Interview: MS MR – Aus dem Netz in die Charts

Im November präsentierten MS MR ihr zweites Album „How Does It Feel“ live in Deutschland. Wir haben die Möglichkeit genutzt, um mit Max Hershenow, dem musikalischen Kopf der Band, zu sprechen.

Foto: Sony Music

Im November präsentierten MS MR ihr zweites Album „How Does It Feel“ live in Deutschland. Wir haben die Möglichkeit genutzt, um mit Max Hershenow, dem musikalischen Kopf der Band, zu sprechen.

 

Tumblr Glitch Pop, so nennt das New Yorker Duo MS MR seine Musik. Andere haben den Sound von Lizzy Plapinger (Gesang) und Max Hershenow (Produktion) als Chillwave oder schlicht Indie-Pop bezeichnet. Zumindest was die Bandgeschichte der beiden US-Amerikaner angeht, trifft es ihre Eigenbezeichnung hier besser – denn tatsächlich spielte, wie wir im Interview mit Max Hershenow erfahren haben, die Blogosphäre eine entscheidende Rolle beim Durchbruch von MS MR.

 

KEYS: Max, du hast Lizzy auf dem College kennen gelernt. Gab es für euch, als der Entschluss fiel, zusammen Musik zu machen, ein bestimmtes Konzept, das ihr verfolgen wolltet?

Max Hershenow: Wir hatten keine Ahnung davon, was wir taten. Jeder Song war ein individuelles Experiment. Wir betrachteten uns nicht einmal als Band, geschweige denn als eine Band mit Zukunft. Es ging im Grunde nur um den Spaß an der Musik. Wir hingen einfach gerne zusammen rum. Zuerst ging auch jeder Song, den wir schrieben, in eine komplett andere Richtung. Es gab kein geschlossenes Werk. Erst später sind wir zurückgegangen und haben geguckt, was die Songs verbindet und was unser Sound sein könnte. Alles entwickelte sich sehr organisch.

 

KEYS: Wie sah dann euer erster Schritt ins Musikgeschäft aus?

Hershenow: Wir haben unsere Musik bei Bandcamp hochgeladen und einige Links anonym an ausgewählte Blogs gemailt. Nach und nach wurden die Leute übers Netz auf uns aufmerksam. Eines führte zum anderen, und irgendwann hatten wir einen Plattenvertrag in der Tasche. 

 

KEYS: Das ist doch mal eine gute Nachricht: Eigen-Promotion im Netz funktioniert – auch ohne große Strategie!

Hershenow: Ja, es funktioniert. Irgendwie lief alles auf fantastische Art zusammen. 

 

KEYS: Auch wenn ihr euch am Anfang stilistisch in viele verschiedene Richtungen bewegt habt, gibt es heute doch einen bestimmten MS-MR-Sound. Ihr verwendet zum Beispiel häufig Live-Drums, oder?

Hershenow: Eines meiner Hauptziele als Produzent besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen elektronischen und akustischen Klängen herzustellen – so dass man, wenn man sich den Song anhört, nicht immer genau weiß, was von beiden man gerade hört. Ich liebe die Idee, dass unsere Musik an einem Ort zwischen diesen beiden Welten existiert. Zuerst programmiere ich das Schlagzeug, dann bitte ich unseren Drummer, live über diese Spuren zu spielen. Je nachdem, was mir vorschwebt, mische ich anschließend beides zusammen, füge Samples hinzu oder nehme nur die akustischen Drums. Dasselbe gilt für viele Keyboard- und Piano-Passagen: Viele Piano-Parts spiele ich erst als MIDI-Version ein, um mich dann später am akustischen Instrument noch einmal über die Pilot-Spuren aufzunehmen. Das ist ein echt gutes System, und vor allem ist es eine tolle Lösung, wenn man mobil aufnehmen will. Ich kann die Song-Ideen so vollständig im Computer skizzieren, und später, wenn wir genug Material haben, geht es dann ins Studio, um alles einzuspielen, was als Live-Instrument gedacht ist.


