Interview: Shuko – Beats und Business

Shuko zählt zu den Top-Produzenten Deutschlands. Wir haben mit ihm über die Kunst des Remixens, die geschäftliche Seite des Produzierens und mehr gesprochen.

Foto: Robert Winter

Shuko zählt zu den Top-Produzenten Deutschlands. Wir haben mit ihm über die Kunst des Remixens, die geschäftliche Seite des Produzierens und mehr gesprochen.

Schon ab den Nullerjahren machte Shuko sich in Deutschland, aber auch international einen Namen als Hip-Hop-Produzent. Hierzulande arbeitete er für Künstler wie Cro, Kollegah oder Mark Forster; in den USA vertrauten unter anderem bereits Lil Wayne, Talib Kweli und Just Blaze auf sein Können. In jüngerer Zeit wendet Shuko sich zunehmend auch anderen Genres zu. So produzierte er zuletzt etwa den Song „Ram Pam Pam“ der Schweizer Soulsängerin Ira May.

KEYS: Shuko, was sind die ersten Schritte, wenn du selbst einen Remix machst?
Shuko: Das Erste ist, zu schauen, dass man andere Chords findet, die aber trotzdem zur Stimme passen. Die meisten Künstler wollen auch, dass der Remix ein anderes Feel hat. Der Überraschungseffekt ist viel größer, wenn der Song in eine andere Richtung driftet. Es muss ja gar nicht so weit weg sein. Wenn man die Chords und das Feel ändert, heißt es ja zum Beispiel nicht, dass sich auch unbedingt das Genre ändert.

KEYS: Gibt es vom Künstler oder Label manchmal auch ganz konkrete Vorgaben, etwa, dass ein Remix nach einem bestimmten anderen Künstler klingen soll?

Shuko: Nein. Wenn jemand zu mir kommt, weiß er ja, was ihn erwartet. Der will dann, glaube ich, auch den Sound, den er von mir seit Jahren kennt. Früher war es aber schon mal der Fall, dass ich eine Referenz bekommen habe.

KEYS: Was sind, rein technisch betrachtet, die ersten Schritte? Du wirfst die DAW an, und was folgt dann?
Shuko:
Ich ziehe als Erstes das Acappella rein, um das Tempo herauszufinden, weil die meisten ja die BPMs nicht mitschicken. Danach setze ich mich ans Klavier und überlege mir ein paar Chords. Dann nehme ich ein paar Akkorde auf und ändere ein bisschen was an der Rhythmik und gucke, wie das mit den Stimmen zusammenarbeitet. Ich fange meist mit dem Refrain an, weil das der wichtigste Part ist. Der muss halt perfekt sitzen.

KEYS: Mit den Drums beginnst du nie?
Shuko: Eigentlich nicht. Vor allem, weil es bei den Drums auch wieder zu viele Sachen gibt, in denen man sich verlieren kann. Wenn man sich Akkorde heraussucht und sich an der Melodie orientiert, hat man dagegen mit der Stimme schon einen guten Anhaltspunkt.

KEYS: Arbeitest du nur an einem Remix oder arbeitest du mehrere Arrangements aus und schaust nachher, was am besten passt?
Shuko: Ich mache manchmal verschiedene Versionen. Oft ist es dann so, dass ich mit der ersten Version nicht happy bin und noch eine zweite ausprobiere. Das ist am Ende dann auch meist diejenige, die einen mehr kickt.

KEYS: Bekommst du einen Remix auch mal mit Änderungswünschen zurückgeschickt?
Shuko: Ja, klar. Das kommt sogar in 50 Prozent der Fälle vor. Wenn der Remix für gut befunden wird, geht es oft noch an die Feinjustierung. Gerade die größeren Künstler sind da sehr picky. Das finde ich aber auch gut. Es heißt dann zum Beispiel, dass hier oder da noch ein Drop beziehungsweise Break rein soll, dass der Refrain noch nicht genug knallt … Ich hatte es auch schon mal, dass nur eine Hi-Hat anders geshuffelt war, als es der Künstler wollte, und als das dann abgeändert war, passte es. Ich bin in der Sache auch nicht einer, der unbedingt seine Kunst durchbringen will. Ein Remix ist im Endeffekt ja eine Auftragsarbeit. Da muss man Kompromisse eingehen.

