Test: Native Instruments Maschine Jam

Native Instruments erweitert mit Maschine Jam seine softwaregestützte Pad-Controller-Reihe und bietet mit der neuen Hardware eine 8-x-8-Padmatrix sowie acht berührungsempfindliche Smart Strips, die ein ganz neues Maschine-Gefühl vermitteln sollen. Was der neue Controller alles zu bieten hat, erfahren Sie hier.

Native Instruments erweitert mit Maschine Jam seine softwaregestützte Pad-Controller-Reihe und bietet mit der neuen Hardware eine 8-x-8-Padmatrix sowie acht berührungsempfindliche Smart Strips, die ein ganz neues Maschine-Gefühl vermitteln sollen. Was der neue Controller alles zu bieten hat, erfahren Sie hier.

Längere Zeit war es still um Maschine. Nach dem großen 2.0-Update vor drei Jahren und der Einführung von Maschine Studio gab es zwar immer wieder kleinere Updates, die die Versionsnummer zuletzt auf 2.47 hoben – große Änderungen oder Erweiterungen blieben aber aus. Das ändert sich durch die neue Maschine Jam mit einem Paukenschlag.

 

Erster Eindruck

Auf den ersten Blick ist das neueste Mitglied der Maschine-Serie gar nicht als solches zu erkennen. Weder gibt es die großen obligatorischen 16 Pads, die acht Drehregler noch die zwei Displays. Stattdessen bestimmt eine Padmatrix mit 8 x 8 kleinen, nicht dynamischen Tastern, die durchaus an Ableton Push oder Novations Launchpad erinnern, die obere Gerätehälfte, während acht Smart Strips den unteren Teil der Hardware bilden. Das Interessante an Maschine Jam ist, dass sie trotz eigenständigem Design mit der gleichen Software (ab Version 2.5) wie jede andere Maschine funktioniert. Mit Maschine Jam erhält man also einen neuen Blickwinkel auf die Software und hat schnelleren Zugriff auf Parameter der Pattern-, Arrangement- und Mixersektionen. Durch die neue Anordnung der Bedien­elemente werden die Ideenfindung und der Arbeitsfluß maßgeblich beeinflusst. Maschine Jam kann standalone, in Verbindung mit anderen Maschines oder als reiner MIDI-Controller betrieben werden. Dazu wurde ein Template erarbeitet, mit dem eine nahtlose Integration in Ableton Live möglich ist (siehe Kasten). Native Instruments will mit der Maschine Jam in Verbindung mit den weiteren Maschine-Modellen eine Produktionslösung bieten, die unabhängig von Computertastatur und Maus ist.

 

Die Hardware

Die Außenmaße sind identisch mit Maschine MK2. Die etwas dünnere Bauhöhe wird durch einen kleinen Standfuß kompensiert, sodass beide Geräte in Höhe und Neigungswinkel übereinstimmen. Rückseitig sind die USB-Buchse für die Daten- und Stromversorgung sowie eine Fußschalterbuchse zum Aktivieren von Start/Stopp und Aufnahme angebracht. Eine zusätzliche Stromversorgung wird nicht benötigt. Die über 100 Bedienelemente sind übersichtlich angeordnet und unterteilen sich in die Padmatrix, die oben und unten durch je acht Pads zum Umschalten der Scenes beziehungsweise Gruppen begrenzt wird. Links befinden sich Tasten zum Umschalten der Sequenzer-Eigenschaften, Funktionstasten für Löschen und Verdoppeln, ein Vierfeld-Wahlschalter (D-Pad) zur Navigation sowie die Taste für Note-Repeat und den Arpeggiator. Rechts wird die Matrix von einer achtfach segmentierten Pegelanzeige mit vier Wahlschaltern für Ein- und Ausgänge, einem berührungsempfindlichen Push-Encoder sowie einer Browse-Taste flankiert. Der untere Teil von Maschine Jam widmet sich den acht Smart Strips und ihren Funktionen. Jedem Strip ist eine mehrfarbige Indikationsleiste zugeordnet, die die jeweilige Werteinstellung über ein elfteiliges Lichtband reflektiert. Über fünf Wahlschalter (Macro, Level, Aux, Control, Auto) auf der linken sowie Perform, ­Notes, Lock, Tune und Swing auf der rechten Seite wechseln die Smart Strips ihre Funktion. Hinzu kommen zehn Tasten für die Transport-Sektion. Alle Bedienelemente überzeugen durch hohe Qualität, wobei die Tasten das Drücken mit einem leisen Knacksen bestätigen und die Smart Strips sich beim Berühren sogar mit feuchten oder klebrigen Händen nicht irritieren lassen.

