Das nervt, wenn externe Hardware ungenutzt verstaubt!

Es ist wirklich ein Jammer. Da hat man sein Studio über die Jahre mit ein paar richtig schönen Synthesizern und Effektgeräten bestückt, benutzt sie aber so gut wie nie.

Es ist wirklich ein Jammer. Da hat man sein Studio über die Jahre mit ein paar richtig schönen Synthesizern und Effektgeräten bestückt, benutzt sie aber so gut wie nie.

Gerade vor Kurzem habe ich an einem Track gebastelt und brauchte für einen Refrain einen markanten Lead-Sound. Sofort kam mir der unverwechselbare Roland-Juno-Sound in den Sinn. Man muss jetzt aber nicht glauben, dass ich dafür meinen komplett verkabelten und integrierten Alpha Juno 1 bemüht hätte. Nein, weit gefehlt. Stattdessen habe ich lieber einen Sound aus Native Instruments Massive genommen, der „so ähnlich wie der Juno“ klingt. Warum? Weil es mit dem Plug-in schneller ging.

Der einfache digitale Weg

Diese, von außen betrachtet, höchst traurige Vorgehensweise habe ich bei mir schon häufiger beobachtet. Tatsächlich schalte ich die meisten Geräte gar nicht erst an! Die letzten Songs habe ich sogar komplett digital im Rechner produziert – ohne auch nur ein Stück externe Hardware zu benutzen (mit Ausnahme des Audio-Interfaces). Das kann doch wirklich nicht Sinn der Sache sein. Klar, das rein digitale Musizieren hat enorme Vorteile, keine Frage. Schnell ist ein passendes VST-Instrument gefunden, dass den gewünschten Sound liefert. Genauso schnell ist der Sound ausgetauscht, wenn er am Ende doch nicht so richtig passt. Und veredelt wird das Ganze mit Effekt-Plug-ins. All das ist mit nur wenigen Klicks erledigt. Entscheide ich mich für die Outboard-Variante, muss ich zunächst über unhandliche Menüs am Synthesizer den passenden Sound finden, dann per MIDI die Melodie einspielen und schließlich die Spur noch im Rechner als Audiodatei bouncen. Das dauert schon deutlich länger. Und wenn mich der Sound am Ende doch nicht überzeugt, fange ich das Spielchen noch mal von vorne an.

Analog fühlt sich aber besser an

Und doch ist man am Ende oft begeisterter von dem, was man der recht begrenzten Hardware entlockt hat. Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, in denen DAWs noch reine MIDI-Studios waren. Wenn man Glück hatte, verstanden die Geräte systemexklusive Dumps, die den passenden Sound oder Effekt per MIDI-Befehl wiederherstellen konnten, aber an Total Recall war in den meisten Fällen nicht zu denken. Ich habe zum Beispiel mit Braintecs TB 3 einen der, wie ich finde, besseren 303-Klone in meinem Rack verbaut. Leider lassen sich bei dem Gerät keinerlei Sound-Einstellungen zusammen mit dem Projekt speichern, sodass ich mir damals eine Schablone auf Papier gebastelt habe, in die ich die jeweiligen Stellungen der Regler und Knöpfe aufgemalt habe. Heute nahezu unvorstellbar. Und doch hat es mir immer unglaublich viel Spaß gemacht, mit dem Bass-Synthie zu arbeiten. Allein das Schrauben an „echten“ Reglern und das erhabene Gefühl, am Ende einen ganz eigenen Sound kreiert zu haben, ist nur wenig vergleichbar mit dem Bedienen eines Plug-ins mit der Maus oder per MIDI-Controller. Ich habe mir jedenfalls geschworen, wieder sehr viel mehr externe Hardware zu nutzen. Denn auch hier gilt der gleiche Grundsatz wie für alte Computer und Spielkonsolen: Regelmäßig bespielen, sonst gehen sie kaputt. Das musste ich jetzt schmerzlich feststellen, als ich meinen Yamaha CS1X-Synthesizer nach gefühlten drei Jahren zum ersten Mal wieder einschaltete. Ein gutes Drittel der Tasten funktioniert nur noch, wenn ich sie mit brachialer Gewalt niederdrücke. Das soll mir mit den anderen Geräten, die mir über die Jahre so sehr ans Herz gewachsen sind, nicht auch noch passieren.

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Der Autor

Sascha Beckmann ist studierter Journalist und arbeitet als freier Redakteur und Autor. Neben dem Schreiben für Magazine und Unternehmen ist er immer wieder auch als Musiker und Komponist in verschiedenen Projekten tätig. Bei seiner Arbeit für KEYS kann er beide Leidenschaften perfekt miteinander verbinden.

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