Interview: Samy Deluxe & Ben Bazzazian – Zerre in der Kette

Im KEYS-Interview sprechen die beiden über klassische Hip-Hop-Beats, ihre Zusammenarbeit mit Nena-Keyboarder Derek von Krogh und Distortion-Plug-ins als Geheimwaffe.

Samy Deluxe im Interview Aufmacher
Foto: Pascal Kerouche

Für sein neues Album „Berühmte letzte Worte“ holte Samy Deluxe sich den Kölner Produzenten Ben Bazzazian ins Boot. Im KEYS-Interview sprechen die beiden über klassische Hip-Hop-Beats, ihre Zusammenarbeit mit Nena-Keyboarder Derek von Krogh und Distortion-Plug-ins als Geheimwaffe.

Auf Samy Deluxes neuem Album „Be­rühmte letzte Worte“ gibt es – für einen Hip-Hop-Künstler eher ungewöhnlich – fast keine klassischen Feature-Tracks. Lediglich der Titel „Epochalität“ weist explizit Megaloh als Rap-Partner aus. Dennoch haben etliche Künstler ihren Teil zum neuen Werk beigetragen – allerdings auf eine subtilere Weise, als es sonst im Hip-Hop oft der Fall ist. Im Laufe der etwa ein Jahr dauernden Produktion lud Samy immer wieder Musiker in sein Studio bei Hamburg ein oder besuchte Künstler in anderen Städten. Mitunter waren es nur kleinste Elemente, die dann beigetragen wurden. So hat etwa Nena für den Song „Haus am Mehr“ nur das Wort „Mehr“ eingesungen. Zu den weiteren bekannten Künstlern, die neben Megaloh und Nena in irgendeiner Form auch noch auf dem neuen Album vertreten sind, zählen unter anderem: Afrob, Chefket, Flo Mega, Gentleman, Max Herre, J-Luv, Lary, Mic Donet, MoTrip, Socalled und Y’akoto. Bei all der kleinteiligen Arbeit mit vielen verschiedenen Künstlern zieht sich doch ein – personeller – roter Faden durch „Berühmte letzte Worte“: Produziert wurde das Album zu einem guten Teil von Ben Bazzazian, der vielen Hip-Hop-Fans zum Beispiel von seinen Kollaborationen mit Haftbefehl bekannt sein dürfte. Wir haben mit Samy und Ben über die Entstehung des neuen Albums gesprochen.

KEYS: Samy, am Großteil der Songs auf deinem neuen Album war Ben als Produzent beteiligt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Samy Deluxe: Zum ersten Mal haben wir bei der Produktion des ASD-Albums vom letzten Jahr zusammengearbeitet. Da wurden von Ben schon drei Hammer-Beats beigesteuert. Seine Arbeit hat mich mega-mäßig überzeugt, und wir haben uns auch menschlich super verstanden. Es waren am Ende noch ganz viele Beats übrig, die von ihm kamen – daraus sind dann noch weitere Songs entstanden. Da war ziemlich viel harter Kram dabei, moderne Beats mit eher synthetischen Sounds. Es gab aber auch einen Song mit einem Piano-Sample, aus dem schließlich das Stück „Von dir Mama“ geworden ist, das es auch auf das neue Album geschafft hat. Ben ist sehr vielseitig, er macht moderne Sachen, kann aber auch richtig schönen klassischen Hip-Hop mit Samples und fetten Drums. In diesem eher organischen Bereich haben wir dann angesetzt.

KEYS: Wenn man über einen längeren Zeitraum an verschiedenen Beats arbeitet, treten sicher oft klanglich recht große Unterschiede auf. Achtet ihr, was den Sound angeht, schon bei der Produktion darauf, einer bestimmten Linie zu folgen? Oder passiert das später im Mix und Mastering?
Samy Deluxe: Beides spielt eine Rolle. Wir haben uns auch durchaus gegen Songs entschieden, wenn sie nicht ins klangliche Konzept gepasst haben. Es liegen hier auch jetzt noch zehn bis zwölf Hammer-Tracks herum, die super Album-Songs und vielleicht sogar Singles abgegeben hätten, aber nicht zur Ausrichtung der Platte passten. Es wurde zwar nicht genau verbal definiert, in welche Richtung es gehen darf und in welche nicht, aber wir lagen gefühlsmäßig auf derselben Wellenlänge und haben uns selten um etwas gestritten. Irgendwann merkten wir, dass alle Songs, die wir mochten, zwei Sachen gemeinsam hatten: einerseits Drums, die ziemlich breakbeat-lastig waren, und andererseits Sounds, die aus Samples kamen oder eingespielt wurden, aber wie Samples klangen. Wenig technoide Synthies oder so.