KEYS: Gibt es bestimmte Wege, auf denen du die akustischen und elektronischen Spuren dann bearbeitest, damit sie nahtlos ineinander fließen?

Hershenow: Was das betrifft, gebührt unserem Mix-Engineer Tom Elmhirst die meiste Anerkennung. Tom ist ein phänomenaler Mixer und er ist auch sehr gut darin, die richtige Balance zwischen akustischen und elektronischen Elementen zu finden. Ich glaube aber auch, dass meine eigene Musikalität sowieso eher in die Richtung des akustisch-organischen Endes des Electronica-Spektrums tendiert. Auch viele Schlagzeug-Spuren, die ich programmiere, haben ein Akustik-Feel. Dadurch vermengen sich die unterschiedlichen Bereiche ohnehin schon ganz gut. 

 

KEYS: Hat das etwas mit deinem musikalischen Hintergrund zu tun? Kommst du eher aus der Indie-Rock-Szene?

Hershenow: Nein, ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung, was ich mache (lacht). Vor MS MR war ich Tänzer. Angefangen, Musik zu produzieren und aufzunehmen, habe ich nur, weil ich Musik wollte, zu der ich Choreografien erstellen konnte. Es war eher als Ausflug in die Musikproduktion gedacht. Aber Popmusik hat mir schon immer gefallen, und ich sah auch von Anfang an Potenzial darin. Ich orientiere mich auch nicht so sehr an der technischen Seite. Mich interessiert eher, wie ich es schaffe, das Gefühl eines Songs zu vermitteln. Das kommt bei mir weit vor Produktionstricks oder Wissen über Equipment. Obwohl ich, was das angeht, in letzter Zeit schon einiges dazugelernt habe. Was mich dann wiederum manchmal beunruhigt. Weil ich merke, dass ich anfange, mit den Ohren eines Produzenten auf die Musik zu hören. Ich denke ab und zu, dass könnte meine ursprüngliche Musikalität verwässern.

 

 

Früher Tänzer, jetzt Musiker bei MS MR: Max Hershenow. // Foto: Randy Miramontez

KEYS: Was für Gear verwendest du?

Hershenow: Ich arbeite in Logic. Auf dem ersten Album hört man auch bloß Logic-Plug-ins. Auf unserem letzten Album habe ich jetzt neben den Logic-Sachen hauptsächlich Omnisphere-Sounds eingesetzt. Wir hatten aber auch einen Minimoog und einen Juno-106 im Studio. Das war sehr hilfreich. Es hat den Songs einen Hauch Wärme verliehen. Und außerdem macht es einfach unglaublichen Spaß, mit diesen Instrumenten herumzuspielen – vor allem mit dem Moog. Der atmet auf eine ganz besondere Art, und man muss sehr wenig an der Audio-Spur machen, nachdem man aufgenommen hat. Weil ich mit den Logic-Plug-ins begonnen habe, war ich daran gewöhnt, Sounds sehr stark manipulieren zu müssen, bevor sie mir gefielen. Es ist seltsam, aber auch aufregend, jetzt mit etwas arbeiten zu können, das von Anfang an wie ein Instrument klingt, dass man sich gern anhört. Um diesen Grund-Sound herum kann man dann den Song aufbauen.

 

KEYS: Dafür lassen sich im Minimoog aber keine Presets abspeichern …

Hershenow: Stimmt, das geht nicht. Wir mussten Fotos machen. Das ist aber okay. Richtig nervig wäre es, glaube ich, so ein Instrument mit auf Tour zu nehmen. Der Minimoog gehört unserem Schlagzeuger Zach Nicita, mit dem ich das Album zusammen produziert habe. Zach musste den Synthie ungefähr einmal die Woche aus dem Studio nehmen, um etwas reparieren zu lassen. Das ist natürlich nichts, was man während einer Live-Show gebrauchen kann. 

 

KEYS: Omnisphere ist da sicherlich benutzerfreundlicher. Was gefällt dir an diesem Plug-in?

