Interview: CHVRCHES – Eine Klare Linie

Auf ihrem zweiten Album findet die schottische Elektropop-Band Chvrches zu einem noch klareren Sound. Iain Cook und Lauren Mayberry haben uns verraten, wie „Every Open Eye“ entstanden ist.

Foto: Danny Clinch

Auf ihrem zweiten Album findet die schottische Elektropop-Band Chvrches zu einem noch klareren Sound. Iain Cook und Lauren Mayberry haben uns verraten, wie „Every Open Eye“ entstanden ist.

Der große Erfolg ihres Debüts „The Bones of What You Believe“ erwischte Chvrches 2013 unvorbereitet. Iain Cook (Synths, Gitarren, Bass) und Martin Doherty (Synths, Vocals) waren zwar schon ewig befreundet, hatten aber jahrelang getrennt in eher obskuren Bands aus Glasgow gespielt beziehungsweise – in Cooks Fall – auch als Film- und Fernsehkomponist gearbeitet, bevor sie sich 2011 entschlossen, endlich ein gemeinsames Projekt zu starten. Die beiden baten wenig später die freiberufliche Journalistin Lauren Mayberry, zu einigen ihrer Demos zu singen – Chvrches waren geboren. Es folgte ein Top-10-Album im Vereinigten Königreich und internationale Hits wie „Recover“ oder „The Mother We Share“. Mit dem im Sommer erschienenen neuen Album „Every Open Eye“ legen Chvrches nun noch einmal einen drauf, vor allem was die Effizienz ihrer Arrangements angeht. Bei den drei Schotten regiert jetzt die klare Linie. Iain Cook und Lauren Mayberry sprachen mit uns über die Produktion ihres neuen Albums.

KEYS: Euer Debüt „The Bones of What You Believe“ hat sich seit seinem Erscheinen 2013 als ziemlich einflussreich erwiesen. Wart ihr da verleitet, diesmal bewusst in eine andere Richtung zu gehen?
Lauren Mayberry: Wir haben uns gar nicht richtig darüber unterhalten, was für eine Art Album wir genau schreiben wollen, bevor wir damit angefangen haben. Wir wollten eine natürlich Entwicklung von unserer ersten zur jetzigen Platte. Die Produktion und das Songwriting als Ganzes sollten aber fokussierter klingen, und ich glaube, das haben wir auch erreicht. Meines Erachtens klingt das Album viel selbstsicherer – wie eine veredelte Version derselben Band.

KEYS: Beim Aufnehmen von „Every Open Eye“ habt ihr euch an Quincy Jones orientiert. Könnt ihr das ein wenig erläutern?
Iain Cook: Uns hat Quincy Jones‘ Herangehensweise ans Produzieren und Arrangieren inspiriert, besonders seine Arbeiten mit Michael Jackson. Die von Quincy produzierten Stücke aus dieser Zeit klingen richtig voll und groß, aber wenn man sie analysiert, fällt auf, dass es eigentlich nur recht wenige Elemente im Mix gibt. Auf unserem ersten Album haben wir, vielleicht aus Unerfahrenheit oder weil uns nur wenige Synths zur Verfügung standen, etwas überkompensiert, indem wir alles in die Songs geschmissen haben, was sich irgendwie anbot. Die Arrangements wurden mit jeder Menge Sounds überfrachtet, anstatt einfach einen einzelnen passenden Klang zu suchen und dafür einen Platz im Mix zu finden. Der Gedanke an diesen schlankeren Weniger-ist-mehr-Ansatz kam uns dann tatsächlich schon lange, bevor wir überhaupt einen Fuß ins Studio gesetzt haben.

KEYS: „Every Open Eye“ wurde von Mark „Spike“ Stent gemischt, der in der Vergangenheit zum Beispiel schon für seine Arbeiten mit Madonna, Muse und Beyoncé Grammys gewonnen hat. Welchen Einfluss hatte Mark auf das Album?
Iain: Mark stellte von Anfang an klar, dass es um unser Album und daher auch ausschließlich um unsere Vision geht. Sein Job sollte also nur darin bestehen, unsere Vorstellungen umzusetzen – und zwar so gut wie möglich. Wir waren schon immer der Meinung, dass es essenziell ist, jemanden außerhalb der Band, der mit frischen Ohren an die Musik geht, mischen und mastern zu lassen. Das gilt besonders für eine Konfiguration, wie sie bei uns gegeben ist. Wir schreiben, recorden und produzieren ja selbst. Manchmal kann eine dritte Partei helfen, noch etwas zu entdecken und vielleicht weiterzuentwickeln, dass wir übersehen oder einfach beiseitegeschoben haben. Abgesehen davon hat Mark auch schlicht ein unglaubliches Paar Ohren, und seine Gesangs- und Drum-Bearbeitungen sind Weltklasse. Besonders, was er mit Laurens Vocals anstellte, hat uns einfach umgehauen.

