Interview: Ströme – Herren der Kabel

Früher mit LaBrassBanda unterwegs, nun auf Solopfaden: Das deutsche Duo Ströme ist vor allem für seine Live-Performances mit einem Modularsystem bekannt. Im KEYS-Interview sprechen die beiden Musiker über den richtigen Umgang mit so einem System und mehr.

Ströme im Interview Aufmacher

Früher mit LaBrassBanda unterwegs, nun auf Solopfaden: Das deutsche Duo Ströme ist vor allem für seine Live-Performances mit einem Modularsystem bekannt. Im KEYS-Interview sprechen die beiden Musiker über den richtigen Umgang mit so einem System und mehr.

Modularsynthesizer sind so angesagt wie vielleicht noch nie. Mario Schönhofer und Tobi Weber, alias Ströme, bringen den Trend auf die Bühne. Die beiden begeistern ein breit gefächertes Publikum mit Livemusik, die Klänge für die Tanzfläche mit durchaus experimenteller Elektronik versöhnt. Dabei im Mittelpunkt: das Modularsystem des Duos.

KEYS: Ihr tretet live mit einem analogen Modularsystem auf – ein Laptop oder Ähnliches findet man in eurem Setup gar nicht, oder? 
Mario Schönhofer: Nein, bei uns kommt alles aus den zwei großen Kisten, die wir spielen. Alles wird mit Sequencern aus dem Modularsystem realisiert.

KEYS: Und was sind da so eure Haupt-Tools?
Mario: Ich habe insgesamt sechs Sequencer im System. Dreimal den Audio Damage Sequencer 1, dazu kommen ein Intellijel Metropolis, ein Stillson Hammer MkII und ein Bastl Instruments Popcorn.
Tobi Weber: Die meisten Module bei uns stammen von Doepfer. Ich benutze unter anderem den A-157 Trigger Sequencer und den A-155. Es existieren ja mittlerweile unzählige Hersteller, und wir haben sehr viel ausprobiert. Neben den Sachen von Doepfer gibt es in unserem System auch noch Module von kleinen Firmen wie zum Beispiel Bastl Instruments aus Tschechien oder Endorphin.es.
Mario: Wenn es um die Sound-Erzeugung geht, kommt bei mir mittlerweile alles von Doepfer. Die Sachen klingen phantastisch und sind für den Live-Einsatz einfach am robustesten. Dieter Döpfer wohnt acht Kilometer von uns entfernt. Da haben wir die Möglichkeit, wenn es mal hart auf hart kommt, das Zeug auch ganz schnell reparieren zu lassen. Das ist natürlich für jemanden, der so viel wie wir auf Tour ist, ein Riesenvorteil. Dieter ist für uns eine große Hilfe bei der Lösung technischer Probleme und einfach ein cooler Typ. 
Tobi: Es entstehen im Übrigen nicht nur alle Klänge im Modularsystem – wir mischen da drin auch alles. Wir haben also auch noch kleine Mixer integriert und gehen am Ende tatsächlich nur mit einer Stereosumme per XLR raus. Das war’s. Alles passiert in den Kisten.

KEYS: Hat sich bei euch über die Zeit eine bestimmte Aufgabenverteilung ergeben?
Tobi: Ja, ich mache die Drums und Mario den Rest (lacht). Wir haben ja vorher schon bei LaBrassBanda zusammengespielt, ich am Schlagzeug und Mario am Bass. Die Funktionen dieser akustischen Instrumente haben wir komplett in unsere Live-Aufteilung übernommen. In den Bereichen kennen wir uns aus und kommen uns so dann auch nicht harmonisch in die Quere.

Ströme im Interview Synthesizer
Unter anderem findet man einen Oberheim Xpander und Emulator 2 im Studio von Ströme. // Foto: Mattäus Machuletz

KEYS: Vielleicht könnt ihr mal an einem Beispiel erläutern, wie ihr mit eurem System Sounds erzeugt. Sagen wir, im Fall eines Drum-Patterns …
Tobi: Die Bassdrum kommt bei mir zum Beispiel oft aus zwei Sinusoszillatoren, die per FM über eine Hüllkurve und dann noch durch ein Filter laufen. Es gibt ja auch speziell auf Drums zugeschnittene Module, die 909-Sounds und Ähnliches erzeugen. Spannender finde ich es aber, wenn man sich zum Beispiel für eine Hi-Hat einen hoch gestimmten Pulswellen-Oszillator nimmt und ein High-Pass-Filter mit einer kurzen Hüllkurve drauflegt. Wenn man so einen Weg geht, bekommt man meist einen interessanteren Sound, als man ihn aus einem Drum-Modul erhalten würde. Am Ende läuft es bei mir häufig auf eine Mischung aus beidem hinaus. Toms mache ich zum Beispiel so, dass ich einen Bandpass-Filter zur Selbstresonanz bringe und noch Noise dazumische. Danach kommt meist noch ein Filter, um alles, was man nicht braucht, rausnehmen zu können. Das Spannende an einem Modularsystem ist ja, dass man mit einer Grundausstattung wie Oszillator, Hüllkurve und einem Filter sowohl perkussive Sounds als auch Leads, Bässe und mehr erzeugen kann.

