Interview: Dellé – Deutscher Reggae 2016

Anfang der Nuller-Jahre eroberte die Berliner Band Seeed die deutschen Hitparaden und Festivals. Nun veröffentlicht Seeed-Member Frank Dellé sein zweites Solo-Album „Neo“. KEYS traf den charismatischen Sänger und seinen Produzenten Guido Craveiro zum Gespräch.

Anfang der Nuller-Jahre eroberte die Berliner Band Seeed die deutschen Hitparaden und Festivals. Nun veröffentlicht Seeed-Member Frank Dellé sein zweites Solo-Album „Neo“. KEYS traf den charismatischen Sänger und seinen Produzenten Guido Craveiro zum Gespräch. 

Ein modernes Reggae Album zu machen, bei dem klassischer Bandsound um elektronische Sounds ergänzt werden, war das Ziel von Dellé und seinem Mitstreiter, dem Kölner Produzenten und Multiinstrumentalisten Guido Craveiro. Im Gespräch erzählten uns die beiden über ihre spezielle Methode beim Songwriting und gaben technische Einblicke in die Produktionsphase.

KEYS: Dellé, erzähl uns doch bitte wie du zum Musik machen gekommen bist.
Dellé: Ich bin 1970 in Deutschland geboren und habe hier auch die ersten Jahre verbracht. Als ich sechs Jahre alt war, sind wir nach Ghana gezogen, weil mein Vater in seine Heimat zurück wollte. So mit acht, neun Jahren hab ich angefangen, mich für Musik zu interessieren. Damals lief dort alles von James Brown über Kool and the Gang, Aretha Franklin und so weiter – aber auch Highlife, so eine Art ghanaische Volksmusik. Da ging es thematisch dann immer um Verliebtsein, Liebesschmerz, Trennung, die Grundprobleme der Menschheit eben. Das war alles nix für mich, das war mir zu seicht. Dann kam auf einmal Reggae nach Ghana, natürlich vor allem in Person von Bob Marley. Und das hat mich dann voll erwischt. Da kam einfach einer an mit seiner Rebel Music und hat über soziale Ungerechtigkeit auf der Welt gesungen und über die Nachfahren der afrikanischen Sklaven, die zurück wollten nach Afrika. Als junger Mensch hat mich das echt bewegt. Diese Eindrücke hab ich dann mitgenommen, als meine Familie, als ich zwölf Jahre alt war, wieder nach Deutschland zurückgekommen ist. Hier gab es dann nicht wirklich Reggae beziehungsweise wenn, galt das als Gutelaune-Musik. Da haben Leute zu „Buffalo Soldier“ fröhlich getanzt, obwohl das eine Hymne gegen die Sklaverei ist. In anderen Ländern wie Frankreich oder auch England spielten Musikrichtung wie Reggae oder afrikanische Musik aufgrund der Kolonialvergangenheit eine viel größere Rolle, da gab es auch eher ein Verständnis dafür. Mit 13, 14 hab ich dann einfach meine eigene Reggae-Band gegründet. 

KEYS: Was hat dich an Reggae begeistert?
Dellé: Ich hab nicht versucht, Texte zu schreiben über die Unterdrückung der Schwarzen oder die Back-To-Africa Bewegung, sondern beispielsweise darüber, dass ich mich geärgert habe, weil meine Mutter wollte, dass ich mein Zimmer aufräume (lacht). Das ich mithilfe von Reggae Geschichten erzählen konnte, die mich in meinem Leben bewegten, das fand ich toll, dass das geht. 

KEYS: Und wie sah das bei dir aus, Guido?
Guido: Ich hab mit fünf Jahren angefangen, Klavier zu spielen und wollte irgendwann Klavier studieren. Mit 14 der erste Atari mit Cubase dazu. Damit hab ich die ersten Experimente mit MIDI gemacht. Während der Abendschule hab ich dann drei Jahre lang Praktika in Tonstudios gemacht und letztendlich das Klavierstudium nie begonnen Nach diesen drei Jahren hab ich Attila Ciftci kennengelernt, der Jingles produzierte. Er hatte meine Sachen gehört, die ich damals so machte, und fand das super. Bei ihm hab ich dann angefangen zu arbeiten und hab später auch sein Studio übernommen. Ab 2002 hatte ich dann keinen Bock mehr auf Jingles und bin auf Musikproduktion umgestiegen. 

