Interview: Björn Torwellen – Düstere Ästhetik

„Who I Am“ ist das zweite Album des Kölner Techno-Künstlers Björn Torwellen und steht kurz vor der Veröffentlichung. KEYS hat sich mit Torwellen über seinen Produktionsprozess, Lieblingssoftware und seine Vorliebe für düstere Dinge unterhalten.

Foto: Christian Frenken

Angefangen hat alles mit Techno-Shows in seiner Heimatstadt Iserlohn. Mittlerweile hat sich Björn Torwellen als bekannter Produzent und DJ etabliert. Neben seiner Tätigkeit als Musiker hält er außerdem Workshops und Tutorials zu den Themen Ableton und Musikproduktion im Allgemeinen. Im Interview spricht er über sein kommendes Album, wie die Produktion seiner Musik abläuft und warum er sich eine Zeit lang vom Musikmachen verabschiedet hatte.

 

KEYS: Dein neues Album steht in den Startlöchern und trägt den Titel „Who I Am“. Warum gerade dieser Name?
Björn Torwellen: Ich hatte eigentlich geplant, das neue Album „Menschentrümmer“ zu nennen. Was den Hintergrund hat, dass ich an mein erstes Album „Metacollapse“ anknüpfen wollte. Ich wollte wieder diese gesellschaftskritische Thematik aufgreifen, die ich schon in meinem Debüt verarbeitet habe. So richtig konnte ich mich von dieser Idee nicht lösen, bis ich das Album produziert habe. In diesem Prozess wurde mir mehr und mehr klar, dass es dieses Mal ein sehr persönliches Album wird und ich mich irgendwo auch selbst damit ausdrücken will. Ich habe dann kurzerhand entschieden, dass ich den Titel „Menschentrümmer“ verwerfe. Zwar gibt es noch einen Track, der diesen Titel trägt, jedoch soll dieses Album einfach zeigen, wer ich bin und irgendwo auch die letzten zwei Jahre widerspiegeln, in denen sehr viel passiert ist. Diese Dinge haben letztendlich auch dazu geführt, dass ich mich wieder selbst gefunden habe.

 

KEYS: Die Musik deines ersten Albums war sehr düster. Führt der Nachfolger das fort?
Björn: Ja, ich mag düstere Sachen. Ich bin jemand, der das ästhetisch findet. Ich sehe zum Beispiel auch sehr gerne Horrorfilme. Zwar nicht irgendwelche, aber ich mag einfach diese ganze düstere Thematik. Ich könnte natürlich auch mal versuchen, ein fröhliches Album zu machen, das schön „hell“ klingt, was für mich allerdings glaube ich nicht funktioniert. Das bin einfach nicht ich. Meine ganzen Produktionstechniken sind so ausgelegt, dass es am Ende düster klingt.

 

KEYS: Gibt es bestimmte Synthesizer oder Plug-ins, die diesen dunklen Sound beeinflussen?
Björn:
Es ist nicht ein spezielles Plug-in, sondern eher ein Prozess, den ich immer wieder in meinen Tracks verfolge. Im ersten Arbeitsschritt sample ich mit dem Mikrofon meist Dinge wie ein echtes Schlagzeug, ein Piano oder auch metallische Geräusche. Dieses Sample durchläuft dann verschiedene Produktionsabschnitte. Ich habe mir in Ableton Live eine Art modulare Effektkette gebaut. Ich habe viele Returnspuren, die alle miteinander verknüpft sind, beispielsweise Return A geht in Return B, B geht in C, C geht in D und D geht wieder in A. Dadurch entstehen Feedbackschleifen. Manchmal muss ich nur einen kurzen Impuls da reinschicken, und so entsteht der Sound. Durch die Sends und verschiedenen Filterbewegungen fängt der Sound schließlich an zu leben und bekommt etwas Organisches, das irgendwie auch total zufällig ist. Dieses Zufällige versuche ich mithilfe anderer Filter, Controller oder der Sends wieder unter Kontrolle zu bringen. Dabei kommen jedes Mal komplett andere Sachen raus, aber es ist dennoch wichtig, was für ein Sample ich da reinschicke. Wenn ich einen Piano-Sound benutze, bekommt es am Ende natürlich auch einen pianoähnlichen Klang. Das resample ich dann und kombiniere es später wieder mit dem Originalsample. Eines meiner wichtigsten Plug-ins ist der Granulator von Robert Henke, weil ich damit sehr kreativ arbeiten kann und durch die Kombination aus Sampling und dieser modularen Effektkette und Granularsynthese bekomme ich diesen sehr düsteren Sound.