KEYS: Wie lange beschäftigt ihr euch eigentlich schon mit Modularsystemen?
Mario: Ich habe mit normalen Analog-Synths angefangen: Moog, Oberheim, Korg und so weiter. Mit Sequencern, einer Drummachine und dem Oberheim Xpander habe ich vorher auch schon alleine Livegigs gespielt. Der Xpander ist ja auch nichts anderes als ein modularer Synthesizer im Desktop-Format. Ich war dann auf der Suche nach einer Möglichkeit, mein Setup kompakter und auch etwas reparaturfreundlicher zu gestalten. Ein Modularsystem ist für das Liveset dann im Grunde der optimale Schritt. So um 2011/2012 ging es bei mir schließlich mit dem Eurorack los. 
Tobi: Ich habe zuerst versucht, meine Ideen mit Drumcomputern umzusetzen. Das funktionierte aber nicht, weil ich es als Schlagzeuger gewohnt war, den Sound, den ich im Kopf hatte, sofort umsetzen zu können. Mit den Menüs und Untermenüs in den Kisten bin ich nicht klar gekommen. Man hat damit, weil man alles programmieren muss, auf der Bühne nicht wirklich Zugriff auf jeden Sound. Vor zwei Jahren bin ich deshalb auch auf Modularsynths umgestiegen.

KEYS: Was würdet ihr einem Neueinsteiger an modularer Grundausstattung empfehlen?
Mario: Gute Frage … Also natürlich Oszillator, Filter, Hüllkurve und VCA. Grundsätzlich würde ich auch dazu raten, erstmal nicht zu viel zu kaufen, sondern die Module, die man hat, richtig gut auszuchecken. Denn es werden ja sehr viele Sachen am Markt angeboten, bei denen es sich im Prinzip um das Gleiche handelt. Es gibt viele Moog- und Arp-Filter-Nachbauten et cetera. Letzten Endes ist es gerade für Neueinsteiger ein Riesenvorteil, sich auf wenige Module zu reduzieren. Das spart Geld, Zeit, und man lernt sein Equipment sehr gut kennen. 
Tobi: Ich denke, der Klassiker ist, dass man sich ein kleines System von Doepfer mit allen Butter-und-Brot-Sachen holt. Man muss einige Dinge ausprobieren, dann findet man schon seinen Sound. Die Frage ist auch immer, für was man sein System einsetzen möchte. Als Live-Act braucht man natürlich etwas mehr, aber wenn man im Studio zum Beispiel nur eine Monostimme realisieren möchte, dann benötigt man wirklich nicht viel.

Ströme im Interview Mischpult
Im Mischpult kommt alles zusammen: Mario setzt auf ein Acousta P100. // Foto: Mattäus Machuletz

KEYS: Was zählt aktuell zu eurem Lieblings-Equipment?
Mario: Bei mir ist das momentan der Micro-Oszillator von Doepfer – weil der so schön klein ist und toll klingt. Der nimmt nur 4 HE ein. Davon habe ich eine ganze Batterie. Was uns auch enorm hilft, ist das neue Doepfer A-180-9 Multicore – ein Modul, das uns bei Konzerten ermöglicht, unsere Systeme sehr schnell an den Start zu bringen.
Tobi: Mein aktueller Liebling ist ein neues Mischpult – das Doepfer A-135-4A. Da kann man zum Beispiel per CV das Panning und Ducking automatisieren. Das ist auch ein Grund, warum wir gerne schon im Modularsystem mischen. Mit Aux-Wegen und so weiter alles in einen externen Mischer zu führen, wäre außerdem unfassbar aufwendig.

KEYS: Ihr habt auch mit dem Hersteller Cordial schon ein Kabel zusammen entwickelt. Wie kam es dazu?
Mario: Kabel waren für uns lange ein Problem. Vor einem Jahr haben wir uns dann überlegt, dass man zwar im Studio wahnsinnig viel Geld für gute Verkabelungen ausgibt, dann aber an der Basis gar nicht so viel macht. Ich habe daraufhin Cordial angesprochen und gesagt, dass es doch mal cool wäre, richtig gute Kabel mit guten Steckern und guter Abschirmung für Modularsysteme zu machen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass dieses Projekt funktioniert hat. Das sind absolut verlässliche Kabel, die Cordial da entwickelt hat.
Tobi: Es ist für uns total wichtig, dass wir uns im Live-Einsatz auf die Kabel verlassen können. Wir stecken auf der Bühne 150 Kabel um – wenn dann plötzlich ein Gate weg ist oder ein Sequencer springt und man den ganzen Signalweg nach dem Fehler absuchen muss, sorgt das echt für Stress.

