Interview: Megaloh – Regenmacher

Megalohs neues Album entstand in enger Zusammenarbeit mit dem DJ und Produzenten Ghanaian Stallion. Wir haben mit beiden Berliner Künstlern gesprochen.

Foto: Robert Winter

Megalohs neues Album entstand in enger Zusammenarbeit mit dem DJ und Produzenten Ghanaian Stallion. Wir haben mit beiden Berliner Künstlern gesprochen.

 

Nicht ohne Grund heißt es in Megalohs neuer Single „Regenmacher“: „Ich lass es fließen / Für die Familie“. Heute rappt der Berliner für seine Familie – vor einigen Jahren hätte Megaloh dagegen für seine Lieben die Musikkarriere beinahe an den Nagel gehängt. Zu wenig brachte das Leben als Rapper finanziell ein, zu drängend war die Verantwortung für Frau und Kind. Dann lernte Megaloh Max Herre kennen, kam bei dessen Label Nesola unter – und fasste den Entschluss, es noch einmal mit der Musik zu versuchen. Sein Label-Debüt „Endlich unendlich“ schaffte es in die Top-Ten. Jetzt erscheint der Nachfolger „Regenmacher“.

 

KEYS: Es gab bei dir schon Zeiten, in denen du die Musik hinschmeißen wolltest … Warum hast du weitergemacht?

Megaloh: Ich habe mit der Musik ja früh angefangen und auch damals schon versucht, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Vor mehr als zehn Jahren hatte ich bereits mit Kollegen aus der Schulzeit ein eigenes Label. Das hat sich halt nicht rentiert. Es wurde jede Menge investiert … Die Musik war im Grunde ein teures Hobby. Danach kam eine Phase, in der ich versucht habe, über eine andere Management-Konstellation einen Deal zu bekommen. Was aber auch nicht funktionierte. Das war 2010. Dann habe ich mir gedacht: Du machst jetzt noch ein Projekt umsonst für die Leute, um einen Abschluss zu finden, und danach hörst du auf. Zu der Zeit musste ich auch schon für eine Familie Verantwortung tragen. Für die hat man dann halt Geld heranzubringen. Selbst Musik zu veröffentlichen kostet aber auch viel Geld: Studiokosten, Mastering, Platten pressen lassen, Promotion – das kostet ja alles etwas. Wenn man da keinen Geldgeber hinter sich hat oder zumindest die Perspektive besteht, die Investitionen wieder herauszubekommen, ist es halt schwierig.

 

KEYS: Du hast aber noch mal deine Kräfte gesammelt und wolltest ein letztes Projekt machen …

Megaloh: Genau, auch mit der Hilfe von Freunden, die mir dann sozusagen einen „Nice Price“ gegeben haben. Das war die „Monster“-EP von 2010. Und danach lernte ich Max Herre kennen, der mir einen Deal angeboten hat. Der Rest ist Geschichte. Und jetzt bin ich in der guten Position, vielleicht irgendwann in der Zukunft komplett von der Musik leben und gleichzeitig meine Familie versorgen zu können. Leider ist es noch nicht ganz so weit. Ich arbeite noch im Lager. Das habe ich auch auf meinem letzten Album thematisiert. Den Alltag: Morgens um vier aufstehen und zur Arbeit gehen … Das beschränkt einen natürlich auch in der ganzen Studioarbeit. Bei Musikern passiert ja viel Kreativarbeit nachts. Das konnte ich früher auch machen. Jetzt geht das nicht mehr, weil ich eben um vier Uhr aufstehen muss. 

 

KEYS: Dafür besitzt du aber mehr Lebenserfahrung, die du in deine Texte einbringen kannst und die andere Künstler nicht haben …

Megaloh: Auf jeden Fall. Es ist auch wichtig, aus dem Negativen das Positive herauszuziehen. Klar kann einen der Alltag frustrieren. Aber er generiert eben auch Inhalte. Ein wichtiger Song auf meiner letzten Platte war zum Beispiel „Loser“, der vom Alltag im Lager erzählt. Der war total wichtig, um bei den Konzerten das Eis zu brechen. Bei dem Song konnte man hinter die Fassade gucken. Die Leute dachten sich: Hey, der Typ da auf der Bühne ist ein Mensch wie wir. Der hat auch Alltagsstress wie wir. Das ist nicht bloß eine Kunstfigur. 

