Interview: Alle Farben und YOUNOTUS – Ein Fall für drei

Frans Zimmer von Alle Farben und seine beiden Studio-Mitstreiter von YOUNOTUS haben uns im Interview alles zum neuen Release verraten.

Foto: David Rasche

Alle Farben, alias Frans Zimmer, ist ein Freund sonniger House-Klänge. Auch auf seinem neuen Album „Music Is My Best Friend“ findet sich wieder viel potenzielles Sommer-Hit-Material. Zimmer und seine beiden Studio-Mitstreiter von YOUNOTUS haben uns alles zum neuen Release verraten.

Vor zwei Jahren knackte Alle Farben mit „She Moves (Far Away)“ die Top 15 der europäischen Airplay-Charts. Aktuell steht dieser Song sogar knapp vor einer Platinauszeichnung. 2015 arbeitete der Kreuzberger dann mit dem Produzenten-Duo YOUNOTUS an dem Reamonn-Cover „Supergirl“, das sich ähnlich erfolgreich zeigte. Das neue Album „Music Is My Best Friend“ führt diese Kooperation fort. Wir haben die drei Produzenten und DJs in ihrem Berliner Studio getroffen.

KEYS: Ihr habt „Music Is My Best Friend“ gemeinsam produziert. Gibt es bei euch bestimmte Arbeitsteilungen?

Gregor Sahm: Das ist sehr unterschiedlich. Tobias und ich bemühen uns zum Beispiel hauptsächlich um die Instrumentalisten. Wir haben einen großen Pool an Leuten, auf die wir zurückgreifen können.

Tobias Bogdon: Frans hat meist eine Grundidee, ein Songkonzept. Wir setzen uns dann zusammen und arbeiten das aus.

Frans Zimmer: Es ist auch schon vorgekommen, dass wir für eine Hook zwei Gitarristen hintereinander da hatten, weil wir zwar drei Stunden lang herumprobiert haben, aber trotzdem nichts Brauchbares finden konnten. Dann sitzt am nächsten Tag halt der nächste Gitarrist hier. 


KEYS: Wie viel bringen die Instrumentalisten dann ein?

Tobias: Das Ding ist halt, dass von uns keiner Gitarre spielen kann. Unsere Einflussmöglichkeiten sind von daher begrenzt. Es kann zum Beispiel sein, dass ein Gitarrist schon eine Mega-Riff-Idee hat. Da sagen wir dann vielleicht nur noch, dass er es ein klein wenig anders spielen soll. Oder es setzt sich einer ans Klavier und spielt quasi ein Gitarrenriff, das der Gitarrist dann übersetzt. Manchmal nehmen wir auch eine MIDI-Gitarre und denken uns gemeinsam etwas aus. 

Gregor: … und dann entwickelt man 20 Minuten zusammen eine Idee, um am Ende zu merken, dass man das so auf der Gitarre nicht spielen kann (lacht).

KEYS: War eigentlich schon klar, bevor ihr mit der Produktion von „Music Is My Best Friend“ begonnen habt, dass Gitarren wieder ein wichtiger Teil des Albums werden?

Frans: Ja, die Instrumente standen größtenteils fest. Obwohl es am Ende sogar ein bisschen weniger Instrumente wurden, als ich anfangs dachte. Beim letzten Album haben wir auch Schlagzeug aufgenommen. Das wurde diesmal nicht gemacht, weil es gar nicht nötig war. Es gab ein bisschen Percussion, und wir haben auch noch ein paar Sachen vom alten Album genommen – Hi-Hats und Shaker. Das ist ganz schön, weil man dann eine Linie drinnen hat. 


KEYS: Wie nehmt ihr die Akustikgitarren auf?

Gregor: Ganz klassisch mit zwei U 87 durch einen Chandler-Preamp. Eines ist auf den Korpus, das andere auf den Hals gerichtet. 

Tobias: Manchmal haben wir auch Line-Signale genutzt und das cleane Signal dann noch drunter gemischt. 

Gregor: Wobei wir uns am Ende immer für die Gitarrenspur entscheiden, die am besten klingt und sie dann zerschneiden und doppeln. Dann hat man auch einen Stereo-Effekt. 


KEYS: Wie sieht es mit der weiteren Bearbeitung aus?

Tobias: Wir haben die Waves-Bundles, die wir dafür viel benutzen. Guitar Rig von Native Instruments kommt bei uns auch ziemlich oft zum Einsatz. Da gibt es super Effekte, mit denen man einfach herumspielen kann, um zu schauen, was passiert. Wenn man auf ein Preset stößt, das man cool findet, spielt man noch ein bisschen daran herum – und fertig. Das ist super intuitiv. 