In Shukos Chateau-Studios lässt es sich ganz entspannt produzieren. // Foto: isaworks.com

KEYS: Ist es ein guter Weg, zu versuchen, über einen Remix den Einstieg ins Musikgeschäft zu schaffen, oder sollte man es eher über eigene Sachen probieren?
Shuko: Gute Frage. Also ich kenne sehr viele, die es über Remixe geschafft haben, weil es natürlich, wenn man mit dem Track eines bekannten Künstlers arbeitet, automatisch eine größere Reichweite gibt. Remixe sind von daher immer noch eine sehr spannende Geschichte. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass es langfristig nur eigene Sachen sind, die Erfolg bringen.

KEYS: Du arbeitest meist mit deinem Kollegen Freedo zusammen. Gibt es bei euch so etwas wie eine typische Arbeitsteilung beim Produzieren?
Shuko: Das variiert echt sehr. Es kommt immer auf den Künstler und das Projekt an. Wir haben auch ein kleines Team von Musikern und Songwritern, die wir dazuholen, wenn wir feststellen, dass es ein bisschen komplizierter wird. Anders entstehen heute aber auch keine großen Produktionen mehr. Es sind immer sieben, acht Leute involviert. Das haben wir zum Beispiel auch bei Diplo von Major Lazer am eigenen Leib erfahren. Es gibt eine paar Ideen und dann wird sozusagen von allem das Beste geholt – der beste Drum-Spezialist, der beste Mann für Akkorde, der beste Arrangeur und so weiter. Im Endeffekt ist das auch gar nicht so verkehrt. Auf diese Weise wurden ja früher Platten schon gemacht. Wenn man sich alte Hits aus den Siebzigern oder Achtzigern anschaut, waren da immer sehr viele Leute beteiligt. Damals blieben diese Personen aber im Hintergrund. Heute möchte dagegen jeder ein Stück vom Kuchen – sprich: vom Publishing – abbekommen. Deswegen sind auch oft so viele Künstler in der Gema-Klammer.

KEYS: Du hast sechs Jahre Klavierunterricht genossen. Könntest du deinen Job eigentlich auch machen, wenn du kein Instrument beherrschen würdest?
Shuko: Nee, ich bin zwar überhaupt kein richtig guter Zocker, aber das Wissen, das ich habe, hilft trotzdem unheimlich. Zum Beispiel wenn man über Chord-Progressions nachdenken muss. Es kommt natürlich immer auf die Musik an, die man macht. Gerade im Hip-Hop ist es nicht essenziell ein Instrument zu beherrschen, wenn man sich mit Samples gut auskennt. Es gibt Leute, die Samples so gut flippen können, dass es gar nicht notwendig ist, noch ein Instrument zu spielen. Das, was ich gerade mache, ist aber eine ganz andere Geschichte. Ira Mays Album ist zum Beispiel sehr handwerklich. Bei der Ideenfindung und in Songwriting-Sessions sollte man bei so etwas schon ein gewisses musikalisches Verständnis mitbringen.

KEYS: Arbeitest du überwiegend in deinem eigenen Studio?
Shuko: Ja, ich habe mit ein paar Jungs zusammen ein Studio aufgebaut (Benjamin Hermann und Daniel De La Haye, Anm. d. Red.). Wir haben sehr auf die Akustik Wert gelegt. Das Studio befindet sich in einem alten Schloss. Es gibt auch ein Gästehaus und einen riesengroßen Garten, wo die Künstler schreiben oder auch mal komplett runterkommen können. Ein Studio in einem Keller oder Fabrikgebäude kann zwar auch seinen Charme haben, ich denke aber, dass ein Künstler in einem Umfeld, wie wir es hier in den Chateau-Studios haben, sich besser austoben kann und auf bessere Ideen kommt.