 

KEYS: Im Hip-Hop ist oft ein bestimmtes Image sehr wichtig. Kam da vorher bei dir vielleicht auch die Frage auf, ob es klug ist, in den Texten so privat und ehrlich zu werden? 

Megaloh: Das mit dem Image ist für mich schwierig geworden, als ich mit der Musik aufhören wollte. Ich hab mir damals gesagt: Wenn ich Musik weiter machen will, dann nur für mich. Und da kommt dann eben die Frage auf, was für Musik das sein könnte. Ich habe ab dann Texte eher als Ventil gesehen, als Selbsttherapie sozusagen. Da gab es um mich herum auch ein gutes Feedback von den Leuten, das mich in dem Gedanken bestärkt hat, dass das vielleicht eine ganz gute Richtung ist, in die ich gehe. In erster Linie war es aber der Punkt, dass ich Image-Rap nicht mehr machen konnte, weil ich eigentlich nicht mehr rappen wollte, wenn ich dabei nicht guten Gewissens in den Spiegel schauen kann. Es hat einfach keinen Sinn mehr gemacht, einen Superhelden darzustellen, der ich nicht bin. Das war kein kreativer Impuls mehr. 

 

KEYS: Hast du für dich mittlerweile eigentlich besondere Techniken entdeckt, die dir beim Texte schreiben helfen, oder geschieht das eher intuitiv?

Megaloh: Die Routine, die über die Jahre entsteht, eröffnet einem natürlich verschiedene Herangehensweisen. Die funktionieren aber nicht immer. Ich persönlich kann zum Beispiel nicht nach Schema F einen Kreativplan abarbeiten, an dessen Ende dann ein fertiger Text steht. Aber es gibt durchaus Methoden, die mir helfen. Dazu gehört zum Beispiel, viel andere Musik zu hören. Da kommt man inhaltlich, aber auch flow-mäßig auf andere Gedanken. Manchmal sind es auch einzelne Schlüssel- oder Reimworte, die wichtig sein können und von denen ausgehend man entweder inhaltlich oder aber auf Basis eines Reims weitermacht. Ich schreibe auch nicht alle Texte unbedingt von oben nach unten runter. Ich sammle manchmal Bruchstücke, teilweise auch nur Reimfragmente oder einzelne Zeilen. 

 

KEYS: Ziehst du auch Online-Reim-Lexika oder Ähnliches zu Rate?

Megaloh: Da habe ich schon ein paar Mal was nachgeschlagen. Geholfen hat das aber noch nie. Die Reime, die ich suche, haben meist viele Silben, vier oder mehr. Und ich glaube online findet man so maximal zwei Silben. Ich hoffe, jemand bringt mal ein cooles Reimlexikon raus.

 

KEYS: Hip-Hop ist ja eine Subkultur, die neben der Musik noch weitere Elemente aufweist. Hast du dich früher auch in den anderen Aspekten des Hip-Hops versucht?

Megaloh: Ich glaube, ich habe alles mal probiert. Ich muss aber sagen: Ich kann nix anderes als rappen. Beim Graffiti habe ich schon auf dem Papier abgekackt. Wer mal ein Autogramm von mir gesehen hat, weiß, was ich meine (lacht). Breakdancing und DJing war auch nie meine Sache. Da blieb dann nicht mehr viel … Dafür gab es aber schon das erste Mal, als ich Rap-Musik gehört habe, bei mir gleich den Impuls, auch Texte schreiben zu wollen. 

 

Megaloh (rechts) bei einem Live-Auftritt mit Afrob // Foto: Pascal Kerouche

KEYS: Weißt du noch, was das war?

Megaloh: Ja, Snoop Doggs „Doggystyle“-Album, sein Debüt von 1993. Das hat mich komplett erwischt, und ich war gleich mit Leib und Seele dabei. 


KEYS: Für „Regenmacher“ hast du mit deinem langjährigen Freund Ghanaian Stallion zusammengearbeitet. Wie sieht der Produktionsprozess aus, wenn ihr beide kollaboriert?

