Interview: Der Dritte Raum – With a Little Help From My Electric Friends

Als Club-Liveact werden Der Dritte Raum für ihren Improvisationsansatz geschätzt und auch im Studio zeigt sich Der-Dritte-Raum-Kopf Andreas Krüger als Meister der Wandlung. Das Chamäleon der elektronischen Klanglandschaft veröffentlicht mit „Electric Friends“ sein nunmehr elftes Album. KEYS bat zum Tanztee.

Der Dritte Raum Interview

Als Club-Liveact werden Der Dritte Raum für ihren Improvisationsansatz geschätzt und auch im Studio zeigt sich Der-Dritte-Raum-Kopf Andreas Krüger als Meister der Wandlung. Das Chamäleon der elektronischen Klanglandschaft veröffentlicht mit „Electric Friends“ sein nunmehr elftes Album. KEYS bat zum Tanztee.


Göttingen, Mitte der 80er-Jahre. Zu diesem Zeitpunkt ist es noch alles andere als absehbar, dass Andreas Krügers Entdeckungsreise in einer über 30 Jahre umspannenden Schaffensperiode in elektronischer Musik ausarten würde. Die Stadt bringt damals eine kleine Punk- und Hardcore-Szene hervor und mittendrin bedient Andreas Krüger zunächst für die hiesigen Musiker die Regler in seinem 24-Spur-Tonstudio. Als die Musiker abends das Studio wieder verlassen, findet er noch Zeit, um sich seiner wahren Leidenschaft, den elektronischen Klangerzeugern, zu widmen.

Harte Klänge und EBM hatten es ihm angetan, und als Techno eine breite Schneise durch den Klangdschungel zu schneiden beginnt, gibt Krüger der Sache zunächst nicht länger als Zwei Sommer – das war 1992.

Der Dritte Raum war geboren, und schon das Debüt erschien auf Sven Väths damaligem Label Harthouse. Stilistisch wandelt sich DDR (oder auch D3R) im Laufe der Zeit, schließlich wird Krüger vom Major Virgin unter Vertrag genommen und veröffentlicht 1998 das Album „Raumgleiter“. Nichts ist für die Ewigkeit, auch Labels kommen und gehen, und so ist es dem Wandel der Label-Landschaft zu verdanken, dass Der Dritte Raum seit geraumer Zeit auch in Eigenregie erfolgreich auf Krügers eigenem Label veröffentlicht wird.

 

Zwei Seelen

Zwar ist DDR vor allem auch ein Club-Liveact, aber es ist nichts Falsches daran, zu vermuten, dass in Krügers Brust zwei Seelen wohnen. Die eine erkundet unermüdlich elektronische, modular aufgetürmte Klangmanipulationen, die andere schätzt die analoge Nicht-Linearität von Instrumenten wie Schlagwerk, elektrischen Gitarren oder Klarinette. Das Impulsverhalten im Dritten Raum definiert sich also auch durch die gezielte Kontaktaufnahme zu „echten“ Instrumenten und ist möglicherweise eine Erklärung, weshalb der Wahl-Berliner einerseits einen gepflegt tra­shigen Klangcharakter zu schätzen weiß, im Gegensatz zu manchen Kollegen aber auch keine Berührungsängste mit akustischen, rein klingenden Instrumenten kennt. Eine Eigenart, die Der Dritte Raum erst recht so interessant macht.
In drei Jahrzehnten fortwährender Entwicklung beim Erschaffen von Werken und im Ausproduzieren selbiger hat Krüger ein immenses Wissen zu Equipment und Sounds angehäuft. Und ein tiefes Verständnis dafür, welche Sounds wie wo funktionieren, oder besser gesagt: wie sie im Gesamtzusammenhang mit seiner Musik am Besten funktionieren. Als kreativer Kopf und gleichzeitig auch Mixer und Mastering-Engineer in einer Person ist sein Ansatz immer ganzheitlich – alle Aspekte fließen bereits bei der Entstehung eines Tracks gleichzeitig mit ein. Beim Schöpfungsprozess im Studio gilt Krügers Liebe zweifelsfrei seinen analogen und modularen Schätzen, doch ein Blick in seine geöffneten Logic-Sessions offenbart stets auch Metering-Plug-ins, und auch der Frequenzanalyzer ist immer an – kreative Impulse, aber auch Überblick und bestmögliche Klangkontrolle über das Gesamtwerk, von Anfang an. Dass Krüger Kontrolle auch abgeben kann zeigt sich etwa bei den Livesets, wenn er gemeinsam mit Live-Partner Ralf Uhrlandt nicht bloß fertige Tracks abfeuert, sondern beide Klänge in Echtzeit manipulieren, was das Zeug hält – intuitiv und nicht wissend, was der andere als Nächstes so anstellen wird. 

