Interview: Collapse Under the Empire – Der Beginn einer neuen Ära

Nach siebenjährigem Bestehen und fünf Alben wagten sich Collapse under the Empire das erste Mal auf die Bühne.

Collapse under the Empire Interview
Martin Grimm und Chris Burda // Foto: Thomas Duffe

Collapse Under the Empire ist ein zweiköpfiges Studioprojekt der Hamburger Chris Burda und Martin Grimm. Nach siebenjährigem Bestehen und fünf Alben wagte sich die Band nun das erste Mal auf die Bühne. Warum es so lange gedauert hat und wie sie ihre ganz eigene Interpretation von elektronischem Post-Rock produzieren, verrieten sie uns im Interview.

Nicht viele Bands können von sich behaupten, ohne eine einzige Live-Performance international bekannt geworden zu sein. Ursprünglich als reines Studio-Projekt geplant, gab die Band jedoch am 7. Mai 2016 ihr Live-Debüt auf dem Dunk!Festival in Belgien, dem wohl bekanntesten Post-Rock-Festival in Europa. Trotz zahlreicher Anfragen verschiedener Booker sowie ihrem festen Stand in der Post-Rock-Szene, hat es allerdings sehr lange gedauert, bis sie den Entschluss fassten, aufzutreten.

KEYS: Chris, woher kam die plötzliche Entscheidung, mit Collapse Under the Empire live zu spielen?
Chris Burda: Die Initiative ging von unserem Lichtdesigner Patrick aus. Er ist seit 20 Jahren Veranstaltungstechniker und hat sich beim Erstellen seiner Lichtdesigns von unserer Musik inspirieren lassen. Vor einiger Zeit hat er uns auf Facebook angeschrieben und war der Ansicht, dass es unglaublich sei, dass wir noch nie live aufgetreten sind. Wir sollen unbedingt einmal live spielen. „Sendet mir eine Mail und ich bin dabei“. Aus Neugierde haben wir uns dann eine Woche später mit ihm getroffen und ein wirklich interessantes Gespräch geführt. Nach circa einem Dreivierteljahr Pause haben wir uns dann aufgrund etlicher Anfragen aus diversen Ländern dazu entschieden, das Livespielen jetzt durchzuziehen. Unser Markenzeichen, nicht aufzutreten, haben wir somit in gewisser Weise aufgegeben. Es war einfach an der Zeit, unsere Musik auch live zu präsentieren, und wir sind wirklich froh, dass wir das Ganze innerhalb einer fünfmonatigen Vorbereitungszeit umsetzen konnten.

KEYS: Wie seid ihr auf die Mitglieder eurer Live-Band gestoßen?
Chris: Wir fingen an, zu überlegen: „Wer könnte uns denn jetzt bei diesem Vorhaben musikalisch unterstützen?“ Daraufhin haben wir relativ schnell im Bekannten- und Freundeskreis vier weitere Musiker gefunden. Sie waren alle sehr motiviert, als wir ihnen davon erzählt haben. Am Anfang mussten wir zwar beim Drummer und Bassisten ein bisschen rumprobieren, weil es mit den ersten beiden nicht ganz harmoniert hat, aber am Ende ging es dann doch relativ schnell. Die Musiker, die du auf dem Festival gesehen hast, sind jetzt regelmäßig bei den Live-Shows mit dabei.
Martin Grimm: Das Wort „Gastmusiker“ möchten wir dabei auf jeden Fall vermeiden, das sind sie nämlich nicht. Es handelt sich wirklich um Collapse Under the Empire – die Band. Chris und ich stehen zwar nach wie vor im Fokus, wollen die Musiker aber auch bei künftigen Projekten mit einbeziehen. Live wird sich sowieso alles der Musik unterordnen, da wir viel Wert auf ein visuelles Show-Konzept legen und wir als Band mehr oder weniger in den Hintergrund rücken.