Megaloh: Also ich mache keine Beats selber, aber ich versuche natürlich, kreativen Input zu geben. Das heißt, ich suche auch mal ein Sample raus, gebe eine Melodie vor oder so. Im Großen und Ganzen ist aber Ghanaian Stallion für die Musik verantwortlich. Er macht enorm viele Beats pro Tag, vielleicht vier oder fünf … Ein Workaholic der feinsten Sorte. Es gibt für mich also schon eine Riesenauswahl – auch deshalb, weil wir einen ähnlichen Musikgeschmack haben. Finetuning im Vorfeld ist da nicht unbedingt notwendig. 

 

KEYS: Ihr kennt euch ja auch schon sehr lange …

Megaloh: Ja, aus der Vorschule. Unsere Eltern kannten sich sogar schon früher, weil es damals Eltern, bei denen ein Teil afrikanisch war, noch recht wenig in Berlin gab. Das war sozusagen eine eigene Community. Zwischendurch haben wir uns zwar 20 Jahre nicht gesehen, aber als wir uns wieder begegnet sind, gab es gleich wieder eine Vertrautheit zwischen uns, die mir gesagt hat: Mit dem kann man Pferde stehlen. 


KEYS: Nehmen wir als Beispiel mal die erste Single „Regenmacher“: Wie sah hier die Zusammenarbeit genau aus?

Megaloh: Der Beat stammt von Ghanaian Stallion und einem anderen Kollegen von mir, Josip Duvnjak, der auf dem Stück auch Keyboards spielt. Zuerst habe ich eine Skizze bekommen, die schon sehr gut war. Wir haben dann noch darüber diskutiert, in welche Richtung wir weiter gehen wollen. Woraufhin dann noch Bläser eingespielt wurden, Trompete, Posaune und Saxofon. Am Ende kamen die Vocals. An dem Beat selbst war ich also nicht wirklich beteiligt. Aber natürlich segne ich jeden einzelnen Schritt ab.

 

KEYS: Schreibst du deine Texte überwiegend zu Hause oder im Studio?

Megaloh: Bei dieser und der letzten Platte ist das meiste zu Hause entstanden. Weil das auch Sachen waren, über die ich mir länger einen Kopf gemacht habe. Da ist dann jedes Wort wichtig. Wenn man im Studio schreibt, ist das eher ein Bauchgefühl-Ding. Ein Feature-Track, den man mit ein paar Kumpels aufnimmt und für den dann jeder eine Strophe schreibt – da ist es nicht ganz so wichtig, ob wirklich alle genau das Thema treffen. Das geht im Studio leichter. Ich muss aber auch sagen, dass ich Lust habe, bei der nächsten Platte richtig im Studio zu leben. Wir bauen uns mit Ghanaian Stallion gerade ein eigenes Studio auf. Da möchte ich mir dann auch eine Matratze reinlegen, um rund um die Uhr Musik machen zu können.

 

Foto: Robert Winter

Produzent im Interview: Ghanaian Stallion

 

Alan Mensah, besser bekannt als Ghanaian Stallion, ist schon seit Längerem Live-DJ von Megaloh und hat nun auch dessen jüngstes Album „Regenmacher“ produziert.

 

KEYS: Alan, was schätzt du an Megaloh? 

Ghanaian Stallion: Wir sind ja auch gut befreundet, sprich: ich könnte jetzt auch etwas über den Menschen Megaloh sagen, aber ich beschränke mich hier mal auf das Musikalische. Und was das betrifft, schätze ich zum Beispiel die Tatsache, dass er sich stets in seiner Kunst verbessern will und immer wieder nach neuen Ansätzen sucht, um das nächste Level zu erreichen. Darüber hinaus ist er sehr musikalisch beziehungsweise hat eine musikalische Vision, die sich weitestgehend auch mit meiner deckt. Was wiederum die Zusammenarbeit sehr angenehm macht. Außerdem schätze und feiere ich seine Art, zu schreiben. 

 

KEYS: Was meinst du damit genau?

Ghanaian Stallion: Es gibt momentan keinen anderen Rapper, der gleichermaßen Poesie, Realität und Authentizität in Texte verpacken kann wie Megaloh. Hinzu kommen Souveränität, Flow und Stimme, die ihn zum komplettesten Rapkünstler machen. 

 

KEYS: Stichwort „Regenmacher“ – was ist dein Lieblings-Song- oder -Part vom neuen Album?