 

KEYS: Andreas, bei „Electric Friends“, der Titelnummer deines neuen Albums, baut sich eine scheinbar nie enden wollende, charaktervolle Sequenz erst behutsam auf, um sich dann durch alle Gehirnwindungen zu bohren. Wie hast du das Soundmorphing realisiert?

Andreas Krüger:
Diese Sequenz ist mir beim Spazierengehen eingefallen, und mir war schon im Kopf vollkommen klar, wie sie klingen sollte. Also bin ich schnell ins Studio und hab den Rechner und Logic angeworfen, um mit dem ESP diese Linie schnell einzuspielen. Die Basisidee stand also in wenigen Minuten, um durch Modulationen des einfachen Themas, das sich musikalisch oder harmonisch kaum verändert, etwas Interessantes und Spannendes entstehen zu lassen. Das habe ich durch mehrspurige Overdubs erreicht. Aus alten Tonstudiotagen kenne ich noch das Prinzip, dass man, um einen fetteren Sound hinzubekommen, Gitarren doppelt, indem man sie mehrmals und auf separaten Spuren einspielt. Dadurch, dass es vollkommen unmöglich ist, die Figur exakt gleich einzuspielen, macht es klanglich einen Unterschied im Vergleich zu Doppler-Effekten, die ja über MS und Phasen- oder Frequenzverschiebungen eine künstliche Breite erzeugen. Ich schichtete also mehrere Spuren des Themas übereinander, jede hatte einen leicht veränderten Sound. 

 

KEYS: Welchen Klangerzeuger hattest du hier im Einsatz?


Andreas Krüger: Fast alle Sounds habe ich mit dem Roland System 100 gemacht und analog aufgenommen. Manche Sounds sind mit Pulswelle, modulierter Pulswelle oder Sägezahn und wurden dann im Panorama verteilt und angepasst – wenn eine neue Modulation hinzu kam, verschwand dafür eine andere in den Hintergrund. Dadurch entstanden diese endlosen, sich selbst überholenden Modulationsschleifen. Und vor allem ein sehr breiter Sound, denn im Gegensatz zu Plug-ins sind Analogsynthesizer absolut nicht in der Lage den gleichen Sound nochmals zu erzeugen. Selbst der nächste Wellendurchgang sieht beim Zoomen anders aus als der vorherige. Das macht es so spannend, mit diesen alten Geräten zu arbeiten.

 

KEYS: Wie sieht dein Aufnahmeszenario aus, verwendest du ein Hybrid-System aus analogen Komponenten und virtuellen Klangerzeugern?

Andreas Krüger: Ich benutze nur wenige Plug-ins, meist nur zum Mischen. Equalizer und Kompressoren kommen vollständig aus dem Rechner. Die Klangerzeugung kommt fast ausschließlich aus den alten analogen Geräten, und auch analoge Effekte wie das Roland Space Echo nehme ich in Logic auf. Bei dem Song „Schwerkraft“ hörst du einen Small Stone Phaser, einen dieser kleinen alten Treter. Der macht diesen rauschigen, rauchigen Wolkensound. Der Phaser ist zwar mono, aber ich habe immer mehrfach aufgenommen und gedoppelt. Auf dieser Nummer gibt es auch einen interessanten Überreichweite-Effekt zu hören. Ich nehme gerne Radio-Kurzwellensounds auf meinem billigen Kassettenrekorder auf. Die Wellenlänge des Rundfunkspektrums bei der Kurzwelle ist so beschaffen, dass sie von der Stratosphäre reflektiert wird, nämlich dann wenn die Wellen in einem bestimmten Winkel die Schichten der Stratosphäre erreichen. Das bedeutet, dass man dann Sender empfangen kann, die auf der gegenüberliegenden Seite der Erde liegen – was so mit UKW nicht möglich ist, da die Wellen linear abstrahlen. Das Faszinierende daran ist die Unklarheit des Klangs, die Nebengeräusche und der ganze Trash. Durch die extrem hohe Dichte an Sendern hört man die Sender oder Stimmen nicht richtig, nur den Trash aus den Trägerfrequenzen zweier Sender die sich gegenseitig ausmodulieren.