KEYS: Welches Equipment in deinem Studio schätzt du besonders?

Shuko: Die UAD-Apollo-Sachen zum Beispiel, weil sie dir viel Zeit ersparen, die man dann mit anderen Dingen verbringen kann. Ich bin ja noch in der Analogpult-Ära groß geworden. Das war alles immer sehr kompliziert. Man musste die Einstellungen abfotografieren und so weiter. Die Qualität der Universal-Audio-Plug-ins steht den Originalen in nichts nach.

Kreatives Duo: Shuko (links) und Freedo // Foto: Naomi Wirth & Broncokunst

KEYS: Du würdest also sagen, dass es sich in der Regel nicht mehr lohnt, die Originale im Rack zu haben?
Shuko: Ja, wobei es schon ein paar Sachen gibt, bei denen Plug-ins schwierig sind. Tape-Delays etwa oder Bandmaschinen – da bin ich noch ein Freund echter Analogtechnik. Und wenn ich die Möglichkeit habe, gehe ich auch zu Freunden und lasse mir etwas übers Tape schleifen. Das klingt immer noch ein bisschen anders. Wobei die Unterschiede minimal sind. So etwas hören nur sound-affine Leute.

KEYS: Du bist zurzeit auch als Dozent am Produzentrum tätig. Vermutlich vermittelt ihr dort auch einiges zum geschäftlichen Teil der Arbeit eines Produzenten. Wie wichtig ist dieser Part deines Erachtens?

Shuko: Sehr wichtig. Generell gibt es ja das Problem, dass im Musikgeschäft für die Leistungen, die man erbringt, zu wenig bezahlt wird. Und der Produzent ist der letzte in der Kette, der bezahlt wird – obwohl er sehr viel Kreatives beisteuert. Wir versuchen deshalb auch, zu vermitteln, dass die Jungs keine Hemmschwelle haben und nicht für lau arbeiten sollen. Das Argument von Künstlern lautet ja oft: Es gibt doch die Gema. Das ist aber im Grunde ein Unding, weil der Künstler, wenn er gute Produktionen hat, auch noch viel Geld übers Live-Geschäft machen kann, was für den Produzenten wegfällt.

KEYS: Sollte man auch als junger Produzent, der noch nicht viel gemacht hat, immer auf einem Honorar bestehen, oder gibt es auch Situationen, in denen du empfehlen würdest, etwas gratis abzuliefern?
Shuko: Man muss halt gucken. In einer Win-Win-Situation würde ich natürlich sagen: „Mach es umsonst.“ Etwa wenn man auf einer großen Platzierung drauf ist und man die Möglichkeit hat, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten. In solchen Fällen habe ich früher auch schon umsonst gearbeitet. Dadurch konnte ich früh Leute kennenlernen, die groß im Geschäft sind. Irgendwann muss man aber den Absprung schaffen und sagen: „Schau mal, ich habe hier jetzt ein halbes Jahr an der Sache gearbeitet und nicht so viel dafür gesehen – wir müssen uns mal unterhalten.“ Die Künstler oder Labels, die bereit sind, in dich zu investieren, werden es auch noch tun, wenn du die Preise erhöhst. Die kennen ja das Potenzial. Leute, die das nicht machen, werden dich dagegen die ganze Zeit abziehen. Insofern sollte man das Risiko, mehr Geld zu fordern, unbedingt eingehen. Ich habe auch schon Sachen für Leute umsonst gemacht, bei denen ich dann gemerkt habe: „Moment, da kommt ja gar nichts zurück; es gibt immer nur Versprechungen.“ Eine Menge Karrieren echt talentierter Produzenten und Musiker scheitert daran, dass in solchen Situation falsch gehandelt wird. Viele denken sich, wenn auch auf längere Zeit kaum Geld fließt, dass eine normale Ausbildung vielleicht doch nicht verkehrt ist. Oder sie arbeiten dann als Musiklehrer.