KEYS: Das Stück „Clearest Blue“ diente euch in mancher Hinsicht als Vorlage für den Rest des Albums. Welche Aspekte hat das genau eingeschlossen?
Lauren:
Ich denke, die Stimmung dieses Songs, sowohl klanglich wie emotional, hat uns definitiv geholfen, herauszufinden, in welche Richtung wir das Album anlegen wollten. Es war auch großartig, das Stück live zu spielen, weil die Leute wirklich auf den emotionalen Aufbau des Songs reagieren. Diese Art von Publikumsreaktion ist die wichtigste Form von Feedback, die wir überhaupt bekommen können.
Iain: Ich glaube auch, dass „Clearest Blue“ perfekt das Gleichgewicht zwischen Melancholie und Anmut hält. Was meiner Meinung nach generell der Grundstein unseres Songwritings ist. Es fühlt sich wie ein Stück an, dass aus einem Ort der Anspannung und Traurigkeit zu einem Platz gelangt, in dem Klarheit und Befreiung herrschen. Produktionstechnisch ist uns besonders der Moment, als wir die End-Sektion eingespielt haben, in guter Erinnerung geblieben. Wir sind da im Studio wie Idioten herumgetanzt – was normalerweise der Zeitpunkt ist, an dem wir wissen, dass wir etwas Handfestes geleistet haben.

KEYS: Welche Instrumente wurden auf „Clearest Blue“ eingesetzt?
Iain:
Wir haben den DSI Prophet 12 für eine Menge Sounds in diesem Stück benutzt. Die meiste Zeit kristallisieren Songs sich bei uns heraus, wenn wir im Studio mit Synths, Drum-Maschinen oder anderen Instrumenten herumspielen. Aus dem ursprünglichen Funken entsteht dann in der Regel das Grundgerüst des Songs. Ich liebe den Prophet 12. Er ist sehr modern und flexibel, hat aber trotzdem eine Menge vom Charakter und der Wärme meiner Lieblings-Analog-Gear. An einigen Stellen hört man auch einen Moog Voyager, einen Jupiter-8 und einen DSI Pro 02.

KEYS: Waren das auch generell eure Hauptinstrumente?
Iain:
Ja, aber in diese Reihe gehören dann auch noch der Juno 106 und der Oberheim OB-XA. Der Jupiter-8 ist meiner Meinung nach schlicht die Mutter aller analogen Poly-Synths, vor allem die Flächen sind echt grandios. Der Jupiter klingt so warm und organisch … Der Prophet ist dagegen, wie ich eben schon erwähnt habe, sehr flexibel und stellt eine gute Mischung aus Alt und Neu dar. Der Pro 02 wiederum klingt super punchy. Es macht richtig Spaß, ihn als Mono-Synth einzusetzen. Und er bietet ganz viele Glocken und Whistles, die Dave Smith auch in den Pro 12 gepackt hat. Der Sequenzer ist auch ein lustiges Teil. Der Voyager – dessen Produktion leider gerade eingestellt wurde – kommt schließlich so nah an den klassischen Minimoog-Sound heran, wie es heute nur geht, obwohl er eigentlich ganz anders aufgebaut und ein viel modernerer Synthesizer ist. Er hat aber durchaus auch seinen eigenen Sound.
Der Juno 106 ist ein guter Allrounder, den wir viel für Bässe einsetzen. Das Low-End mit dem Sub und Chorus klingt echt solide und massiv. Weil uns bislang jeder erzählt hat, dass der Juno 6 in jeder Hinsicht besser ist, werden wir uns wahrscheinlich für die nächste Produktion wohl auch diesen Synth zulegen. Aber ich habe noch nie einen besessen und kann also nicht wirklich einschätzen, ob er den Hype verdient. Der Oberheim OB-XA schließlich ist eine weitere großartige Flächen-Maschine, der aber gleichzeitig noch mal ein ganz anders klingendes Ungeheuer darstellt – wegen der Filter und der vom Jupiter abweichenden Architektur. OB-XA und Jupiter ergänzen sich sehr gut und bilden einen schönen Kontrast. Der Oberheim hat definitiv einen Sound, den man eher mit den 80ern verbindet als den eines Jupiters oder Junos. Wahrscheinlich sind Van Halen daran schuld.