Hershenow: Zunächst einmal: Das Zach es mir zum Geburtstag geschenkt hat – ein tolles Geschenk! Wie ich eben schon erwähnt habe, versuche ich immer eine Mischung aus elektronischen und akustischen Sounds zu kreieren. Ich glaube, Omnisphere passt sehr gut zu dieser Herangehensweise, weil viele Sounds in diesem Plug-in sozusagen schon eine Mischung aus beiden Welten sind. Ich habe gleich gemerkt, dass es zu vielen Klängen passte, mit denen ich schon vorher gearbeitet hatte.


KEYS: Ihr nehmt in einem Homestudio auf, oder?

Hershenow: Ja, wir arbeiten am besten, wenn wir uns in einer Umgebung befinden, über die wir die volle Kontrolle besitzen. Wir haben schon versucht, in größeren Studios aufzunehmen – mit Toningenieuren, viel Equipment und allem, was so dazugehört. Das hat uns aber abgelenkt. Wir arbeiten lieber unter unseren eigenen Bedingungen. Ein Homestudio gibt uns auch die Möglichkeit, die Songs auszuarbeiten, bevor sie irgendjemand anderes zu hören bekommt. Wir müssen nicht belegen, dass wir fleißig sind – nicht beim Label und auch sonst nirgendwo. Im Homestudio ist man unter sich, und das heißt letztlich auch, dass man mehr Kontrolle über das Endprodukt behält. 


KEYS: Folgst du beim Songwriting oder Produzieren einem bestimmten Ablauf?

Hershenow: Ich wünschte, dass ich in der Lage wäre, etwas schablonenhafter zu arbeiten. Es kann unglaublich frustrierend sein, die Arbeit an jedem Song anders zu beginnen. Manchmal kommt jemand mit einer kleinen Melodie oder einer Idee für den Gesang, und ich gehe dann davon aus, oder ich habe einen coolen Sound, der mir als Ausgangsbasis dient. Das kann alles Mögliche sein: Streicher, Drums, Bass, was auch immer. Das ist alles ziemlich willkürlich. Glücklicherweise scheint dieses Chaos keinen negativen Einfluss auf die Qualität unserer Songs zu nehmen. Unsere Stücke gewinnen oder verlieren auch an den unterschiedlichsten Punkten an Power: Es gibt Songs von denen wir dachten, als wir sie schrieben, dass sie sich als Riesen-Singles erweisen würden – und die dann am Ende des Mixing-Prozesses vom Album flogen. Umgekehrt gab es auch Stücke, die wir zuerst für B-Seiten hielten, die aber nach und nach aufblühten und sich als echte Schönheiten entpuppten. 

 

KEYS: Woran lag das dann im Einzelnen? Kannst du ein Beispiel nennen?

Hershenow: Einmal war es das Live-Einspielen eines Parts, ein anderes Mal eine kleine Änderung in einer Melodie. Auch da gibt es kein Muster. 

 

KEYS: Auf welches Stück von eurem aktuellen Album „How Does It Feel“ bist du besonders stolz?

Hershenow: Das ändert sich ständig, aber „Leave Me Alone“ finde ich produktionstechnisch schon recht gelungen. Ich glaube, wir haben es da geschafft, typische R&B-Rhythmen herauszuarbeiten – man hört da meine Beyoncé- und Timbaland-Einflüsse durch – und gleichzeitig die üppige orchestrale Emotionalität von MS MR einzubringen. Als der Song fertig war, hat sich das wie ein richtig wichtiger Schritt für mich als Produzenten angefühlt. Ich glaube, meine besten Produktionen entstehen aus Konflikten. Dann, wenn zwei Dinge aufeinanderprallen, von denen man nicht sofort denken würde, dass sie gut zusammenpassen. „Wrong Victory“ gefällt mir auch sehr. Das ist halt ein richtig schöner Song – und Zachs Beat ist sehr geil. Herzzerreißend. 