KEYS: Wie seid ihr beide denn dazu gekommen, zusammen ein reines Studio-Projekt zu gründen?
Martin: Das war 2008. Ich war gerade nach Hamburg gezogen und hatte davor bereits in einigen Bands gespielt. Damit wollte ich weitermachen, allerdings habe ich hier zunächst keine gefunden. Also habe ich den Entschluss gefasst, erst mal alleine Musik zu machen und habe mir Studio-Equipment besorgt. Ein bisschen später habe ich eine Annonce bei Bandnet (Anm. d. Red.: ein Bandportal für Musiker in Hamburg und Umgebung) geschrieben. Über die habe ich dann Chris kennengelernt.
Chris: Genau. Ich war zu dem Zeitpunkt seit ungefähr eineinhalb Jahren in Hamburg. Zuvor hatte ich in einigen Bands Drums und Keyboards gespielt und auch einige Jahre zu Hause Musik produziert. Ich bin dann zufällig auf Martins Annonce gestoßen, und so fing alles an. Wir haben uns ein bis zweimal in der Woche getroffen und einfach losgespielt, ohne zu wissen, in welche Musikrichtung wir zunächst gehen wollen. Im Gegensatz zu einer klassischen Band war die Arbeitsweise im Studio für uns optimal, da wir sehr kreativ sein konnten ohne uns zu limitieren. Wir waren beide sehr froh, dass wir fortan keine Zeit mehr für Proben verschenkt haben, sondern der Kreativität im Studio freien Lauf lassen konnten. Im ersten Jahr haben wir auch ein paar Sänger ausprobiert, aber das hat nicht zu unserem Stil gepasst. Als wir circa zehn Songs komponiert hatten, haben wir das Album online gestellt. Da war das Genre Post-Rock für uns eigentlich noch kein Thema.
Martin: Ich kannte die Musikrichtung vorher gar nicht. Wir haben einfach unser Album hochgeladen und wurden von den Zuhören in Richtung Post-Rock getaggt (lacht).

Collapse under the Empire live
Bei Ihrer Live-Show setzte die Band auf eine indirekte und abstrakte Beleuchtung // Foto: monoton&minimal Photographie

KEYS: Das war „Systembreakdown“, oder?
Martin: Genau. Daraufhin habe ich mich eigentlich auch zum ersten Mal wirklich mit dem Genre beschäftigt. Christian kannte das schon vorher. Ich dachte mir dann nur: „Ok, dann machen wir halt Post-Rock“ (lacht). Wer weiß, was aus dem Album geworden wäre, wenn wir von Anfang an diese Richtung eingeschlagen hätten. Wir hätten unseren eigenen Stil wahrscheinlich nicht so schnell gefunden. Ein Dreivierteljahr später haben wir dann tatsächlich schon das zweite Album veröffentlicht. Da hatten wir uns schon ein wenig mit der Materie auseinandergesetzt und andere Bands studiert – natürlich ohne sie zu kopieren. Wir haben uns genremäßig sehr weit geöffnet, das erkennt man auch an den Magazinen, in denen über uns berichtet wurde, und daran, welche Tags wir mittlerweile im Netz erhalten. Da ist von Synthie-Pop, Ambient, Trip-Hop, Rock, Shoegaze, Filmmusik, Gothic und Dark so gut wie alles dabei. Man kann auch sagen, dass wir fast alles, was wir komponiert haben, auch irgendwie verwertet haben.

KEYS: Das klingt nach einer sehr effizienten Arbeitsweise. Wie läuft euer Songwriting-Prozess denn ab?
Martin: Wir komponieren die Songs nicht von Anfang an durch, sondern arbeiten Schritt für Schritt. Das kann ganz unterschiedlich anfangen. Wir wechseln uns auch ab und zu mit den Instrumenten ab, weil es in dem Moment vielleicht besser passt. Durch reines Herumprobieren puzzlen wir uns peu à peu die Songs zusammen.
Chris: Man merkt relativ schnell, ob ein Song Potenzial hat. Wir entscheiden nach Gefühl, ob es sich lohnt, weiter daran zu arbeiten. Die Hookline ist manchmal nur ein eintöniger Teil, der mit der Zeit ausgebaut wird. Wichtig ist wirklich, dass man neue Ansätze findet und sich nicht wiederholt. Die Arbeitsweise ist in den letzten Jahren relativ gleich geblieben. Wir produzieren meist nach einem gewissen Zufalls­prinzip und klicken uns durch etliche Synthesizersounds, um „den Einen“ zu finden, aus dem überraschenderweise dann ein Song entsteht. Die Gitarrensounds kommen meist erst später dazu.
Martin: Genau. Manchmal trägt so ein Synthesizer, den man durch Zufall gefunden hat, den ganzen Song.