 

Der Dritte Raum Interview Studio
Krügers Studio lässt keine Wünsche offen.

KEYS: Abgefahren. Das ist dann ja ein klanglich und zeitlich einmaliges Ergebnis, das so nie wieder reproduzierbar ist.


Andreas Krüger: Unmöglich. Es ist sogar so, dass, wenn man seine Hand vom Rundfunkempfänger wegnimmt, der Sound schon wieder verschwunden ist. Man muss sofort aufnehmen.

 

KEYS: Wann entsteht ein Track wie „Command Line“? Wenn du zu viele Chill-Nummern hintereinander produziert hast?

 

Andreas Krüger: So ungefähr (lacht). Dieser Track ist aus einem Tagesimpuls heraus entstanden, nach dem Motto „Bock auf Krach“. Ich habe früher in einer EBM-Band gespielt, dieser Track mit seinen metallischen Percu­ssionsounds ist so etwas wie mein Back-To-the-Roots-Track. Ein Retro-Track zwar, aber mit einem modernen Club-Gewand. Die markante Bassline – eine Sägezahn-Bratze, die eine Oktave höher gedoppelt wurde – kommt vom alten Sequential Circuits Pro One. Die Percussions für diesen Titel, und auch für „Hinterhof“, entstanden, als vor meinem Studio eine Baustelle war, wo nach einem fetten Regen von einer Dachrinne aus dem obersten Stockwerk dicke Tropfen auf ein riesiges Stück Blech fielen (macht ein lautes metallisches Geräusch nach – Anm. d. Verf.). Ich bin sofort mit dem Recorder rausgestürmt und habe das gleich aufgenommen. Bei der Gelegenheit habe ich noch mit allem auf das Blech gehämmert, das dort so rumlag. 

 

KEYS: Für mich klang das, als ob jemand die gespannten Saiten eines Klaviers mit einem Hammer bearbeitet.


Andreas Krüger: Lustig war: Die Aufnahme fand an einem Sonntag statt, und wenn man genau hinhört, entdeckt man auch Kirchenglocken im Hintergrund. Ich habe die Tropfen in Samples zerschnitten, in den ES geladen und dort die Decay-Phasen verkürzt. Der tighte Beat entstammt der Abfolge der runterfallenden Tropfen, er wurde nur leicht korrigiert.

 

KEYS: Auch in „Oberton“ arbeitest du dich zunächst an einer markanten Sequenz ab, die sich zu einer dichten Atmosphäre mit Klarinette empor schwingt. Berührungsängste mit akustischen Instrumenten sind dir fremd?


Andreas Krüger:
Völlig fremd. Letztendlich komme ich auch aus dem Bereich Tonstudio und habe ja auch viel aufgenommen. Diese Mischung aus akustischen Instrumenten und elektronischen Backings hat mich schon immer fasziniert. In meinen ersten Techno-Jahren hatte ich das ziemlich vernachlässigt, aber im Laufe der Jahre ging es dann wieder „back to the roots“, und ich habe meine Mikrofone ausgepackt und Schlagzeuge und Gitarrensounds aufgenommen. Oder ich nehme eben meinen Field-Recorder und zeichne damit Geräusche auf. „Oberton“ ist fast schon aus einer Session heraus entstanden. Ich habe hier ein Basisthema vorgelegt, und dann fiel mir Andreas Ernst wieder ein, mit dem ich schon auf meinem Titel „Swing Bop“ gearbeitet habe, auf dem er Klarinette und Saxofon spielte.