KEYS: Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit? 
Guido: Wir haben uns über ein Projekt kennengelernt, das hieß Dubxanne „The Police in Dub“. Das waren neue Produktionen bekannter Police-Songs im Dub-Gewand. Es gab dann die Idee von der Plattenfirma, Frank (Dellé) zu fragen, ob er Bock hätte, Roxanne zu singen, und so haben wir uns kennengelernt. 

Guido Craveiro schwört auf einen ausgewogenen Mix aus Analog- und Digitaltechnik.

KEYS: Wie sind denn die Songs fürs aktuelle Album „Neo“ entstanden?
Dellé: Ich hab in Guido jemanden gefunden, der ein begnadeter Multiinstrumentalist ist. Er kann das, was ich nicht kann, und ich kann das, was er nicht kann. Natürlich hab ich Erfahrungen mit Studiotechnik und bin ja auch studierter Toningenieur, aber irgendwann hab ich mich eben dafür entschieden, mich mehr aufs Singen und Texten zu konzentrieren. Ich mach also quasi Songs aus Guidos Beats. Wir haben uns zusammen eine grobe Marschrichtung für das Album überlegt: Eingefleischte Reggae-Fans sollten beim Hören denken: „Ah, so kann man Reggae 2016 auch machen.“ Und derjenige, der Reggae automatisch nur mit Bob Marley gleichsetzt, sollte auch Stücke auf dem Album finden und denken: „Das ist doch kein Reggae, das ist doch voll geil“ (lacht). Das war so die Grundidee. Dass man den typischen Reggae-Sound bestehend aus Klavier, Drums, Bass und Gitarre noch mit elektronischen Elementen versieht.

KEYS: Und wie seid ihr beim Songwriting vorgegangen?
Dellé: Guido hat mir Beats geschickt und ich hab geschaut, zu was mich diese Beats inspirieren. Ein schönes Beispiel ist etwa „Take Your Medicine“, da hatte ich nur diesen Grundbeat von ihm mit diesem Sägezahn-Sound. Das hat mich dann zu der Geschichte über einen Freund inspiriert, der vor vielen Jahren in eine Psychose verfallen ist. Wenn solch eine Idee erstmal da ist, dann fang ich an, zu texten und mir Melodien zu überlegen. Es gibt in dem Song sozusagen verschiedene Rollen, in die ich mit meiner Stimme schlüpfe. Zum einen die hohen Chöre, dann die verzerrten Vocals und schließlich die tiefe Stimme. Das wiederum passt ja ganz gut zum Thema Psychose. Ich schicke Guido dann meine Vocals, und er versucht aufgrund meiner Melodien und Ideen den Song weiter zu entwickeln. Wenn wir auf diese Art und Weise beispielsweise 20 Songs fertig haben, fahr ich auch mal zu ihm nach Köln für zwei Wochen. Da arbeiten wir dann zusammen an Details. Oder wir machen hier und da Overdubs. Die ganze Vorarbeit, die ganze Fleißarbeit geschieht vorher getrennt in unseren Studios, und wir schicken uns die Ideen so ping-pong-mäßig hin und her.

KEYS: Wie gestalten sich die Aufnahme und Produktion der Beats hier in deinem Studio? Hast du eine bestimmte Vorgehensweise oder eine Philosophie?

Guido: Eigentlich fange ich immer mit irgendeiner Ursprungsidee an, egal ob es ein Klavierlick ist oder ein Beat oder ein Basslauf. Ich bin nicht der Typ, der erstmal alles mit MIDI programmiert und dann durch echte Spuren ersetzt. Bei mir entwickelt sich das nach und nach. Ich habe im Raum nebenan ein Schlagzeug stehen, das immer verkabelt ist, und ich nehme das dann meist direkt so auf, wie ich es haben will. Ich spiele fast alle Instrumente selbst ein, bis der Beat so einen gewissen Charakter bekommt. Das geht nur, indem man echte Instrumente nutzt. Ich kann so etwas nicht, wenn ich nur Plastik, sprich Software, benutze. Alles, was du hier siehst, egal ob Klavier, Gitarren-Amps oder das Schlagzeug – das kommt alles regelmäßig zum Einsatz. Die Songs entwickeln sich dann nach und nach, bis nach zwei, drei oder auch mal fünf Tagen so ein Gerüst da ist. Und das schick ich dann Frank.