KEYS: Welche Synthesizer benutzt ihr für eure Songs?
Martin: Wir benutzen eigentlich ausschließlich digitale Synthesizer. Wir haben etliche VST-Plug-ins und arbeiten viel mit Kontakt von Native Instruments. Der FM8 ist auch so ein alter Synthie, mit dem wir sehr viele Sounds machen. Und dann natürlich noch viele Orchester-Simulationen. Eigentlich haben wir die komplette Palette abgedeckt.
Chris: Es ist nicht so, dass wir nur Synthies nutzen, sondern auch viele klassische Instrumente, zum Beispiel ein Piano, das wir in der Regel bearbeiten.
Martin: Meist schleifen wir so etwas noch durch ein Gitarren-Tretpedal, um es zu verzerren oder ein spezielles Delay hinzuzufügen. Wir experimentieren viel, was die Signalkette angeht.

Collapse under the Empire live 2
Die Bandmitglieder stammen aus dem Bekannten- und Freundeskreis. // Foto: monoton&minimal Photographie

KEYS: Vertreibt ihr eure Musik zusammen über euer eigenes Label finaltune records?
Martin: Ja, den Vertrieb übernehmen wir zusammen.
Chris:  Ich bin mehr im Promo-Bereich tätig. Das habe ich die letzten Jahre ein bisschen aufgebaut und dafür gesorgt, dass wir die Musik an den Mann bringen können. Ab der zweiten Platte haben wir auch viel Geld für die Promotion in die Hand genommen. Wir haben europaweit Werbung über eine deutsche Agentur gemacht und gleich am Anfang 3.000 bis 4.000 Euro dafür ausgegeben. Diesen Weg mussten wir gehen, weil wir ja nicht live gespielt haben.

KEYS: Kümmert ihr euch auch zusammen um das Tontechnische?
Martin: Nein, das ist mehr oder weniger mein Part. Man muss dazu sagen, dass wir die ersten Alben sehr intuitiv aufgezeichnet haben. Erst seit meinem Medientechnik-Studium ab 2010 habe ich das Know-how, um alles wirklich professionell machen zu können. Ich wusste vorher beispielsweise gar nicht, was ein Kompressor oder ein Limiter macht. „Systembreakdown“ ist so ein Album, das nur aus Intuitivität besteht. Nach dem Motto: „Das klingt gut, lassen wir so“ (lacht).

KEYS: Habt ihr das Mixing oder Mastering auch mal ausgelagert?
Martin: Ja, unser Album „Shoulders & Giants“ aus dem Jahr 2011 haben wir extern mastern lassen. Das war ein klassisches Mastering, wo alles gegen die Wand gefahren wird – Hauptsache, es ist laut. Damals war ich gerade an dem Punkt in meiner Studienzeit, wo ich gelernt habe, was Dynamik ausmacht. Vor allem im Post-Rock ist das sehr wichtig. Wir haben auch gemerkt, dass es die Leute eigentlich gar nicht interessiert, ob das jetzt leiser oder lauter ist. Mein Mastering besteht deshalb im Prinzip aus meinem Mix. Das einzige was ich mache, ist, einen Limiter am Ende der Kette einzufügen und den Track auf diese Weise lauter zu machen, die Dynamik dabei allerdings bis auf ein paar Signalspitzen nicht einzuschränken.

KEYS: Du nutzt also keine Summenkompression oder dergleichen?
Martin: Nein, das mache ich alles im Mix. Wenn mir etwas nicht gefällt oder ich denn Song zu dünn finde, überlege ich, wo das Problem im Mix liegen könnte. Sei es die Gitarre, die nicht fett genug ist, oder ein fehlendes Instrument. In dem Fall spiele ich noch ein Instrument ein und begrenze die Summe lediglich mit einem Limiter. Ich glaube, dass die Musik, die wir produzieren, und Post-Rock im Allgemeinen kein popartiges Mastering braucht. Wir brauchen auch kein Radio-Finishing. Deshalb lasse ich die Songs, wenn sie gut klingen, so wie sie sind und zerstöre sie nicht unnötig durch ein Mastering. Das ist meine momentane Einstellung, es kann auch sein, dass ich in fünf Jahren anders darüber denke.