Ghanaian Stallion: Das ist bei einem Album, das man von der ersten Sekunde an mitgeschaffen hat, natürlich sehr schwierig zu sagen. Man hat zu allen Songs ein besonderes Verhältnis. Je nach Stimmung und Situation ist es mal der eine und dann mal wieder ein anderer. Ein Song, der aber etwas ganz besonderes für uns darstellt, ist „Oyoyo“, weil er klangtechnisch etwas macht, das wir vorher so noch nicht gehört haben. Er vereint afrikanische Soundeinflüsse mit modernen Hip-Hop-Elementen. Wir nennen das Afro Trap.

 

KEYS: Was für Synths nutzt du? 

Ghanaian Stallion: Ich bin da nicht so festgefahren beziehungsweise habe keine Sachen, die ich immer in jedem Track verwende. Meine Beats sind ja sehr unterschiedlich. Was in erster Linie daran liegt, dass ich viele verschiedene Sachen höre und feiere. Das wiederum hat auch Einfluss auf meine Inspirationen und die Vielseitigkeit in meinen Produktionen. Ich arbeite auch mit Musikern zusammen, manchmal erst im zweiten, aber auch mal im ersten Schritt. Ich habe einen super Pianisten und Bassisten, mit denen ich viel arbeite. Was fast immer irgendwo zum Einsatz kommt, ist das komplette Bundle von Native Instruments.

 

KEYS: Gibt es bestimmte Tricks, die du nutzt, um deine Drums druckvoller zu gestalten? 

Ghanaian Stallion: Da gibt es sicherlich den einen oder anderen Trick, aber die verrate ich hier nicht (lacht). Was ich aber sagen kann, ist, dass ich inzwischen sehr darauf achte, dass die einzelnen Zutaten beziehungsweise Elemente, die ich für einen Beat verwende, einfach schon eine gewisse Qualität haben, sodass man später beim Ausarbeiten mehr Spielraum hat, das Ganze noch mal aufzuwerten. Außerdem habe ich mit Nils Faller einen Gold- und Platin-Mixing-Engineer, der meinen beziehungsweise unseren Sound versteht und genau weiß, was zu tun ist. 

 

KEYS: Welches Equipment hat dich in letzter besonders beeindruckt? 

Ghanaian Stallion: Ich habe mir für zu Hause gerade neue Boxen bestellt, JBL LSR 305, und bin sehr vom Preis-Leistungs-Verhältnis beeindruckt. Für mein Homestudio ist das ideal. Außerdem habe ich von einem Kollegen kürzlich auch einen Plug-in-Tipp bekommen: eine 808-Workstation. Brutales Teil. 

 

KEYS: Was hat dich eigentlich dazu gebracht, Musik produzieren zu wollen? 

Ghanaian Stallion: Ich habe ja als DJ angefangen und mich schon als Kind viel mit Musik auseinandergesetzt. Erst durch die Zusammenarbeit mit Megaloh habe ich aber auch das Produzieren für mich entdeckt. Das ist eher so aus einer Not heraus geboren. Wir hatten damals schon eine ähnliche Vision, was den Sound angeht, aber niemanden, der sie dann genau so umsetzen konnte. So habe ich angefangen und auch ziemlich schnell gemerkt, dass ich ein Händchen dafür habe und es mich auch erfüllt. Und wenn man dann gleich mit einem gestandenen Rapper wie Megaloh zusammenarbeiten darf, der die eigenen Beats veredelt, dann ist das natürlich noch mal ein zusätzlicher Ansporn.

 

KEYS: Welcher Hip-Hop-Produzent begeistert dich aktuell? 

Ghanaian Stallion: Hit-Boy! Der begeistert mich eigentlich fast immer. Er schafft es, diesen speziellen Bounce zu erzeugen. Deswegen funktionieren seine Produktionen auch super im Club, obwohl sie eigentlich oft auch sehr „raw“ sind. Wenn man es schafft, dem Mainstream seinen eigenen Stempel aufzudrücken, ohne dabei krasse Kompromisse einzugehen, was den eigenen Sound angeht, dann macht man auf jeden Fall etwas richtig. Hit-Boy kann auf einer Joey-Badass-Platte genauso stattfinden wie auf einem Nicki-Minaj-Album und sticht mit seinen Beats immer heraus.

 

 

 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der KEYS-Ausgabe 03/16.