 

KEYS: Du hast vorhin erwähnt, dass du vor MS MR Tänzer warst. Ist das etwas, das dich auch heute noch beim Komponieren und Produzieren begleitet? Anders ausgedrückt: Denkst du beim Musikmachen in Choreografien?

Hershenow: Mmm … Das habe ich auf jeden Fall am Anfang gemacht. Lass mich überlegen … Bewegungen machen definitiv einen großen Teil des Songwritings aus. Ich bin sehr körperlich, wenn ich Musik produziere. Ich würde sagen: Ja, ich denke in Choreografien.


KEYS: Ihr seid gerade auf Tour. Wie setzt ihr eure Songs auf der Bühne um?

Hershenow: Im Live-Kontext kommt abgesehen von Lizzy und mir noch ein Bassist dazu, der neben seinem Bass auch einen Moog und einen Juno spielt. Außerdem ist natürlich unser Drummer Zach mit von der Partie, und ich spiele Keyboards, genauer ein Nord. Wir gehen also als komplette Band auf die Bühne. Die Live-Shows rücken die rockigere Seite unserer Musik in den Vordergrund. Etwas, das man nicht notwendig auf unseren Platten hört. Super-High-Energy!

 

KEYS: Wie schaut es bei euch mit Zuspielern aus?

Hershenow: Einige Spuren kommen vom Zuspieler – es gibt aber keine Computer auf der Bühne. Das war uns sehr wichtig. Stattdessen nutzen wir einen JoeCo-Player, der wesentlich zuverlässiger arbeitet als ein Computer. Rechner auf der Bühne sind für mich ein absoluter Albtraum. 


KEYS: Warum hast du dich für ein Nord entschieden?

Hershenow: Weil es einerseits eine relativ große Bandbreite an Sounds bietet, ich aber dazu auch noch eigene Patches reinladen kann, die bei den Aufnahmen entstanden sind, und es zudem möglich ist, die Tastatur zu splitten, um etwa mit der rechten Hand Piano und mit der linken Orgel oder etwas anderes zu spielen. Ich wollte auch kein MIDI über einen Rechner spielen, weil – wie ich eben schon gesagt habe – Computer live für mich ein absoluter Albtraum sind. 

 

KEYS: Max, vielen Dank für das Gespräch.

 

Der Klassiker Minimoog – hier in der zuletzt ausgelieferten Version Minimoog Voyager.

Im Fokus: Moog Minimoog

Für die Produktion des neuen MS-MR-Albums „How Does It Feel“ griff Max Hershenow unter anderem auf einen Minimoog zurück. „Der atmet auf eine ganz besondere Art“, sagt der musikalische Kopf von MS MR. 

Robert Moog und Bill Hemsath stellten 1970 mit dem Minimoog den ersten wirklich kompakten und erschwinglichen Synthesizer für Live-Musiker vor. Das Design dieses monofonen Instruments wurde speziell darauf ausgelegt, die wichtigsten Elemente modularer Synthesizer in eine kompakte Form zu bringen, ohne dass – wie zuvor die Regel – Patch-Kabel zur Verwendung kamen. Heute ist der Minimoog nicht für seine Live-Tauglichkeit bekannt, sondern vor allem für seine satten analogen Bässe und Lead-Sounds – und für die vielleicht bestklingenden Filter, die je in einem analogen Synth verbaut wurden (4-Pole, 24 dB/Oktave, Tiefpass). 

Der Minimoog besitzt drei Oszillatoren, von denen einer als LFO genutzt werden kann. Diverse Wellenformen stehen zur Verfügung. 

Einige bekannte Minimoog-Nutzer: Air, The Chemical Brothers, The Cure, Depeche Mode, Keith Emerson, Herbie Hancock, Michael Jackson, Jean-Michel Jarre, Kraftwerk, Bob Marley, Mouse on Mars, Nine Inch Nails, Jordan Rudess, Vangelis, Rick Wakeman, Bernie Worrell u.v.m.

 

 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 01/16.