Das junge Synth-Pop-Trio aus Schottland hat 2011 begonnen, zusammen Musik zu machen. // Foto: Danny Clinch

KEYS: Ziemlich viele aktuelle Bands beziehen sich klanglich auf den Synth-Pop der Achtziger. Haben Bands aus dieser Zeit euch auch beeinflusst?
Lauren: 
Wir sind alle große Fans von Gruppen wie Depeche Mode, Eurythmics, Erasure und so weiter. Ich finde es super, dass viele von diesen Bands zwar elek­tronische Instrumente benutzt haben, aber der Inhalt ihrer Songs sich trotzdem sehr menschlich und organisch anfühlt, weil nicht alles von Computern und Programmen produziert wurde. Es fehlte sozusagen noch der letzte Schliff, und das gab dem Ganzen eine sehr spezielle Note und Individualität. 
Iain: Ja, die Technik steckte damals noch in den Kinderschuhen, weshalb die Leute mit dem Equipment richtig ringen mussten und so neue und kreative Wege fanden, um irgendwie damit klarzukommen, dass sie keine herkömmlichen Standard-Pop/Rock-Instrumentierungen verwendeten. Dadurch, dass alle Mitglieder von Chvrches einen Indie-Rock-Hintergrund besitzen, fühlt es sich zumindest so an, als hätten wir eine ganz ähnliche Einstellung, was die Art betrifft, wie wir unsere Musik machen. Ja, unsere Produktionen sind elektronisch, aber trotzdem sind sie noch Millionen Meilen vom EDM-inspirierten Pop entfernt, den man zurzeit überall im Radio hört.

KEYS: Der Song „Down Side of Me“ erinnert mich dagegen eher an die Neunziger. Wie habt ihr eigentlich den charakteristischen Klick-Sound in diesem Stück erzeugt?
Iain:
 Interessant, dass du findest, der Song klinge nach den 90ern. Dieses Retro-Ding ist nicht etwas, das wir bewusst heraufbeschwören. Es ist eher ein Nebenprodukt der Instrumente, mit denen wir arbeiten. Aber ich denke, manchmal ist es auch eine Hommage an unsere Lieblings-Musik, ganz unabhängig vom Jahrzehnt, aus dem sie stammt. Der Klick/Clap-Sound geht auf ein Demo zurück, das Martin gemacht hat, als wir letztes Jahr auf Tour waren. Er saß in der Ankleide einer Venue und hat sich selbst aufgenommen, als er auf einen Tisch schlug und ins Mikrofon seines MacBook Pro klatschte. Wir haben das natürlich noch ein bisschen im Studio bearbeitet und den Loop durch nettes Outboard gejagt, um ihn ein wenig aufzumöbeln. Uns gefiel aber auf jeden Fall die Idee, dass etwas, das bloß mit einem Laptop-Mikro aufgenommen wurde, es am Ende bis auf den fertiggestellten Song schafft.

KEYS: Du hast eben Outboard- Gear erwähnt …
Iain:
 Ja, wir haben uns diesmal einen Haufen Outboard-Kram zugelegt. Auf „Bones“ kamen fürs Processing fast nur Plug-ins zum Einsatz. Wir benutzen immer noch eine Menge Plug-ins, besonders die UAD-Sachen, die fantastisch sind, aber auch Soundtoys, was ein richtig vielseitiger und nützlicher Werkzeugkasten ist. Die D16-Plug-ins machen auch viel Spaß, Sachen wie Devastor, Decimort und Syntorus. Was das Outboard-Gear betrifft: Wir haben dieses Mal fast alles durch Vorverstärker laufen lassen. Wir besitzen ein paar BAE-1073-Klone und auch einige API-512c-Lunchbox-Module. Außerdem kamen auch einige Outboard-Kompressoren zum Einsatz, zum Beispiel Chandler TG-1 Abbey Road, Manley Vari-Mu, einige Distressors und ein Urei 1176 Rev E sowie ein Tube-Tech CL1B für die Vocals.

KEYS: Letzte Frage – der beste Synthesizer, den ihr euch je gekauft habt?
Iain: 
Wow, eine heikle Frage – als würdest du mich nach meinem Lieblingskind fragen! Da bleibt mir letztlich nichts anderes übrig, als den Moog Voyager zu nennen. Einfach, weil das der erste Synth war, den wir uns gekauft haben – und der einzige, den wir an dem Tag besaßen, als wir das Projekt Chvrches starteten. Ich habe den Voyager im Sommer 2011 gekauft, weil ich von meinen Soft-Synths wegkommen und stattdessen lieber mit richtigen Analog-Synthesizern und CV-Steuerung herumspielen wollte. Das hat die Richtung, in die wir mit dieser Band gegangen sind, vom ersten Tag an bestimmt. Der Voyager ist zweifellos ein eleganter Synthesizer, sehr flexibel und – wie immer bei Moog – klingt der Filter erstklassig.

„Every Open Eye“

Auf ihrem zweiten Album nehmen sich Chvrches in puncto Instrumentierung bewusst zurück – zugunsten eines klareren und dadurch druckvolleren Sounds. Das strahlende Zentrum der meisten Tracks bildet auch auf „Every open Eye“ Lauren Mayberrys fragiler, aber gleichzeitig kraftvoll wirkender Gesang. Im aufgeräumteren Klangbild des Albums kommen nun jedoch auch die Synths besser zur Geltung.

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Diesen und weitere Artikel finden Sie in der KEYS-Ausgabe 12/15.