 

Der Dritte Raum Interview Synthesizer
Andreas Krüger erzeugt seine Sounds fast ausschließlich mit Hardware-Synthesizern.

KEYS: Der Dritte Raum ist vor allem auch ein Clubact. Hast du vor, die Klarinette auch live einzubinden.


Andreas Krüger: Klarinette und auch Schlagzeug haben wir schon live eingesetzt, das kam sehr gut an. Natürlich kann man so etwas nicht zu allen Anlässen anbieten und machen.

 

KEYS: Live seid ihr bekannt für eure Klangmanipulationen. Welchen Ansatz verfolgt ihr?

 

Andreas Krüger: Bei einem Liveset will ich zunächst eine Geschichte erzählen, brauche hierfür aber auch die entsprechenden Gegenparts. Ich zerstöre dann gerne auch mal an entsprechenden Stellen die aufgebaute Stimmung, dann wird mit einer Nummer wie „Command Line“ alles zertrasht (lacht).
Seit unserer Anfangszeit war es immer unser Anliegen, als Liveact ein DJ-Set zu simulieren. Im Gegensatz zu anderen Liveacts der damaligen Zeit, die Geräusche nutzten, um Übergänge zwischen einzelnen Songs zu schaffen, wollten wir ein durchgängiges Liveset. Wir haben deshalb von Anfang an unsere Livesets mit zwei gespiegelten Setups gespielt: zwei Ataris, zwei Sampler, zwei Synthesizer, zwei Cases und mit einem 24-Spur-Mischpult. Über die Jahre haben wir das ausgebaut und natürlich auch transportabler gemacht. Mit einer Passat-Kombi-Ladung konnte man schlecht fliegen. Das Analogpult wurde uns zwischenzeitlich von Veranstaltern gestellt, aber kein Mensch verleiht mehr Analogpulte, und wenn man eines bekommt, ist das dann ein 15 Jahre altes Midas Venice und man darf 3 Stunden knackende Potis hin und herbewegen. Seit 3 Jahren sind wir also mit mehreren Mischpult-Controllern unterwegs, das Setup ist aber immer noch das Gleiche: zwei Rechner, Ableton Live, alle Spuren separiert und alles gespiegelt und gedoppelt.

 

KEYS: Beide Rechner laufen synchron, nehme ich an?

 

Andreas Krüger: Mehr oder weniger. Wir switchen nach Gehör, die Rechner sind nicht synchronisiert.  Wenn ein Rechner läuft wird gestoppt oder es läuft einfach weiter und wir kontrollieren zwischendurch ob der Pitch stimmt. Das Interessante dabei ist ja: Dadurch, dass wir die Spuren alle einzeln vorliegen haben und nicht als Stereomix, können wir direkt nach einer Umladezeit von nur wenigen Sekunden wieder voll einsteigen. Als DJ hast du am Anfang oder am Ende eines Titels eigentlich nur wenig Zeit, einen Loop zu setzen. Dadurch, dass bei uns alles einzeln vorliegt, können wir viel längere oder subtilere Übergänge mixen, die man als DJ gar nicht machen kann. Beim Wechsel gibt es ein kurzes Augenzwinkern. Manchmal zählen wir auch ab, wenn wir Breaks machen.

 

KEYS: Es ist sicher auch ein spannender Moment, nicht zu wissen, welches Ass der Partner im nächsten Moment aus dem Ärmel zaubert?

 

Andreas Krüger: Wir haben eine Playlist, die wir vor jedem Auftritt neu basteln und die entsprechend der Veranstaltung und Stimmung angepasst wird. Wir haben ja sehr viel Sound dabei und ein Riesenspektrum. Manchmal denken wir, es sollte mehr Richtung Techno gehen, manchmal spielen wir aber auch zwei Stunden lang ein Houseset. Das passen wir an, je nachdem, wie die Stimmung gerade ist. Trotzdem ist diese Playlist nur ein grober Fahrplan, und es kann sein, dass Ralf, mein Live-Partner, unerwartet etwas anderes spielt. Wir leisten uns da auch unsere Scherze. Manchmal können wir uns gar nicht mehr halten vor Lachen. Das ist ein kleines Spielchen unter Freunden.

 

KEYS: Andreas, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 06/16.