Test: Max for Cats Bengal – Software-Synthesizer

Nachdem Max-for-Cats-Entwickler Christian Kleine mit Oscillot schon eine Wildkatze auf die Max-for-Live-Gemeinde losgelassen hat, kommt nun ein weiteres Raubtier aus der Familie Felidae zum Zug.

Max for Cats Bengal

Nachdem Max-for-Cats-Entwickler Christian Kleine mit Oscillot schon eine Wildkatze auf die Max-for-Live-Gemeinde losgelassen hat, kommt nun ein weiteres Raubtier aus der Familie Felidae zum Zug.


Frequenzmodulation ist dank Operator ein integraler Bestandteil von Ableton Live. Schon mit vier Sinus-Operatoren lassen sich vielfältige Klangwelten erzeugen – von Bässen über Drumsounds bis hin zu Flächen. Einen erweiterten Ansatz verfolgt Bengal, indem es die Struktur weitgehend öffnet und damit ein semimodulares FM-Instrument erschafft, das durch zwei Multimode-Filter, eine Morph-Funktion und einem Modulationssequencer komplettiert wird.


Artenbestimmung

Anders als viele Live Packs fügt sich Bengal nicht in die übliche Max-for-Live-Ästhetik ein. Statt alle Parameter in Lives Geräteansicht unterzubringen, öffnet man ein separates Editor-Fenster. Dort findet sich ein auf den ersten Blick überschaubarer FM-Synthesizer mit vier Operatoren, zugehörigen Hüllkurven, Filtersektion, zwei LFOs, Modulationshüllkurve, Effekten und einigen Spezialmodulen wie Lag Generator und Math Objekt. Ein mittiges Display zeigt ergänzend wahlweise die Wellenform, ein Spektrogramm oder die Phasenlage an. Im unteren Fensterdrittel befindet sich der halbmodulare Kern: Hier darf nach Herzenslust moduliert, verbunden und Unfug gestiftet werden. Abgesehen von den sechs Algorithmen zur Verschaltung der Träger- und Modulations-Operatoren orientieren sich die Möglichkeiten an klassischen halbmodularen Synthesizern wie dem Korg MS-20 oder ARP 2600. Der Signalweg ist dabei fest „verdrahtet“, kann aber durch Patchpunkte verändert und ergänzt werden.

Max for Cats Bengal Operatoren
Bengal bietet vier Operatoren, die sich je nach Verschaltung auch untereinander modulieren können.

Goldener Käfig

Die Operatoren erzeugen ihren Klang aus bis zu 20 Obertönen. Sie lassen sich alternativ mit mitgelieferten oder eigenen Wavetables beladen. Jeder Operator besitzt eine loopbare ADSR-Hüllkurve mit dreifach umschaltbarem Ein- und Ausschwingverhalten. Je nach Verschaltung modulieren sich die Operatoren auch gegenseitig, bevor sie in der Filtersektion landen. Filter 1 kann als Tiefpass mit 12 oder 24 dB pro Oktave arbeiten, als vierpoliger Hochpass, als Bandpass oder im Notchmodus. Dank zuschaltbarem Kammfilter samt bipolarem Feedbackregler, Drive- und Dry-/Wet-Regler lassen sich hier bereits abgefahrene Sounds erzeugen. Das wahlweise parallel oder seriell geschaltete zweite Filter mischt per Drehregler nahtlos Hoch-, Tief-, Bandpass- und Notchfilter. Weiter formen lässt sich der Klang mit der Filterhüllkurve und einer per Patchfeld nutzbaren Kurvenfunktion. Deren Laufzeit kann zwischen 0,1 ms und 20 Sekunden betragen, weshalb sich sowohl extrem schnelle als auch lange Modulationen realisieren lassen. Die LFOs bieten neben Rauschen und Sinuswellen in der Symmetrie modulierbare Rechteck- und Sägezahnwellen hinauf bis 260 Hertz.

Der Lauflichtsequenzer mit acht Schritten mutet zunächst fast schlicht an, lässt sich mit modularem Entdeckergeist und den anderen Logikmodulen aber clever einsetzen. Ein XY-Pad mit sechs Eingängen eignet sich sowohl als Audiomischer als auch zum Morphen verschiedener Modulationsquellen. Komplettiert wird Bengal schließlich durch eine Effektsektion mit Nachhall, Echo, Bitcrusher, Chorus und Limiter, deren Parameter bewusst reduziert ausfallen.

 

Max for Cats Bengal Filter
Das erste Filter bietet umfangreiche Möglichkeiten zur Klangformung.

Freie Wildbahn

Konzeptionell ist Bengal nur unter Live mit Max 4 Live lauffähig. Von Haus aus werden dabei keine Makroparameter bereitgestellt. Dem halbmodularen Geist folgend werden diese im Innenleben von Bengal als Ausgangsbuchsen zur Verfügung gestellt und wie andere Modulationsquellen verpatcht. Auch MIDI-Events wie Velocity, Pitchbend oder Aftertouch, aber auch Gate, Tonhöhe und ein frei wählbarer CC-Befehl können empfangen werden. Alle Hüllkurven lassen sich einzeln per Trigger auslösen – komplexen Kettenreaktionen und endlos modulierenden Drones steht also nichts im Wege.

 

Klang

Bengal bietet eine leicht verständliche Version der FM-Synthese und verschmilzt diese mit grundlegenden modularen Konzepten und einer mächtigen Filtersektion. Entsprechend breit gefächert sind die Klangergebnisse: Von betörenden FM-Glocken über kreischende Sequenzen, donnernden Subbässen oder Horrorfilmstreichern – Bengal glänzt auf ganzer Linie. Die Tatsache, dass unter der Haube ein editierbares Max-Patch arbeitet, grenzt für mich an Magie. Allerdings sollte man für komplexe Patches und hohe Polyphonie entsprechende CPU-Reserven bereithalten, denn bereits eine Instanz frisst problemlos zwischen 10 und 40 Prozent Rechenleistung eines aktuellen i7-Kerns. Die Preset-Bibliothek offeriert zahlreiche klassische FM-Sounds, bietet aber auch dissonanten Effektklängen und dynamischen Leads viel Raum.

 

Fazit

Bengal entpuppt sich als rundum überzeugender FM-Synthesizer, der sich dank seines unkonventionellen Aufbaus nur schwer mit anderen Instrumenten vergleichen lässt. Ein echtes Original, ganz ohne verpflichtende Handbuchlektüre. Im Unterschied zu Oscillot wendet sich Bengal nicht nur an mit modularer Synthese vertraute Nerds, sonst auch an Einsteiger, die hier schnell zu beeindruckenden Ergebnissen gelangen. Bei einem Preis von unter 50 Euro kann man die domestizierte Großstadtkatze daher nur wärmstens empfehlen. 

 

Max for Cats Bengal

Preis (UVP): 49 EUR
System: Ableton Live Suite 9.5
Pro/Kontra: 
+
überzeugendes Preis-Leistungs-Verhältnis
+ semi-modularer Aufbau
+ breite Klangpalette
- hohe CPU-Anforderungen

KEYS-Ausgabe 05/17 bestellen
Diesen und weitere Artikel finden Sie in der KEYS-Ausgabe 05/17.