Ströme im Interview Soundschrauben
Mario und Tobi erzeugen ihre Klänge selbst. // Foto: Mattäus Machuletz

KEYS: Was habt ihr live schon so für Erfahrungen sammeln können – welche Lektionen habt ihr gelernt?
Tobi: Also, wir haben des Öfteren schon die Anlage überfahren … Gut ist es für uns, wenn wir Headroom haben (lacht). Das wissen wir jetzt.
Mario: Mit LaBrassBanda hatte ich bereits 2013 ein Modularsystem auf der Bühne. Das größte Problem waren bei den großen Anlagen in den Hallen und Stadien immer die Subbässe. Ein Frequenzgang, wie er aus einem Modularsystem kommt, ist einfach zehnmal krasser und schwerer zu handlen als ein Frequenzgang, der aus einer akustischen Bassdrum oder einem E-Bass kommt. Je nachdem, wie man den Filter einstellt, kann die Anlage dann schon in die Knie gehen. Das ist ein Erfahrungswert, den wir jetzt auf die Festivals und großen Bühnen mitnehmen. Wir schauen auf jeden Fall, dass wir die Möglichkeit haben, einen Lowcut zu setzen. Meist ist es so, dass wir auf Festivals spielen, bei denen vor uns DJs auflegen. Die setzen dann gemasterte Wav- oder MP3-Files ein. Die klingen optimal auf solchen Anlagen. Wir haben dann die Schwierigkeit, dem zu entsprechen.
Tobi: Aber mal in die andere Richtung gedacht: Man darf sich mit so einem Live-Setup auch nicht verängstigen lassen. Es muss nicht alles immer total ausgecheckt sein. Wir spielen ja ab und zu auch mal einfach eine Stunde länger. Es gefällt den Leuten, wenn man sich dann etwas traut und experimentiert. Das hört man auch vom Sound, wenn ein Live-Act etwas spontan ausprobiert. Wenn also nicht alles perfekt und brav hingebügelt ist, sondern wirklich live etwas passiert.
Mario: Es kommen oft Leute nach dem Gig zu uns, die sagen: „Hey, wir hören sonst keine elektronische Musik, aber das hat uns jetzt total gefallen.“

KEYS: Unterscheidet sich die Arbeit im Studio bei euch sehr von eurer Live-Performance?
Mario: Meist ist es so, dass, wenn wir im Studio aufnehmen, der betreffende Song schon ziemlich oft live gespielt wurde. Häufig nehmen wir die Performance dann im Studio live als Stereosumme auf.
Tobi: Im Studio kommt halt noch ein bisschen mehr Equipment dazu.
Mario: Am Anfang steht meist eine kleine Idee, die so gut wie möglich in die Sequencer programmiert wird, sodass zumindest die Steuerspannungen für die Oszillatoren und die Rhythmik schon fix sind. Beim Livespielen kristallisiert sich dann heraus, welcher Song auf ein Album oder eine EP soll. Man muss sich halt gut merken, wie man live die Akkordverbindungen oder Sequenzen realisiert hat.

Ströme im Interview Studio
Das Studio von Ströme lässt keine Wünsche offen. // Foto: Mattäus Machuletz

KEYS: Beim Thema Modular-Synthesizer denken viele gleich an die alten Pioniere der elektronischen Musik. Seid ihr auch von diesen Künstlern beeinflusst worden oder inspirieren euch eher andere Musiker?
Mario: Ich bin mit Kraftwerk, Popol Vuh, Tangerine Dream, dem Synthie-Pop der 80s und den Beatles groß geworden – die hat mein Vater schon gehört. Dazu kamen damals auch seine alten Munich-Disco-Platten von Giorgio Moroder und so weiter. Meinen ersten Synthesizer habe ich dann mit elf Jahren bekommen. Was dazu geführt hat, dass ich selten reine Rockbands gehört habe. Vielleicht mal The Cure, New Model Army, The Clash, Radiohead oder aber Jazz-Rock/Fu­sion mit Synthesizern – Weather Report, Herbie Hancock und solche Sachen. Als meine wichtigsten Einflüsse am Synthesizer würde ich Weather Report, Oskar Sala und eben Kraftwerk nennen. Und vielleicht die frühen Sachen von den Einstürzenden Neubauten und Depeche Mode.
Tobi: Wir merken auch, wenn wir in Deutschland unterwegs sind, dass es hier doch eine echte Tradition in Sachen elektronischer Musik gibt. Es ist spannend, zu sehen, was da teilweise schon vor 50 Jahren passiert ist. Aber klar, wir hören uns auch moderne Geschichten an.

KEYS: An welchem Projekt arbeitet ihr momentan am intensivsten?
Mario: An der neuen EP, die im Spätsommer erscheinen wird. Geplant ist auch, dass wir am 6. August im Sisyphos in Berlin ein Live-Album aufnehmen. Die jetzige Festival-Tour nutzen wir schon mal dazu, unser Live-Set so zu optimieren, dass wir nur eine Stereosumme aufnehmen müssen und alles genauso auf Platte gebannt wird, wie es von uns im Club performt wurde.
Tobi: Bei so einer Live-Platte vermeidet man dann auch wochenlange Diskussionen im Studio darüber, was man wegschneiden oder neu einspielen muss (lacht).

KEYS: Vielen Dank für das Gespräch.

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