Alle Farben und YOUNOTUS produzieren größtenteils „in the box“. // Foto: Florian Zapf

KEYS: Wer singt eigentlich auf der ersten Single „Please Tell Rosie“?

Frans: Das dürfen wir nicht sagen. Der Sänger möchte unerkannt bleiben. Und wenn jemand diesen Wunsch hat, sollte man das auch respektieren. 

KEYS: Interessant … Habt ihr die Stimme sehr verändert? Man hört auf jeden Fall einen Telefoneffekt.

Frans: Ja, aber nicht, um die Stimme unkenntlich zu machen (lacht). Es passte einfach zum Song. Schon die Testaufnahmen beim Songwriting sind mit einer verzerrten Stimme entstanden. 

Tobias: Das hat eine sehr eigene Note. Man erkennt es halt direkt wieder, und es passt sehr gut zur Stimme, die ja schon recht eigenartig ist. Die Verzerrung kommt von einem Gitarren-Amp aus Ableton. 

Gregor: Als die Produktion schon einigermaßen weit fortgeschritten war, haben wir uns die Vocals noch mal ohne Effekte angehört, aber das klang nicht. Der Song verlor seinen Charme. 

KEYS: Was kam an anderen Klangquellen in diesem Stück zum Einsatz?

Tobias: Der Prophet 12 zum Beispiel. Aus dem stammt die Melodie, die hinten im Track noch reinkommt. 

KEYS: Ihr habt hier neben dem Prophet 12 auch noch einen Prophet 6 stehen. Was gefällt euch an diesen Instrumenten?

Tobias: Die klingen so schön warm-elektronisch. Gerade der 6er hat auch noch diesen analogen Touch. Für unseren Sound klingt er einfach genau richtig. Weil er auch nicht zu hart ist.

Frans: Für das nächste Album holen wir uns dann einen Minimoog …

KEYS: Was hört man außerdem auf „Please Tell Rosie“?

Tobias: Es gibt noch eine Gitarre, ein Rhodes und ein Cello, das gezupft und gestrichen wurde. 

Frans: Zuerst hatten wir das Cello nur als Sample vorliegen. Die Entscheidung, es noch mal einspielen zu lassen, hat dann doch noch einiges aus dem Song herausgeholt. 

KEYS: Vom Klangbild her ist in den Songs ja noch relativ viel Platz …

Frans: Das stimmt. Aber überladener Power-Pop ist auch einfach nicht meine Welt. Klar, man hätte viele Songs des Albums noch mehr ausschmücken können. Noch mehr Pads, Effekte und so weiter. Aber ich komme halt vom Techno. Da ist weniger mehr. Ich finde es auch schön, wenn man einzelne Elemente, wie etwa das Cello, noch gut heraushört. Auch wenn es dann schade ums Hackbrett ist, das noch aufgenommen wurde (lacht).

Gregor: Wobei wir das ja gesampelt und es in einem anderen Track verwendet haben. Es geht nichts verloren. 


KEYS: Eine ganz praktische Frage – wie findet man als Produzent aus dem Dance-Bereich eigentlich jemanden, der Hackbrett und ähnlich ungewöhnliche Instrumente spielen kann?

Tobias: Zuerst hatten wir Phillipp Thimm, den Gitarristen von Abby, eingeladen, um Gitarrenspuren einzuspielen. Phillipp meinte dann, dass er auch noch ein paar andere Sachen mitbringt. Er stand dann schließlich mit einer Harfe auf dem Rücken und einem Hackbrett unter dem Arm hier vor der Tür.

Frans: Phillipp hat mir auch Graham Candy vorgestellt, der ja beim letzten Album die wichtige Stimme war. 

KEYS: Stichwort letztes Album – du hast damit ja einen großen Erfolg erzielt. Lastete da jetzt bei der neuen Produktion ein großer kommerzieller Druck auf dir, in einem ähnlichen Stil noch mal nachzulegen?

Frans: Ein gewisser Erfolgsdruck war natürlich da. Das Label und alle anderen erwarten selbstverständlich etwas von einem. Die Ausrichtung des Albums stand aber schon fest. Das hatte mit den Erwartungen anderer nichts zu tun. Ich wollte diesen Sound weiter verfolgen. 


KEYS: Hätte „Music Is My Best Friend“ eigentlich auch im Winter erscheinen können? 

Frans: Nein. Es war ganz klar, dass das ein Sommeralbum wird. Ich weiß nicht, vielleicht kommt ja auch mal ein Album von mir, das in den Winter passt. Aber im Moment sehe ich nicht, dass ich bald so nachdenkliche Musik machen werde (lacht). 

Der Prophet-6 zählt zu den wenigen Hardware-Synthesizern, die zum Einsatz kamen. // Foto: Florian Zapf

KEYS: Inwiefern denkt ihr bei der Produktion schon an den Club?