KEYS: Dellé, wie nimmst du Vocals bei dir auf?
Dellé: Ich hab ein Brauner Phantom Classic und einen Universal-Audio-Channelstrip, mit dem ich bereits bei der Aufnahme EQ und Kompressor einsetze. Dieses Signal geht dann über einen MiniME von Apogee, der als Wandler dient, in ein MOTU 828. Als Rechner dient mir ein iMac mit Logic Pro X.

KEYS: Das hört sich nach einem ziemlich minimalistischem Ansatz an.
Dellé: Mittlerweile, da ich in meinem Studio keine Kunden mehr beeindrucken muss, hab ich mein Setup massiv reduziert. Ich hab aber viel Wert darauf gelegt, dass mein Aufnahmeraum gut klingt. Ich hab ne komplette Raumakustik installiert. Die ganzen Eierkartons von früher haben also ausgedient (lacht).
Mir war aber auch wichtig, dass das Ganze geil aussieht. So eine Art Herrenzimmer mit viel Holz und einem tollen Tisch, vielen Oldschool-70er-Möbeln. Ein Ort, wo man sich einfach wohlfühlt und auch mal einen Whiskey trinken und abfeiern kann. 

KEYS: Welche Abhöre benutzt du denn?
Dellé: Als Abhöre dienen mir Genelec 1030 mit einem Subwoofer, dazu ein Pärchen 1029 als kleine Abhöre und zu guter Letzt die guten alten Laptop-Lautsprecher zur Kontrolle. Heutzutage muss ja jeder Mix auch auf dem iPhone gut klingen. Aber so ist es halt, der Konsument gibt das vor und wir müssen zusehen, dass es eben auch auf dem iPhone gut klingt.

KEYS: Guido, wie ist deine Strategie beim Mixen der Songs gewesen?
Guido: Ich mixe eigentlich gar nicht. Es ist eher so, dass der Mix direkt beim Produzieren entsteht. Bei Frank haben wir fast ein Jahr an dem Album gearbeitet. Als die Songs dann irgendwann soweit fertig waren hab ich Sie erstmal für vier Wochen auf die Seite gelegt und was anderes gemacht. Danach hab ich Sie wieder ausgepackt und noch mal so zwei, drei Tage pro Song investiert, um ihn fertig zu kriegen. Wenn ich will, dass eine Bassdrum einen bestimmten Klang hat, dann muss ich diesen Klang direkt beim Aufnehmen einfangen und anschließend bearbeiten. Das geht für mich nicht später, dass muss direkt so klingen, wie es am Ende sein soll. Sprich: Der Mix entsteht parallel zum Songwriting und der Produktion.

Das Live-Setup von Guido für die kommende Tour mit Dellé

KEYS: Erzähl doch mal, wie du deine Drums abnimmst?
Guido: Also gerade beim Schlagzeug habe ich lange herumexperimentiert und dabei festgestellt: Wenn die jeweilige Trommel schon so klingt, wie man möchte, dann kann man fast jedes beliebige Mikro davorhängen. Das eiegntliche Geheimnis für einen guten Drumsound liegt mehr im Zusammenspiel von guten Trommeln und einem gut klingenden Raum. Auch die Frage, welche Felle man benutzt, ist viel wichtiger als irgendein bestimmtes Mikrofon. Wenn man dann noch gute Vorverstärker und Mikrofone hat, kann man eigentlich nix mehr falsch machen. Ich hab also viel Zeit investiert, die Instrumente selbst sehr gut klingen zu lassen. Aktuell finde ich meine Tom-Mikrofone ganz geil, die ich jetzt neu habe: Die Beyerdynamic TG 57D. An der Bassdrum hab ich jetzt eine Kombination aus drei Mikrofonen: Eine Grenzfläche von Sennheiser, ein Audix D6 und ein Shure Beta 52B. Mit diesen drei Mikros kriege ich fast alles hin, was ich mir vorstelle. Als Overhead dienen mir zwei Neumann-Kleinmembraner.