Control-Room von Benjamin Hermann in den Chateau-Studios // Foto: Christoph Bauss

KEYS: Für dich gab es sicherlich den einen oder anderen entscheidenden Moment, in dem du gemerkt hast, dass sich das Produzieren für dich auszahlen könnte, oder?
Shuko: Klar, zum Beispiel das erste Mal, als ich in Amerika gearbeitet habe. Ich war in einem großen Studio, wo goldene Platten von Michael Jackson, Tina Turner und so hingen. Als es dann nach einem Tag Arbeit 1.500 Euro gab, dachte ich mir: „Wow, damit lässt sich Geld verdienen.“ Wichtig war auch der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass man in einem Kollektiv viel weiter kommt. Das heißt, wenn man sich Leute sucht, mit denen man auf einer Wellenlänge liegt. Ich kooperiere jetzt seit vier Jahren mit Freedo, und das hat meine Arbeit auf ein ganz anderes Level gebracht. Freedo ist jemand, der sehr fokussiert arbeitet. Das zieht einen mit. Man boostet sich dann auch gegenseitig hoch. Jeder legt nach – wie in einer Art Wettbewerb.

KEYS: Es war für dich in puncto Renommee sicher hilfreich, etwas in Amerika gemacht zu haben, oder?
Shuko: Das habe ich am Anfang auch gedacht, musste dann aber feststellen, dass es die Leute nicht interessiert, ob du Lil Wayne produziert hast oder Billboard-Erfolge verbuchen kannst. Das Musikgeschäft ist so schnelllebig. Deshalb habe ich mich dann auch dafür entschieden, lieber im Hintergrund zu agieren und mich mit Social-Media und solchen Sachen gar nicht lange aufzuhalten. Deine Posts über irgendwelche Erfolge interessieren am Ende auch keinen. In der Musikerszene ist es vielleicht ein bisschen interessant, dem Großteil der Menschen ist so etwas aber völlig egal.

KEYS: Worauf kommt es – einmal abgesehen vom kreativen Aspekt – für einen Produzenten an?

Shuko: Verlässlichkeit. Bei jedem Künstler hat man einen Freischuss, aber wenn du immer ablieferst, die Qualität stimmt, du pünktlich und zuverlässig bist, kommt die Plattenfirma auch mit dem nächsten Job zu dir. Man muss eben, wenn es morgens um zehn eine Deadline fürs Presswerk gibt, auch mal bereit sein, um drei Uhr nachts aufzustehen und noch etwas fertig zu machen. Aber hey, wenn man Arzt ist, muss man ja auch springen, wenn es piept.

KEYS: Es gibt ja auch eine ganz Reihe Produzenten, die gerne nachrücken würden …
Shuko: Das ist Segen und Fluch zugleich. Ich finde es toll, wenn sich Kids mit Musik beschäftigen, anstatt auf der Straße abzuhängen. Wenn du aber in deinem Leben ein bis zwei Platzierungen auf einem Album hast, bist du halt kein Produzent, sondern eher ein Beatmaker. Es ist klasse, was man heute alles über Youtube lernen kann, das Problem dabei ist einfach nur, dass es ein Überangebot von Menschen gibt, die Beats machen. Qualität setzt sich nicht mehr so einfach durch. Ich kenne viele Leute, die richtig gute Beats machen, jedoch fehlt ihnen der Geschäftssinn. Das ist echt schade. Klar, manche stehen sich dann auch selbst im Weg, aber gesund ist es bestimmt nicht, wenn manche Beatmaker mit 150 Euro für eine Produktion auf einem Major-Release abgespeist werden.

KEYS: Eine Frucht dieses jahrelangen Sammelns von Erfahrungen erscheint jetzt bei Chimperator: dein Instrumental-Album „Electric Relaxation“.
Shuko: Ja, das ist etwas fürs Herz. Mehr als 3.000 Platten werden davon nicht weggehen. Ich habe das so nebenbei zum Runterkommen gemacht – smoother, entspannter Hip-Hop mit elektrischen Einflüssen.

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 09/16.