Tobias: Das ist bei der Musik, die wir machen, auf jeden Fall wichtig. Wobei es mittlerweile schon so ist, dass man eher ans Radio denkt und von der Radiofassung dann noch extra eine etwas tanzbarere Version macht, die man am Wochenende in den Clubs spielen kann. Im Clubtrack hat man dann längere Parts, die durchgehend mit Beat sind – das passt fürs Radio nicht. Im Grunde machen wir ja aber auch auf dem Album Tanzmusik. 

Frans: Das war beim ersten Album noch anders. Da habe ich danach versucht, selber Versionen für den Club zu machen. Aber das ist bei einem Beat mit 100 BPM nicht möglich. Selbst wenn man Half- oder Double-Time versucht. Von daher konnte ich viele Sachen nicht im Club spielen. Der Plan war ganz klar, das dieses Mal anders zu machen. Ich wollte das ganze Album auf die Bühne bringen können. Auch vom Klanglichen ist es noch etwas fröhlicher und energetischer geworden. 


KEYS: Gibt es zwischen Radio- und Club-Tracks auch konkrete Unterschiede, was die Sound-Auswahl betrifft?

Tobias: Wir haben zum Beispiel schon unsere Bassdrums, die eher fürs Radio taugen. Da gibt es dann halt nicht einen so hohen Bassanteil. Die Clubkicks haben dagegen etwas mehr Dampf und sind auch lauter gemischt. 

KEYS: Stammen die dann aus Sample-Librarys?

Tobias: Wir haben vier, fünf Kicks, die wir fast immer benutzen und die von uns selber modifiziert wurden. 

Frans: Man packt mehrere Kicks übereinander. Bei einer gefällt einem der Bass, bei der anderen die Höhen und so weiter. 

Gregor: Bis man dann seine vier bis fünf perfekten Kicks gefunden hat, kann es Jahre dauern.

Erste Wahl in Sachen Vocals: Neumann U 87. // Foto: Florian Zapf

KEYS: Ihr habt eben schon eure Prophets erwähnt. Was findet man bei euch noch an Equipment „out of the box“?

Tobias: Unsere Moog-Filter sind wichtig. Das war es ansonsten aber eigentlich schon. Den Nord Lead 3, der da vorne noch steht, nutzen wir nur als Masterkeyboard zum Einspielen. Die Sounds sind ein bisschen zu old-school. Das Meiste passiert „in the box“. Es macht schon Spaß, mit Hardware zu arbeiten, aber es ist eben auch eine Liebhaber-Sache. Im Rechner ist man einfach fünfmal schneller. Außerdem zickt unser MIDI-Converter, das nervt dann auch (lacht).


KEYS: Ihr gehört ja auch zu der Generation, die praktisch von Anfang an komplett im Rechner Musik machen konnte …

Tobias: Genau. Angefangen, Musik zu produzieren, haben wir mit einem Laptop und einem Zweieinhalb-Oktaven-MIDI-Keyboard. 

KEYS: Eure DAW ist Ableton Live. Was gefällt euch an diesem Programm?

Frans: Das schnelle Arbeiten. 

Gregor: Wir haben in letzter Zeit aber auch festgestellt, dass wir in Ableton einen ganz anderen Workflow als die meisten Produzenten haben. Es gibt ja die Clip- und die Arrangement-View. Wir starten – unabhängig voneinander – immer in der Arrangement-View. Die meisten anderen fangen immer in der Clip-View an.

Frans: Bei vielen geht es halt darum, erstmal einen Loop zu haben. Ich würde in der Clip-View aber ausflippen. Wenn man eine Idee für ein Arrangement hat, kommt man, finde ich, schwer aus dem Loop wieder raus. 

KEYS: Ihr arbeitet eure Rough-Mixes schon ziemlich stark aus. Was sind eure Tipps für Musiker, die ihre eigenen Tracks mischen?

Tobias: Spät mischen funktioniert gar nicht. Irgendwann hört man einfach nichts mehr. Da kann man dann nur noch kreative Arbeit leisten. 

Frans: Und mit Mütze geht auch nicht. 

Tobias: Richtig (lacht). Das haben wir auch herausgefunden. Dann mischt man zu viele Höhen rein, weil die Mütze in den hohen Frequenzen immer ein bisschen was abschneidet. 

Frans: Wir hatten hier im Winter keine Heizung, und es war schweinekalt. Ohne Mütze und Wintermantel konnte man nicht im Studio sitzen. Später haben wir dann gemerkt, dass der Mix viel zu höhenlastig war.

KEYS: Vielen Dank für das Gespräch.

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 07/16.