Interview: Ira May – Soul aus der Schweiz

Sängerin Ira May zählt zu den erfolgreichsten Soulsängerinnen der Schweiz. Wir haben mit ihr über die Produktion ihres neuen Albums, Live-Auftritte und mehr gesprochen.

Ira May und Shuko im Studio. / FC: ISAWORKS

Sängerin Ira May zählt zu den erfolgreichsten Soulsängerinnen der Schweiz. Wir haben mit ihr über die Produktion ihres neuen Albums, Live-Auftritte und mehr gesprochen.

Mit ihrem ersten Album „The Spell“ konnte sich Ira May auf Platz 1 der Schweizer Album-Charts platzieren. Nun, zwei Jahre später, kommt ihr zweiter Longplayer „Eye of the Beholder“ in den Handel. Produziert wurde die Platte von keinem Geringeren als Star-Produzent Shuko. Im Interview erfuhren wir unter anderem, wie Ira ihren Produzenten Shuko kennengelernt hat und wie die Zusammenarbeit mit ihm läuft.

KEYS: Erzähle unseren Lesern doch zum Einstig ganz kurz ein wenig über deinen musikalischen Werdegang und wie du zum Musikmachen gekommen bist.
Ira May:
Durch meinen Vater bin ich mit ganz viel Black-Music aufgewachsen und wollte eigentlich auch schon recht früh singen. Mit ungefähr 12 Jahren durfte ich dann in den Schülerchor bei uns im Dorf eintreten. Da konnte ich dann zum allerersten Mal auf einer richtigen Bühne stehen und bei Konzerten mitwirken. Irgendwann habe ich mich dann entschieden Gesangsunterricht zu nehmen. Später bin ich an der Musikakademie in Basel gelandet und war dort für ungefähr zwei oder drei Jahre. Da wurde so eine Art Vorstudium angeboten, dass einen darauf vorbereiten sollte, Operngesang zu studieren. Letztendlich habe ich mich dann aber entschieden, doch nicht Opernsängerin zu werden und bin stattdessen an die Jazzschule gewechselt. Aber auch das war, ehrlich gesagt, so gar nix für mich. Das alles hat dann dazu geführt, dass ich das Musikmachen erstmal wieder an den Nagel gehängt habe. Stattdessen habe ich eine Ausbildung in einem Musikgeschäft gemacht und dort dann Noten verkauft. Eine Weile später begann ich mit einem befreundeten Produzenten Songs aufzunehmen. Das war aber eher hobbymäßig angelegt. Diese Songs haben wir dann ins Internet hochgeladen und auf eine Webseite gestellt. Wie es der Zufall so will, hat mein heutiger Produzent Shuko einen dieser Songs gehört und sich daraufhin bei uns gemeldet und gemeint, er würde uns gerne supporten und ein Album mit uns aufnehmen. So ist das dann letztendlich alles ins Rollen gekommen.

KEYS: Du hast ja in der Schweiz auch mal an einer TV-Casting-Show teilgenommen. Wie stehst du zu solchen Formaten, die ja unter vielen Musikern recht kritisch gesehen werden?
Ira:
Ja, das stimmt. Ich war bei der ersten Staffel von Musicstar, die es in der Schweiz gegeben hat, dabei. Das ist aber echt lange her. Da war ich 15 Jahre alt und bin auch schon in der zweiten Runde rausgeflogen. Das war also keine große Sache für mich damals. Ich würde so etwas auch nie wieder machen. Das war das erste und letzte Mal. Meine Hauptkritik an solchen Formaten ist, dass man dadurch als Künstler schnell abgestempelt wird und ein Etikett bekommt. Außerdem, will ich mir selbst etwas aufbauen. Ich will doch nicht vorgeschrieben bekommen, was ich tun soll und wie das Ganze klingen soll. Es kam für mich also letztendlich gar nicht in Frage, bei so etwas noch mal mitzumachen.


KEYS: Demnächst erscheint dein neues Album „Eye of the Beholder“. Was ist bei diesem Werk anders als beim Album davor? Was hast du diesmal anders gemacht und warum?
Ira:
 Diesmal ist das Album mehr in einem Guss entstanden. Es ist dabei aber auch wesentlich experimentierfreudiger geworden als noch das Vorgängeralbum. Dadurch ist es auf seine Art und Weise auch eigenständiger und auch vielfältiger geworden. Es ist im Gegensatz zu „The Spell“ (das Vorgängeralbum; Anm. d. Red.) auch nicht nur ein reines Sixties-Popalbum, sondern beinhaltet viele verschiedene Richtungen, die alle vertreten sind. Letztendlich ist es aber auch ein Mix aus dem, was ich mache, und aus dem, was Shuko als Produzent mit einbringt. Das ergibt dann halt einfach etwas Neues, Eigenes. Ich stehe da auch hunderprozentig hinter. Es fühlt sich anders an diesmal, reifer vielleicht. Das letzte Album war ja gleichzeitig auch mein Erstlingswerk. Da waren ganz unterschiedliche Songs drauf, teilweise waren das Sachen von mir, die es schon ganz lang gegeben hat, und Sachen, die ich und Shuko extra dafür geschrieben hatten. Das war für uns beide auch Neuland damals, so ein Album zusammen zu machen. Der Prozess hat sich auch sehr lange gezogen. Das ging fast über zwei Jahre an denen wir immer wieder daran gearbeitet haben. Das Ganze war ursprünglich auch eher als so eine Art Demo-Tape gedacht. Wir wollten davon dann einfach mal 2.000 Kopien machen und schauen, was passiert.