 

KEYS: Du hast vorhin Ableton Live erwähnt und auch ein Buch darüber geschrieben. Was ist der Grund dafür, dass du und viele andere DJs auf Ableton Live setzen? 
Björn: Ich finde, dass es die kreativste DAW ist. Ich habe Bitwig noch nicht ausprobiert und ich bin mir sicher, dass es irgendwo daran anknüpft, aber für mich ist es einfach die Tatsache, dass ich mich mit Ableton sehr gut auskenne. Ich arbeite seit Version 3 damit, ich habe meine Facharbeit damals über Ableton geschrieben und ich gebe seit zehn Jahren Ableton-Workshops – es ist einfach mein Zuhause. Ich muss da nicht überlegen, was ich tue. Und ich glaube, das ist immer ein kreatives Hindernis, wenn man überlegen muss, wie man etwas im Sequenzer umsetzen kann. Da bietet mir Ableton, vor allem durch Max for Live, alle Möglichkeiten. Ich habe mir mal Cubase und Logic angesehen und ich habe auch schon mit Pro Tools gearbeitet beziehungsweise beruflich damit zu tun gehabt. Da fehlt mir einfach der kreative Zugang zum Musik machen. Aber auch das ist natürlich wieder Erfahrungssache. Jemand, der seit zehn Jahren mit Logic arbeitet, wird das natürlich so nicht bestätigen können. Das ist so, als wenn man eine neue Sprache lernt. Ich bin Autor und schreibe ein Buch in meiner Muttersprache. Dann lerne ich irgendwann Französisch und schreibe ein anderes Buch in dieser Sprache. Ich glaube nicht, dass ich auf Französisch das gleiche Buch so schreiben könnte wie auf Deutsch.

 

KEYS: Du besitzt auch ein eigenes Studio. Mixt und masterst du deine Sachen selbst in diesem Studio oder lagerst du diesen Prozess aus?
Björn:
Den Mix erstelle ich selbst. Ich habe Anfang des Jahres recht viel in meine Studioakustik investiert. Ich habe mir Akustiker bestellt, die mir alles eingemessen und gesagt haben, was ich zu machen habe. Das habe ich dann mit einem gut befreundeten Tischler umgesetzt. Wir haben da bestimmt drei oder vier Wochen an der Akustik gearbeitet, mit ganz viel Steinwolle und Molton. Den Mixdown meines ersten Albums habe ich noch mit Kopfhörern in meinem Wohnzimmer produziert. Der daraus resultierende Erfolg ermöglichte mir letztendlich auch erst, mir einen Studioraum anzumieten. Ich habe mir dann die S2X von Adam als Studiomonitore zugelegt und ergänzend dazu den Sub 12. Den Mixdown des aktuellen Albums habe ich zum größten Teil mit Plug-ins von Softube gemacht. Ich habe auch schon Hersteller wie Waves ausprobiert, jedoch ist mir Softube einfach am sympathischsten. Das Mastering ist hingegen eine ganz andere Disziplin, da man meiner Meinung nach einfach vernünftiges Equipment dafür braucht. Ich wollte, dass es im Club auch noch gut klingt, deshalb hab ich jemanden herangezogen, der in diesem Bereich viel Erfahrung hat, und das ist Robert Babicz aus Köln. Er hat schon eine ganze Menge Masterings gemacht. Ich könnte mir niemals das Equipment leisten, über das er verfügt. Angefangen vom Wandler über selbstmodifizierte Kompressoren und EQs bis hin zur Abhöre. Die ist einfach so viel besser als meine S2X, was schlichtweg Mittelklasse-Monitore sind. Ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, dass man das Mastering in einem Produktionsprozess outsourced.

 

 

Björn Torwellen hat eine Vorliebe für düstere Dinge, was sich nicht nur im Sound seiner Musik widerspiegelt.

KEYS: Du hast erwähnt, dass du beim Mixing viele Plug-ins benutzt. Nutzt du auch Outboard-Equipment? 
Björn: 
Nein, ich besitze kein Outboard-Equipment. Ich habe alles nach der Fertigstellung meines Albums verkauft, weil ich festgestellt habe, dass ich das nicht brauche. Ich habe hauptsächlich mit dem Computer gearbeitet, und ich bin der Überzeugung, dass die Plug-ins heutzutage einfach so gute Ergebnisse liefern, dass ich es nicht für nötig halte, mir teure Hardware zu kaufen. Ich arbeite mit einem RME Babyface. Würde ich mir solche teuren Hardware-Sachen kaufen, würde ich zum Beispiel auch auf ein Apollo-Interface von Universal Audio umsteigen wollen. Die allgemeinen Kosten steigen dadurch natürlich auch immens, und ich denke mir, dass das für meine Musik nicht so viel ausmacht. Allerdings habe ich geplant, 2016 wieder in mein Studio zu investieren und da habe ich zumindest vor, mir einen guten Kompressor und EQ zu kaufen.

 

KEYS: Hast du auch ein mobiles Setup, um etwa auf dem Weg zum Club produzieren zu können?
Björn:
 Ein mobiles Set habe ich in der Hinsicht nicht. Ich spiele ja jedes Wochenende in irgendwelchen Clubs, und da habe ich mein DJ-Live-Setup dabei, folglich auch immer mein Macbook. Da kommt es dann schon manchmal vor, dass ich eine Idee zumindest skizziere. Das war es aber dann meistens auch schon. Ich bin, wenn ich in der Bahn sitze, immer extrem faul und ziehe mir lieber fünf Folgen einer Serie rein, als da dann noch Musik zu produzieren (lacht). Das kann ich besser in meinem Studio, weil das einfach meine gewohnte Umgebung ist. Dort habe ich meine ganzen Plug-ins und Sample-Libraries zur Hand, die ich auf meinem Macbook nicht habe. Ich muss allerdings sagen, dass ich, wenn ich eine Idee auf dem Macbook in der Bahn skizziere, meist noch etwas kreativer bin, weil mich die Limitierung der Möglichkeiten zwingt, anders zu arbeiten.