KEYS: Der Titeltrack „Berühmte letzte Worte“ ist da ein gutes Beispiel, oder?
Samy Deluxe: Genau. Den Drumloop daraus – ich nenn ihn den „O.P.P.“-Drumloop – konnte man ja im Hip-Hop schon des Öfteren hören. Und dann gibt es noch einen Piano-Loop, den ich von Socalled bekommen habe, einem wahnsinnig virtuosen Produzenten und Rapper aus Kanada. Die beiden Elemente habe ich zusammengepackt und Ben gegeben, der das dann noch ausproduziert hat. Man bekommt ja zwischendurch immer mal wieder das Gefühl, dass so etwas out ist und nur noch Doubletime-Hi-Hats und 808s als Hip-Hop durchgehen. Wir haben aber irgendwann eine Wahrheit in Dingen erkannt, die von der Machart eher traditionell waren, aber durch Bens Sounds und meine Texte doch total frisch wirkten und eben kein Retro-Ding waren. Im Grunde sind die Zutaten schon dieselben, aber das Level ist ein komplett anderes. Da muss ich auch echt Ben Credit geben. Ich habe ihm zum Beispiel mein Drum-Arrangement von „Berühmte letzte Worte“ rübergezogen, und er hat das dann mit nur zwei Moves brachial und riesig klingen lassen. Keine Ahnung, wie er das macht. Ich hoffe, irgendwann zeigt er mir das noch mal (lacht).

KEYS: Ben, magst du uns verraten, was das für „Moves“ waren?
Ben Bazzazian: Na ja, ich bin zum Beispiel ein Distortion-Fan. Das ist sicher ein Schlüssel. Außerdem habe ich mir natürlich über die Jahre Ketten für Busse gebaut, von denen ich ausgehe. Wobei das selbstverständlich noch von Song zu Song abgeändert wird. Am Ende ist der „Move“ dann wahrscheinlich vor allem eine Geschmackssache. Mit Zauberei hat das nichts zu tun. Grob gesagt, besteht die Kette aus Verzerrung, Multiband-Kompression und einem EQ. Das Coole ist doch, dass jeder die gleichen Plug-ins benutzen kann, und es letztlich doch bei jedem anders klingt. Aber das Hauptding ist, denke ich, die Distortion.

KEYS: Was sind denn in Sachen Verzerrung deine Favoriten?
Ben Bazzazian: Mein Go-to-Teil, das ich auf unfassbar vielen Sachen verwende, ist Decimort von D16 – das ist ein Bit-Crusher, also kein Verzerrer im herkömmlichen Sinn. Ein Über-Plug-in! Der Soundtoys Decapitator ist auch ein super Verzerrungs-Tool. Und der Culture Vulture von Universal Audio klingt auch übertrieben gut. 

Ben Bazzazian im Studio
Produzent Ben Bazzazian bei der Arbeit. // Foto: Janick Zebrowski

KEYS: Und was verwendest du in puncto Multiband-Kompression?
Ben Bazzazian: Den LinMB von Waves. Der liegt immer drauf, macht aber eigentlich auch gar nicht viel. Geil ist daran halt, dass man auch ein bisschen EQ-mäßig abgehen kann, um zum Beispiel nur den Bassbereich zu komprimieren.