KEYS: Wie entstanden die Songs für „Eye of the Beholder“? Arbeiten Shuko und du da immer im Team oder wie kann man sich das genau vorstellen?
Ira:
 Da gibt es jetzt nicht ein bestimmtes System oder eine Schablone, an die wir uns halten und die wir dann immer abarbeiten. Es ist auf jeden Fall nicht so, dass ich immer mit fertigen Songs ins Studio gehe, und wir müssen die nur noch aufnehmen. Das kann zwar schon mal passieren, aber genauso häufig kann es sein, dass Shuko einen neuen Beat gemacht hat und ich dazu texte und meine Lyrics schreibe. Oder wir sitzen beide zusammen da und machen gemeinsam einen Beat oder gleich einen ganzen Song. Wie man sieht, gibt es da keine einheitliche Linie, wie wir vorgehen, um neue Songs zu schrieben. Festhalten kann man aber auf jeden Fall, dass wir beide als Team an den Songs arbeiten, das ist ganz wichtig. Shuko ist nicht einfach der Produzent in dem Sinne, dass ich als Künstler nur noch das vertone, was er sich zuvor ausgedacht hat. Im Gegenteil, es ist für uns beide immer ein sehr kreativer Austausch.
  

KEYS: Und wie sieht es mit den Lyrics aus? Kommen die ausschließlich von dir?
Ira:
 Ja, genau, die Lyrics stammen komplett von mir. Er gibt mir da zwar auch Input in Form von Ideen und Anregungen oder Vorschläge, dass ich mal ein Wort austauschen soll, so etwas in der Art. Aber generell sind das schon meine eigenen Songtexte. 

KEYS: Wenn du für dich an Songs arbeitest, wie fängst du da an? Was ist dein Hauptinstrument?
Ira:
 Ich habe ein Klavier bei mir zu Hause. Meist ist es so, dass das Schreiben von Musik und das Texten gleichzeitig passiert. Wenn ich eine Melodie komponiere, dann habe ich meist auch gleich eine Textidee dazu im Kopf. Das geht dann meist Hand in Hand. Es passiert ganz selten bis nie, dass ich eine Textidee habe, diese aufschreibe und später dann erst vertone. Die Grundlage ist immer das Klavier. Ich habe 10 Jahre Klavierunterricht gehabt. Ich spiele jetzt nicht so supertoll, aber es reicht eben für mich zum Komponieren.

KEYS: Wie sehr interessiert du dich eigentlich für die Technik im Tonstudio? 
Ira:
 Ich muss gestehen, dass ich in der Hinsicht noch immer ein ziemliches Greenhorn bin. Ich hab da wirklich nicht viel Ahnung davon. Klar, ich kann schon den Unterschied hören, wenn ein Mikro besser klingt als das andere, aber ich bin schon darauf angewiesen, dass Shuko da ganz genau weiß, was er macht und mit was wir arbeiten. Er hat auch schon seine Favoriten rumstehen im Studio, die er immer wieder benutzt. Aber ich bin, was das angeht, definitiv noch im Lernprozess. Die Thematik ist für mich auf jeden Fall interessant, da ich eines Tages auch gerne selbst produzieren können würde. Bislang gabs da aber noch nicht genug Zeit um mal tiefer in die Materie einzusteigen. Ein Crashkurs durch Shuko steht aber auf jeden Fall noch auf meinem Plan! Mal schauen, wann wir da mal dazu kommen. Ich hätte halt irgendwann gerne mal so ein Art Basis-Setup zu Hause, damit ich anfangen kann, selbst Ideen aufzuzeichnen und vorzubereiten. 

Ende September erschien Ira Mays zweites Album „Eye of the Beholder“.

KEYS: Deine Musik strotzt ja nur so vor Zitaten aus der Soulmusik der 60er- und 70er-Jahre. Wie entsteht dieser Sound im Studio?
Ira:
 Das ist natürlich in erster Linie Shukos Verdienst, dass das Ganze dann soundtechnisch so klingt, wie es letztendlich auf dem Album zuhören ist. Aber gleichzeitig ist es auch so, dass ich diese Rhythmen und Akkorde ganz bewusst schon beim Komponieren wähle und damit den ersten Schritt in diese Richtung vorgebe. Ich höre eben schon seit vielen Jahren ganz viel Motown und andere Soul-Sachen. Und irgendwann fängt man dann auch an, zu analysieren: „Aus was besteht das, und wie ist das aufgebaut? Oder wie klingen die Drums? Wie sind die Keys eingesetzt?“ Das ist dann wie so eine Art Formel, die man dann nach und nach immer besser versteht und ins eigene Songwriting einfließen lassen kann. Dadurch ist es später auch einfacher im Studio beim Produzieren, dass so klingen zu lassen. Shuko ist dann letztendlich das Genie, das in der Lage ist, die Beats da drüberzusetzen und die Drums so klingen zu lassen, wie wir uns das vorstellen. 