KEYS: „Shoulders & Giants“ war doch Teil eines Doppelkonzepts – wurde das zweite Album auch so gemastert?

Chris: Das ist ganz witzig: „Shoulders & Giants“ kam 2011 raus und wurde extrem auf Lautheit gemastert. 2014 kam dann mit „Sacrifice and Isolation“ der zweite Teil, bei dem Martin viel mehr auf die Dynamik geachtet hat. Wenn man die beiden zusammen hört, denkt man erst mal: „Moment, was ist denn hier los?“
Martin: Wir haben da, glaube ich, Unterschiede von bis zu 6 dB.
Chris: Bei „Shoulders & Giants“ hat Martin dann auch noch einmal nachgemastert.
Martin: Das ist bei den CDs natürlich nicht drauf, aber wer die digitale Version über den Online-Store kauft, bekommt das neue Mastering von mir (lacht).

KEYS: Gibt es Mixing-Software, die ihr am liebsten benutzt?
Martin: Bei den Effekt-Plug-ins eigentlich nicht. Aber ich bevorzuge die DAW Reaper. Ich arbeite damit, seit wir zusammen angefangen haben, Musik zu machen, und bin mehr als zufrieden. Das ist mein Standard-Werkzeug. Auch mit den Plug-ins, die bei der Software dabei sind, kommt man schon sehr weit. Ich habe während meines Studiums viele andere DAWs kennengelernt und muss sagen, obwohl sie umfangreicher sind, finde ich stets eine für mich bessere Lösung mit Reaper. Hauptberuflich produziere ich Werbeclips und auch dort arbeite ich bei den kleineren Projekten damit. Die Software läuft sehr flüssig, und ich habe nie etwas vermisst.

KEYS: Wie sieht es mit Outboard-Equipment aus?
Martin: Wir nutzen als Outboard nur einen vernünftigen Preamp, ansonsten passiert bei uns alles digital.
Chris: Das Mixing und Mastering machen wir mittlerweile im Studio eines Freundes. Zu Hause machen wir nur die Vorproduktion.
Martin: Durch diese digitale Aufnahmetechnik kreieren wir auch unseren eigenen Sound. Wir würden nicht so klingen, wenn wir alles in einem professionellen Tonstudio mit lauter Hardware-Schnick-Schnack aufnehmen würden. Wir spielen zwar Drums über ein echtes Schlagzeug ein, die werden aber dann getriggert. Und die Gitarren gehen manchmal nicht über einen Amp, sondern direkt ins Interface. Dadurch sind wir auch sehr schnell, da wir die Sounds im Nachhinein noch verändern können und nicht so viel Zeit in die Aufnahme an sich investieren müssen.

Collapse under the Empire Studio
In diesem Studio eines Freundes mixt und mastert die Band ihre Alben, nachdem sie in den eigenen Räumen vorproduziert wurden.

KEYS: Was sind eure Pläne in nächster Zeit?
Martin: Im nächsten Jahr wollen wir uns auf die Live-Aktivitäten konzentrieren. Wir werden weiterhin mit Patrick an der Show und dem Konzept arbeiten und hoffentlich das Publikum unter anderem mit unserer Lichtshow überzeugen können. Was das Booking betrifft, haben wir auch schon gute Neuigkeiten. Eine große Booking-Agentur hat nach unserem ersten Konzert bereits Interesse gezeigt.
Chris: Man kann sagen, dass wir von 2009-2015 eine Ära zu Ende gebracht haben, sich der Kreis jetzt schließt und wir nun mit dem Erreichten auf Tour gehen können. Wir wollen aber nicht die Masse bedienen und ständig auf Tour sein, sondern eher bestimmte Locations und Festivals auswählen, um dann daraus etwas Besonderes zu machen. Parallel dazu wollen wir Ende des Jahres noch ein Werkschau-Album auf zwei CDs veröffentlichen.

KEYS: Vielen Dank, dass ihr euch Zeit genommen habt.

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 08/16.