 

KEYS: Du hast dich vor einiger Zeit vom Musikmachen zurückgezogen und eher im Education-Bereich gearbeitet. Was hat dich letztendlich dazu bewegt, wieder Musik zu machen? 
Björn:
 Nachdem ich nach meiner DJ-Zeit in Iserlohn nach Köln gezogen bin, habe ich mich für einen solideren Weg entschieden und habe meinen SAE-Abschluss gemacht. Nicht nur, um meine eigene Musik zu verbessern, sondern weil ich den Job einfach geil finde. Knöpfe, Strom – das ist voll mein Ding. Und ich bin dann letztendlich auch im Studio gelandet. Irgendwie fand ich das dann aber nicht mehr so toll, weil die Illusion auf einmal weg war. Für irgendeine TV-Sendung die Maus in Pro Tools zu schubsen 8 Stunden am Tag in irgendeinem Studio bei Neonlicht, hat mich irgendwie nicht mehr so begeistert. Das führte mich dann dazu, ein Buch zu schreiben und Workshops zu geben.
Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass ich es mag, Sachen zu organisieren. Das liegt mir mehr, als alleine im Studio zu sitzen und für andere zu arbeiten. 2008 habe ich dann eine Musikschule, die EMS (Electronic Musicschool), eröffnet, was anfangs auch sehr gut lief. Ich hatte damals einen Geschäftspartner, mit dem ich das zusammen hochgezogen habe, aber das Hauptproblem war dann, dass wir sehr unterschiedliche Ansichten hatten und es am Ende auch um Geld ging. Für zwei Leute war aus dieser Schule nicht genug rauszuholen, woraufhin ich wieder Techno-Parties in Köln veranstaltet habe – das hat in Iserlohn geklappt, warum sollte das nicht auch in Köln funktionieren?
Und so bin ich dann wieder zurück zum Techno gekommen. Ich habe wieder Veranstaltungen gemacht, mehr produziert, habe die Sachen auf Soundcloud hochgeladen und hatte plötzlich ein riesiges Feedback. Auf einmal habe ich auch außerhalb von Köln Bookingangebote bekommen und wurde gefragt, ob ich nicht auch mal Bock hätte, einen Remix zu machen. Als ich dann wieder angefangen habe, hatte ich die Idee, das mit meiner düsteren Seite zu verbinden. Das hatte ich vorher nie gemacht, aber auf einmal war es für mich klar: „Dein ganzes Leben lang schaust du Horrorfilme und stehst total auf düstere Sachen, verbinde das doch mal mit deiner Musik.“ Nicht in Form von irgendwelchen blöden Vocals, sondern durch eine düstere Atmosphäre. Das habe ich dann auch in mein Marketing mit einfließen lassen. Zur selben Zeit ist dann das Genre Dark-Techno aufgekommen, weshalb ich heute auch als Mitbegründer dieses Genres gelte. Mittlerweile distanziere ich mich jedoch sehr stark davon, da es eine Richtung einschlägt, mit der ich mich nicht mehr identifizieren kann.

 

KEYS: Noch eine Frage zum Abschluss: Gibt es für dich einen Lieblings-Synthesizer oder ein Lieblings-Plug-in?
Björn:
 Da gibt es nicht nur eines. Sagen wir mal, mein Lieblings-Tool ist Ableton. Dann gehört der bereits erwähnte Granulator dazu. Ich liebe dieses Instrument, da ich es einfach toll finde, wie es Chaos unter Kontrolle bringt. Dann arbeite ich sehr viel mit dem Warmverb von Tone 2. Da habe ich mir mal ein Preset gebaut, das ich in fast jeder Produktion benutze. Was Distortion angeht, sind es der Devastor und Decimort von D16. Das sind die Dinger, die ich immer benutze. Ich arbeite auch total gerne mit Kontakt, weil ich da meine ganzen Pianosounds drin habe. Allerdings nehme ich auch gerne Dinge mit dem Mikrofon auf. Aber wenn ich jetzt wirklich eines wählen müsste, dann wäre es der Warmverb von Tone 2, weil ich den eigentlich in jedem Track benutze.

 

 

„Who I Am“

Auf seinem zweiten Album präsentiert sich Björn Torwellen ähnlich düster wie auf seinem Debüt „Metacollapse“ und bleibt somit seinem unheilvoll tönenden Klangbild treu. Trotz minimalistischen Songstrukturen klingt sein neues Werk sehr abwechslungsreich und überzeugt durch druckvollen Sound und durchdachte Sample-Platzierung – eine definitive Empfehlung für Techno-Liebhaber. 

Hier geht es zum Album: Björn Torwellen - Who I Am

 

 

 

 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der KEYS-Ausgabe 01/16.