KEYS: Die ganze Platte klingt sehr organisch, als hätte da eine echte, komplette Band im Studio zusammen musiziert?
Ira:
 Das ist nicht unbedingt so gewesen, und das finde ich auch ganz witzig daran. Die meisten Drums sind von Shuko selbst gemacht, sprich: programmiert worden. Aber auf der anderen Seite hatten wir dann auch Streicher da, die im Studio eingespielt haben. Auch die Bläser wurden eingespielt. Ebenso die meisten Gitarrenspuren und der Bass. Aber wir hatten nie eine ganze Band gleichzeitig im Studio, sondern immer je nach Bedarf einzelne Musiker, die wir dann von Zeit zu Zeit hinzugezogen haben. Unter anderem wegen dieser vielen Gastmusiker klingt es dann wahrscheinlich auch so organisch. Und genau das war ja auch unsere Absicht und Intention bei dieser Platte. Das ist schon auch eine Spezialität von Shuko, dass er so etwas dann auch so hinkriegt. Das ist ja nicht unbedingt selbstverständlich, dass das Ergebnis dann auch so klingt. 

KEYS: Du hast eingangs schon mal kurz erwähnt, dass Shuko und du euch übers Internet kennengelernt habt. Erzähl doch noch mal etwas genauer, wie es zu eurer Zusammenarbeit gekommen ist.
Ira:
 Shuko hat sich damals gemeldet, nachdem er einen Song von mir gehört hat und ich hatte überhaupt keine Ahnung wer er überhaupt war. Er hat mich dann einfach zu sich in sein Studio eingeladen und ich bin da einfach dahingefahren. Ich hatte sogar ein wenig Angst, weil ich so gar nicht wusste, mit wem ich es da zu tun haben würde und auf was ich mich da einlasse (lacht). Aber als ich dann da war, war es von Anfang an echt super. Ich habe gespürt, dass er das gut findet, was ich mache, und mich unterstützen möchte. Zu der Zeit hab ich aber noch gearbeitet und steckte noch mitten in der Ausbildung und musst selbst am Wochenende oft arbeiten. Aber immer wenn ich ein freies Wochende hatte, bin ich rübergefahren und wir haben zusammen weiter an den Songs gearbeitet. Und ich kann sagen, dass wir auch sehr gute Freunde geworden sind. Shuko ist für mich mittlerweile ein ganz wichtiger Mensch, weil er mich einfach so super gut unterstützt. Wir bezeichnen unsere gemeinsame Arbeit auch immer als so eine Art Therapie für uns beide (lacht). Wir besprechen einfach alles miteinander, vom Artwork über Video und so weiter. Das ist echt so eine Art Team-Arbeit geworden. 

KEYS: Trittst du bei deinen Konzerten mit einer Band auf?
Ira:
 Ich habe eine Live-Band, bestehend aus zwei Bläsern, Keys, Drums, Bass und Gitarre. Das Ganze ist momentan auch noch in der Entstehungsphase. Nicht alle Beteiligten sind die totalen Profi-Mucker, aber dafür kennen wir uns schon sehr lange und sind alle auch sehr gute Freunde. Das hat dann dadurch auch einen ganz eigenen Groove wenn wir zusammen musizieren. Dass kommt dann wiederum auch bei den Leuten gut an. Wir haben zusammen mit dem Publikum eine Menge Spaß auf der Bühne.

KEYS: Versucht ihr alles, was auf der Platte ist, eins zu eins umzusetzen?
Ira:
 Die Songs sind natürlich vorgegeben, und beim ersten Album haben wir auch noch versucht, alles eins zu eins umzusetzen. Das ging natürlich nicht immer und so haben wir Songs dann auch zum Teil abgeändert, damit es live gut klingt und gleichzeitig spielbar ist. Beim neuen Album arbeiten wir jetzt auch mit Samples. Da die Stücke doch mehr Parts haben, die man live so nicht einfach direkt umsetzen kann. Da werden wir dann auch technikmäßig ein wenig aufstocken. Dazu zählt dann auch beispielsweise, dass wir bei vielen Stücken mit In-Ear Monitoring und Click arbeiten. 

KEYS: In der KEYS läuft gerade ein Remix-Contest zu deinem Song „Ram Pam Pam“. Warum dieser Song, und was erwartest du dir von diesem Remix-Contest?
Ira:
 Der Song ist für mich stilistisch noch derjenige, der am ehesten eine Brücke zum alten Album schlägt. Unter anderem deshalb wurde er auch als erste Single veröffentlicht. Was den Remix-Contest angeht, da bin ich einfach total gespannt, was da alles kommen wird und was die Leute mit meiner Musik und meiner Stimme anstellen werden. Ich bin da total offen und lasse mich gerne überraschen. 

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