleichzeitig mächtige Möglichkeiten zur Kreation monofoner Klangerzeuger, die sich an analogen Vorbildern orientieren. Dabei sind die vorhandenen Blocks mit allen Funktionen ausgestattet, die sich bei der Arbeit mit einem Modularsystem hinsichtlich Modulationen und Flexibilität auszeichnen. Reaktor 6 bietet über 30 Blocks für unterschiedlichste Funktionen.

So hält das Bento-Set Kernkomponenten modularer Synthesizer wie hochwertige Oszillatoren, Multimodefilter, VCA, Mixer, Hüllkurvengenerator, LFO oder Step-Sequencer bereit. Bei den Boutique Blocks ließ sich der Hersteller von Synthesizerlegenden inspirieren. Hier findet man mit der OSC Bank einen Vintage-Oszillator der Extraklasse, einen Multiwave-Oszillator prädestiniert für Moogbässe oder ein Sallen-Key-Filter, ganz wie in frühen monofonen Synthesizern. Die Modern Blocks hingegen reizen mit Spezialfunktionen. Hier findet sich etwa das Modern-Comp-Filter, das auch für Chorus-/Flanger-Effekte verwendet werden kann oder Modern-Paul – ein weichklingendes Tiefpassfilter mit optimiertem Resonanzverhalten. Digilog Blocks sind Werkzeuge für Spezialanwendungen, etwa zur Notenverarbeitung oder Rhythmuserzeugung. Hinzu kommen die NI-All-Stars, Module aus bekannten Native-Instruments-Synthesizern: Hier findet man den Oszillator, das Filter und Hüllkurvenmodul aus Monark, die fabelhaften Rounds-Delays und -Reverbs oder das markante Driver-Filter. Abgerundet durch die Util Blocks mit verschiedenen Mixer-, Verstärker- oder Clockblöcken stehen in Reaktor 6 mehr Möglichkeiten bereit, als ein Hardware-Racksystem verkraften könnte.

Reaktor N.I.-ALL Stars Blocks

Falls doch etwas fehlen sollte, kann sich der Blick ins Innere der Blocks lohnen: Hier darf frei nach eigenen Bedürfnissen modifiziert und gebastelt werden. So können komplett eigene Blocks kreiert und sogar ganze Block-Patches mit anderen Nutzern geteilt werden. Dabei können vorgefertigte Block-GUI-Elemente, die toll aussehen, genutzt oder auch eigene Oberflächen gestaltet werden. Native Instruments stellt hierfür ein Block-Template zur Hilfestellung zum Download zur Verfügung.

Weitere Neuigkeiten

Über weitere Verbesserungen dürften sich vor allem Entwickler eigener Reaktor-Ensembles freuen. Zum Beispiel können nun Anschlüsse für ein effizienteres und übersichtlicheres Design der Ensembles gebündelt werden. Dazu ermöglichen Scoped-Busses „drahtlose“ Verbindungen über mehrere Strukturebenen. Ein neues Table-Framework hilft beim internen Datentransport, auch zwischen Primary- und Core-Komponenten und ein neues Farb-Schema dient der besseren Übersicht. Schließlich wurden alle Reaktor-6-Ensem­bles auf die vorhandenen Block-Synthesizer abgestimmt sowie an die Maschine- und Komplete-Kontrol-Produkte angepasst.

Klang

Reaktor war und bleibt ein Synthesizermonster, in dem jeder Klangliebhaber mit Sicherheit die richtigen Sounds finden dürfte. Hier treffen unendliche und gleichzeitig überzeugende Klangmöglichkeiten auf höchste Fexibilität, die so keine andere Software bietet. Den Klang von Reaktor 6 zu beschreiben ist hingegen schwierig. Je nach Ensemble-Struktur fällt das Klangbild immer wieder unterschiedlich aus. So bietet Reakor 6 glockenreine FM-Klänge, massiv analog tönende Synthesizer, zerrende Wavetables, Granularwolken, durchsetzungsfähige Drums, addditive Oszillatorbänke und selbst eine Resynthese-Einheit, alles ergänzt durch vielseitige Modulationsmöglichkeiten, die ihrerseits neue Klangwelten aufspannen. Reaktor bietet somit alle Voraussetzungen für die Kreation von Instrumenten mit völlig eigenem Klangcharakter und ist damit auch ein ideales Werkzeug zum Erschaffen von Prototypen. Nicht anders sieht es bei den Effekten aus: Vom realistischen Nachhall über Flangerklänge oder wabernde Delays ist alles in überzeugender Klangqualität zu finden und der Kreativität sind, unter anderem auch durch eine einfache Kombination vorhandener Effekte zu mächtigen Multieffekten, kaum Grenzen gesetzt. Hervorzuheben sind die neuen überdurchschnittlich gut klingenden Blocks. Die Oszillatoren bestechen dabei mit druckvollem Klang, die Filter mit Wärme und überzeugendem Resonanzverhalten. So macht Sound-Design hier besonders viel Spaß!

Fazit

Wer Klangerzeuger und Effekte schon immer selbst gestalten wollte, findet hier eine erstklassige Vollbedienung. Dabei sind die Workflow-Verbesserungen für das Kreieren eigener Ensembles ein erster fetter Pluspunkt. Reaktor besticht weiterhin durch eine überzeugende und konkurrenzlose Library, wenn es um die Erweiterung des eigenen Arsenals an Klangerzeugern und Effekten geht. Das neue Block System dürfte vor allem Fans von Modularsystemen ansprechen. Hier wird das Erstellen eigener Synthesizer einfacher denn je und lässt dabei kaum Wünsche offen. Persönlich hätte ich mir noch neue Reaktor-Ensembles erwünscht, aber zugegeben: Die neuen Blocks und Block Patches sind mächtiger als es ein einzelnes Ensemble je sein könnte. Das Beste zum Schluß: Reaktor 6 ist günstiger geworden. Für 199 Euro erhält man ein massives Software-Modularsystem der Sonderklasse. Somit gilt auch 2015: Reaktor 6 ist in seinem Bereich der Platzhirsch, bietet mehr als man begehrt und bleibt durch den halbierten Preis absolut konkurrenzlos. Unverzichtbar!

Native Instruments Reaktor 6

Vertrieb/Internet: www.nativeinstruments.com
Preis (UVP): 199 EUR
System: Win/Mac
Pro/Contra:
+ nahezu unendliche Möglichkeiten zur Synthese und Signalverarbeitung
+ Blocks
+ deutliche Preissenkung
+ Workflow-Verbesserungen bei der Erstellung eigener Ensembles
- Monofonie von Blocks

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der KEYS-Ausgabe 12/15.