 

Einschalten und loslegen

Für den Start mit Maschine Jam lädt man programmierbare Sounds und Patterns. Per Tastendruck wird auf dem Computerbildschirm ein Browser geöffnet, den man aus der Komplete-Kontrol-Serie kennt. Über den Push-Encoder navigiert man durch die verschiedenen Register und Unterregister der Instrumente, Projekte, Gruppen und Samples. Beim Laden einer Gruppe werden die zugehörigen Rhythmus-Patterns den Tasten der Matrix pro Spalte von oben nach unten zugeordnet. So wird es möglich, Patterns verschiedener Gruppen gleichzeitig zu wechseln. Ebenso geht das Zusammenstellen von Scenes schnell und intuitiv von der Hand. Natürlich lassen sich aber auch Gruppen ohne Patterns laden.

 

 

Anders als bei den klassischen Maschines ist die Matrix in 8 x 8 Pads ohne Anschlagsdynamik unterteilt.

Sequenzer und Einspiel-Modi

Schaltet man in den Step-Sequencer-Modus, teilt sich die Matrix in zwei Hälften. 16 Pads im unteren rechten Viertel repräsentieren die Sounds einer Gruppe und bilden die Pads einer „normalen“ Maschine nach, über die die Klangauswahl stattfindet. Die oberen vier Pad-Reihen werden zur Step-Eingabe in den Sequenzer genutzt. Bei einer Unterteilung in Sechzehntelnoten (4/4) werden also zwei Takte dargestellt. Längere Patterns können dabei über die Scene-Tasten umgeschaltet werden. Auch ein automatisches Folgen und Umschalten ist möglich. Maschine Jam bietet aber noch zwei zusätzliche Sequencer-Modi, bei denen entweder vier oder acht Instrumente gleichzeitig dargestellt werden. Hierbei wird die komplette Matrix genutzt. Im Vierermodus sind dabei je zwei Reihen einem Instrument zugeordnet. So lassen sich Patterns in Windeseile programmieren und Überblicken, ohne zwischen den einzelnen Sounds/Patterns zu wechseln. Das D-Pad dient dabei zum Navigieren durch die einzelnen Seiten mit je vier Instrumenten. Hinter dem Begriff „Piano Roll“ verbirgt sich ein weiterer Step-Sequencer für Melodien und Akkorde. Hier stellen die Tasten der Matrix den zeitlichen Verlauf auf der horizontalen Achse und den Verlauf der Tonhöhe auf der vertikalen Achse dar. Noten werden einfach über die Matrix-Tasten gesetzt. Beim Berühren des Push-Encoders öffnet sich automatisch ein sogenanntes „Onscreen Overlay“ (OSO). Diese speziell für Maschine Jam entwickelten Parameterfenster werden über der Oberfläche der Maschine-Software eingeblendet und ermöglichen ein schnelles Auswählen und Verändern von Parametern wie etwa Skalen und Akkorde. Ein Manko: Derzeit ist noch keine Eingabe längerer Notenwerte möglich. Wie in jeder Maschine gibt es auch einen Pad- beziehungsweise Keyboard-Modus. Ersterer ermöglicht das direkte Einspielen und Aufnehmen auf den 16 Soundtasten, während im Keyboard-Modus ein einzelner Sound auf allen 64 Tasten tonal spielbar wird. Auch hier werden mittels Push-Encoder die Parameter der Tonart und Akkorde eingeblendet und verändert. Da die Tasten der Matrix nicht anschlagsdynamisch sind, sind filigrane Passagen zumindest auf der Dynamik­ebene leider nur begrenzt möglich.

 


Smart Strips

Obwohl Native Instruments auch in anderen Controllern Smart Strips verbaut, setzt Maschine Jam mit acht berührungsempfindlichen Touch-Reglern neue Maßstäbe. Bereits mit der möglichen Regelung der Laustärken, Panoramapositionen und Aux-Effektanteile wird das Arbeiten mit Maschine deutlich erleichtert. Es geht aber noch mehr. Im Notes-Modus wird Maschine Jam zum spielbaren Instrument. Beim Überstreichen der Strips werden vorab festgelegte Skalen (oder Akkorde) oder eigene erstellte Tonfolgen ausgelöst und erzeugen flirrende Arpeggios. Bei dem Klang eines Klaviers erinnern die Ergebnisse schon mal an Debussy, mit elektronischen Sounds kommt einem eher Herbie Hancock in den Sinn. Interessant wird es, wenn man Percussion-Sounds aus Battery nutzt oder cinematische Effektklänge durch den Wolf dreht. Im User-Modus lässt sich dabei detailliert bestimmen, welche Noten ausgelöst werden. Neu hinzugekommen, mit Augenmerk auf die Smart Strips, sind die acht Perform-Effekte Filter, Flanger/Phaser, Burst Echo, Reso Echo, Ring, Stutter, Tremolo und Scratcher, von denen sich je einer pro Gruppe öffnen lässt. Im Perform-Modus liegt automatisch ein festgelegter Parameter des gewählten Effekts auf dem Smart Strip der Gruppe und wird aktiv, sobald dieser mit dem Finger berührt wird. Im besten Falle hat man also Effekte von bis zu acht Gruppen gleichzeitig unter Kontrolle. 