KEYS: Dellé, du bist selbst studierter Toningenieur. Wie wirkt sich das auf deine Arbeit als Sänger im Studio aus?
Dellé:
Das ist eine tolle Sache in jeder Hinsicht. Wenn ich als Sänger ins Studio komme, bin ich nicht von den Lichtern beeindruckt. Ich kenn einfach die Parameter und weiß, wie etwa ein Kompressor funktioniert und muss nicht sagen: „Mach mal den Sound fetter“ oder so. Auch in der Zusammenarbeit mit Guido ist das so. Wir verstehen uns nicht nur gut auf der menschlichen Ebene und hängen gerne zusammen rum. Wir sprechen sozusagen auch noch die gleiche Sprache. Ich kann dadurch auch sehr gut beurteilen und ausdrücken, wenn mir etwas nicht gefällt und ihm das sagen. Und er versteht das dann auch. Das ist sehr hilfreich.

KEYS: Wie stehst du zum ewig jungen Streitthema: Analog oder Digital?

Guido: Ich liebe natürlich den analogen Sound, und ich schaffe es zum Beispiel nie, komplett „in the Box“ zu mischen. Wenn ich ausschließlich im Computer mische, bin ich ständig im roten Bereich und finde gar keine Tiefe. Sobald ich den gleichen Mix auf 16 Kanäle meines Analog-Pults, ein Mitec The Joker, verteile, kriegt der Mix sofort Wucht und Tiefe. Dafür habe ich diese Pult hier, darauf steh ich ungemein.

KEYS Wie seid ihr beim Mastering vorgegangen?
Guido: Beim Mastering arbeite ich seit Jahren mit Busy (Truebusyness.com) zusammen. Ich habe ihn 2007 kennengelernt, und seitdem mastert er alles, was ich produziere. Ich habe lange gesucht und ihn letztendlich gefunden, und es passt einfach, wie er meinen Sound umsetzt. Das ist einfach perfekt. Busy ist ja so einer der Mastering-Typen in Deutschland. Er macht Seeed, Peter Fox, Marteria und so weiter. Ich gebe ihm Stems, also Stereospuren von Drums, Bass, Keyboards, Lead-Vocals und Backing-Vocals und dann noch Gitarren und Bläser. All diese Spuren nebeneinander gelegt ergeben meinen Mix. Zusätzlich schicke ich immer noch eine Version, die ich selbst gemastert habe. Damit er ungefähr weiß, wie ich das höre und wo es hingehen kann. Er kann dass dann als Referenz nehmen und es noch fetter machen (lacht).

Im Live-Rack gibt es alles doppelt – für den Notfall.

KEYS: Wie steht ihr zum Thema Loudness? Wie laut muss ein Song sein?
Guido: Lautheit ist relativ, bei einem Album etwa hast du gar keinen Vergleich. Da gibt’s überhaupt keine Notwendigkeit, eine bestimmte Lautheit haben zu wollen. Im Radio hingegen haben wir festgestellt, dass Songs, die leiser gemastert sind, besser klingen. Das hängt mit dem Radio-Kompressor zusammen, der alles, was über den Sender geht, sowieso noch mal heftig komprimiert. Wenn du da dann einen Song reinschickst, der noch ein bisschen Dynamik und Headroom hat, wird das Ergebnis immer besser klingen als bei einem Track, der eh schon totkomprimiert ist.

KEYS: Das heißt aber, es gibt tatsächlich eine leiser gemasterte Version extra fürs Radio?
Guido: Ja, genau. Außerdem noch eine extra Version fürs Video. Die ist in den Höhen noch etwas extremer gemastert.

KEYS: Was ist der Unterschied beim Arbeiten an einer Solo-Platte und bei einer Albumproduktion mit Seeed?
Dellé: Der Unterschied ist tatsächlich der, dass bei einem Soloalbum nur ich bestimme, wie das alles läuft. Natürlich mit der Hilfe und der Betreuung durch Guido. Bei Seeed ist es komplett anders, da wir dort eben alle mitbestimmen und entscheiden. Bei Seeed dauern manche Prozesse tierisch lange, da man mit elf Leuten einen gemeinsamen Nenner finden muss. Trotzdem liebe ich Seeed. Das ist die Band, mit der ich alt werden möchte. Ich bekomme da auch jede Menge Einflüsse, bei einer Altersspanne von 30 Jahren und Leuten, die aus den unterschiedlichsten musikalischen Richtungen kommen. Guido und ich auf der anderen Seite fahren mehr oder weniger auf die gleichen Sachen ab und verstehen uns nahezu blind. Wenn ich mich also zwischen diesen beiden Dingen entscheiden müsste, würde mir das sehr schwer fallen. Aber Gott sei dank muss ich das ja nicht und kann beides machen.

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 08/16.