KEYS: Folgt ihr, wenn ihr Aufnahmen verwendet beziehungsweise selbst erstellt, bestimmten Grundsätzen?
Ben Bazzazian: Was ich persönlich festgestellt habe, ist, dass es sich lohnt, zum Beispiel Effekte ruhig drinnen zu lassen. Es ist nicht gut, wenn man jederzeit zum cleanen Signal zurückkehren kann. Man lässt dann nicht los. Immer wieder sämtliche Schritte zurückgehen zu können, macht mich wahnsinnig. Wenn man einen Sound hat, der gut ist, sollte man den auch so lassen.
Samy Deluxe: Ben und ich sind keine Typen, die irgendeinem Regelbuch folgen. Bei uns gibt es keine Regel, die etwa besagt: Die Drums müssen immer so oder so klingen. Am letzten Mix-Tag kam zum Beispiel noch die Frage auf, ob bei einem Song die Drums nicht zu indirekt klingen. Man hat zwar gefühlt, was der Drum-Loop macht, aber es war nicht jeder einzelne Anschlag gut zu hören. Unser Mix-Engineer Derek (von Krogh, arbeitet auch als Keyboarder und Musical-Director von Nena; Anm. d. Red.) hat dann jede einzelne Kick und Snare getriggert – trotzdem klang es am Ende für uns nicht besser und wir haben doch die alte Version genommen. Jetzt ist es halt kein super definierter Drumloop, aber doch als Ganzes ein Mega-Instrumental.
Ben Bazzazian: An der Zusammenarbeit mit Derek fand ich sehr lehrreich, dass er, glaube ich, bei jedem Plug-in genau weiß, was es tut. Das ist geil. Es ist überhaupt gut, auch mit Leuten zusammenzuarbeiten, die aus einer ganz anderen Ecke kommen. Ich glaube, es war auch für Derek interessant, zu sehen, wie ich bestimmte Sachen mache. Weil es halt eine andere Herangehensweise ist.
Samy Deluxe: Wobei ich sagen muss: Was mich an Ben überzeugt hat, ist auch der Umstand, dass seine Rough-Mixes schon wie Sachen klingen, die man pressen will. Die Vorgabe an Derek war dann schon, dass es genau so klingen soll wie die Rough-Mixes. Nur eben mit einem Feinschliff. Bei vielen Produzenten, mit denen ich gearbeitet habe, ist das Mischen nicht schon Teil des Produzierens. Viele ruhen sich darauf aus, dass Sachen noch im Mix ausgearbeitet werden können. Ich finde es cool, wie Ben beim Produzieren ins Detail geht. Und wenn man dann noch jemanden wie Derek hat, der gerade, was den Vocal-Mix angeht, das Ganze noch mal eine Stufe höher hebt, ist das richtig klasse. Wir waren ein gutes Trio!

KEYS: Ben, du legst also, sagen wir, auch schon einen Reverb oder Ähnliches auf einzelne Spuren?
Ben Bazzazian: Ja, auf jeden Fall. Irgendwann habe ich gemerkt, dass, wenn man sich einen Sound exakt so baut, wie man ihn hören möchte, und dann aber, wenn es an den Mix geht, alle Effekte wieder runternimmt, der Mix-Engineer den Sound nie exakt so nachbauen wird, wie man es sich wünscht. Wenn ich lange an einem Klang gebastelt habe, will ich auch, dass er im Mix genauso klingt. Es gibt ja auch Mixer, die so krass an den Files drehen, dass es gar nichts mehr mit dem ursprünglichen Ansatz zu tun hat. Die Vocal-Spuren schicke ich immer clean raus, aber die Instrumental-Spuren sind, auch von den Level-Verhältnissen her, schon so abgestimmt, wie ich es möchte.

KEYS: Ihr habt auch eine Reihe akustischer Instrumente auf dem Album …
Ben Bazzazian: Ja, ich bin ein Freund davon, dass, wenn man ein Klavier auf einem Song will, auch ein echtes Klavier dafür nimmt. Ganz pauschal kann man das so zwar nicht sagen, aber ich bin schon ein Fan von echten Sachen. Man kann das ja auch nachher wieder sampeln und so bearbeiten, dass es klingt, als würde es von einer 30 Jahre alten Soul-Platte stammen. Und man darf auch ruhig auf ein Klavier, das mit zehn Mics aufgenommen wurde, eine Zerre legen. 