Die Smart Strips im unteren Gerätebereich bieten eine Vielzahl an Funktionen.

Der Spaßfaktor ist enorm und kreative Ergebnisse an der Tagesordnung! Auch Wertesprünge, die mit einem Drehregler nicht zu bewerkstelligen sind, lassen sich leicht realisieren. Besonders hervorzuheben ist der Scratcher-Effekt, mit dem sich das anliegende Signal scratchen und abstoppen lässt. Ebenso genial: der Stutter-Effekt, der das Signal vorwärts als auch rückwärts abspielen und zerhacken kann. Wer mehr Kontrolle über die einzelnen Effektparameter (und dies gilt nicht nur für die Perform-Effekte) haben möchte, wechselt in den Control-Modus. Über die Smart Strips sind nun die Werte aller Parameter zugänglich. Auch die acht Macro-Regler können über die Strips gesteuert und über die Macro-Taste aufgerufen werden. Natürlich können alle vorgenommenen Eingaben auch automatisiert und aufgezeichnet werden. Für den Fall, dass man bei all den vielen Effekt- und Steuermöglichkeiten den Überblick verliert, hat Native Instruments eine Lock-Taste integriert. Mit dieser wird ein Snapshot aller aktiven Einstellungen (Effekte, Lautstärke, Mute und Panorama) erstellt. Per Knopfdruck verriegelt man so etwa den Refrain, um in einen atmosphärischen Effektteil überzuleiten und auf einen weiteren Knopfdruck zu den ehemaligen Klangeinstellungen zurückzukehren. Bis zum Erscheinen der finalen Version von Maschine Jam soll es möglich sein, 64 Lock Snapshots abzuspeichern und diese sogar ineinander überzublenden.

 

Fazit

Maschine Jam wendet sich klar an Leute, die Hand an ihre Musik legen wollen. Wie der Name andeutet, geht es hier um das unmittelbare Eingreifen, Manipulieren und Erstellen von Patterns und Songs. Wer bereits eine Maschine besitzt, wird sich schnell in Maschine Jam einarbeiten und die neuen Darstellungs- und Kontrollfunktionen nicht mehr missen wollen. Gerade im Verbund mit Maschine Mikro, MK1/2 und Studio ist das Arbeiten nochmals komfortabler und intuitiver geworden. Die Maschines beziehen sich aufeinander und Umschaltvorgänge werden sofort auf beiden Geräten vollzogen. Dadurch bleibt der gewohnte Arbeitsfluss erhalten und wird um die neuen Sequenzer- und Smart-Strip-Möglichkeiten ergänzt. Als Neueinsteiger sollte man hingegen für das Erlernen der Soft- und Hardware etwas Zeit einkalkulieren. Das Aufnehmen, Schneiden und Bearbeiten von Samples ist mit dem Jam-Controller nicht möglich, kann aber am Computer oder mit einer zusätzlichen Maschine bewerkstelligt werden. Insbesondere in Kombination mit Maschine MK2/Studio hat man auf nahezu alle Parameter der Software Zugriff. Aus dem Verbund wird ein autarkes System, bei dem der Computer nur noch eine Nebenrolle spielt.Ebenso überzeugend ist die gute Einbindung in Ableton Live. Maschine Jam liegt dabei irgendwo zwischen Akais APC und dem kostspieligeren, aber auch funktional umfangreicheren Push. Der Blick auf Maschine Jam lohnt sich also. Der Preis ist für Besitzer von Maschine durchaus verlockend und für Neueinsteiger als vollständige Hard- und Softwarelösung sogar ein echtes Schnäppchen. Kaufempfehlung!

Native Instruments Maschine Jam
Vertrieb/Internet: Native Instruments
Preis (UVP): 399 EUR
System: Win, Mac
Pro/Contra:
+ Spaßfaktor
+ Kombination mit Maschine Mikro/MK2/Studio 
+ Smart Strips mit innovativen Funktionen 
+ kompakte Größe 
+ Integration in Ableton Live 
+ gutes Preis-/Leistungsverhältnis, besonders für Neueinsteiger 
+/- Click Pads – für Sequencer sehr gut, für Finger Drumming weniger geeignet 
- keine Eingabemöglichkeit für längere Noten im Piano-Roll-Modus 
- noch kein Song-Modus in Version 2.5

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 11/16.