Samy Deluxe im Studio
Volle Konzentration: Samy Deluxe war auch in die Produktion des neuen Albums involviert. // Foto: Janick Zebrowski

KEYS: Es gibt aber wahrscheinlich doch das eine oder andere virtuelle Instrument auf dem Album, oder?
Ben Bazzazian: Ja, wobei wir aber oft auf unseren Synthesizer-Virtuosen Derek zurückgegriffen haben, der unsere mit Synthies aus der Dose vorproduzierten Sachen noch durch Original-Synthesizer ausgetauscht hat. Das kann ich jedem empfehlen, der virtuelle Instrumente für das Nonplusultra hält. Diese echten Kisten bringen noch mal eine ganz andere Ebene in den Song.
Samy Deluxe: Echte Moogs zum Beispiel haben eine ganz andere Bandbreite als Plug-ins und machen viel mehr Druck. Es gab zwar nicht die diktatorische Linie, dass alles ausgetauscht werden muss, aber es sind uns eben schon einige Dinge aufgefallen. Dann wurde zum Beispiel ein 808-Sample noch mal an einem analogen Synthie nachgebaut. Vielleicht hören andere den Unterschied gar nicht unbedingt, aber wir wissen halt, was da für ein Aufwand betrieben wurde. Die Sounds sind dadurch einzigartig.
Ben Bazzazian: Wobei ich es auch wichtig finde, dass man so etwas nicht bloß macht, um es zu machen, sondern nur, wenn es auch Sinn ergibt. Man sollte einen analogen Synthesizer nicht bloß deshalb einsetzen, weil er im Studio steht.
Samy Deluxe: Ja, ich kenne auch Leute, die, selbst wenn sie schon einen perfekten Drumloop haben, den dann noch genauso nachspielen lassen und abmischen wie das Original. Da denke ich mir dann: Hey, ein Drumloop – dafür wird im Jahr 2016 eh keiner mehr verklagt. Es sei denn, er ist von Kraftwerk oder so.

KEYS: Vor allem muss man, wenn beispielsweise etwas mit einem Moog nachgespielt wird, auch wissen, wie man mit diesem Gerät richtig umgeht. Das ist ja auch nicht immer gegeben …
Ben Bazzazian: Ja, ich bin eigentlich Gitarrist und insofern sind Synthies auch nicht unbedingt meine Welt. Klar mag ich Synthesizer, und ich komme auch, wenn ich lange genug an ihnen herumdrehe, zu einem Ergebnis – aber Derek ist da halt echt noch ein ganz anderes Kaliber. Ich fand es krass zu sehen, wie er, wenn ich ihm einen Sound vorgespielt habe, gefühlte fünf Sekunden nachgedacht hat, um dann fünf Minuten am Korg Mono/Poly zu schrauben und genau den Sound hinzubekommen, den ich meinte – nur in geiler!
Samy Deluxe: In „Haus am Mehr“ gibt es auch eine Synth-Line, die Ben mit einem Kollegen eingespielt hatte und die sich dann im Mix aber nicht mehr durchgesetzt hat, weil sie zu klein klang. Derek hat das dann in einer halben Stunde mit acht verschiedenen Synthezizern nachgebaut. Diese acht Sounds laufen jetzt als Unterstützung des ursprünglichen Synths mit.
Ben Bazzazian: Der Original-Sound kommt aus dem Arturia-Prophet-Plug-in. Das ist auch ein übergeiler Synth, aber im Mix klang er, gerade im Zusammenspiel mit den Vocals, einfach zu klein.

KEYS: Ben, du hast eben erwähnt, dass du ursprünglich von der Gitarre kommst. Hört man eigentlich Gitarren auf dem Album?
Samy Deluxe: Das ist der beste Gag dieser Platte! Ben hat mir auch gesagt, dass er Gitarre spielt, aber jedes Mal, wenn ich ihm etwas aus Sessions vorgespielt habe, hat er alle Gitarren aus dem Song gekickt. Bis auf eine Gitarre in „Was ich fühl“, die von Matteo (Capreoli: Anm. d. Red.) eingespielt wurde.
Ben Bazzazian: Ich mag keine Gitarren-Hip-Hop-Beats. Das erinnert mich immer an Everlast. Da bin ich ein bisschen anti. Aber die Gitarre auf „Was ich fühl“ hat Matteo unfassbar geil gespielt. Das hat seine Berechtigung.

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