Interview: Boris Brejcha – Maskenball goes High-Tech

Die Veröffentlichung seines neuen Albums „22“ lässt nicht mehr lange auf sich warten. Wir haben uns mit Boris Brejcha unterhalten und einiges über seine Vorstellung von elektronischer Musik erfahren.

Boris Brejcha

Die Veröffentlichung seines neuen Albums „22“ lässt nicht mehr lange auf sich warten. Wir haben uns mit Boris Brejcha unterhalten und einiges über seine Vorstellung von elektronischer Musik erfahren.

Als Teenager fing Boris Brejcha an, Musik zu produzieren. Mit dem ersten Computer und der ersten Cubase-Version tauchte der Frankenthaler Produzent und DJ in die Welt der elektronischen Musik ein und kann nun auf einen rasanten Werdegang zurückblicken. Nach mehreren Jahren bei den Labels Autist Records aus Berlin und Harthouse aus Mannheim, hat er nun mit Ann Clue und seinem besten Freund Deniz Bul sein eigenes Label FCKNG SERIOUS gegründet. 

KEYS: Boris, das Release deines neuen Albums steht kurz bevor. Muss man sich in puncto Sound auf Überraschungen gefasst machen? 

Boris Brejcha: In erste Linie mache ich so Musik, wie ich mich gerade fühle. Jedoch geht es schon etwas mehr in die Elektro-Richtung. Es ist sozusagen ein Mix aus allem – ein bisschen Techno, ein bisschen Minimal, ganz viele Melodien und durch diesen ganzen EDM-Hype sind jetzt vielleicht auch ein paar Elektro-Einflüsse drin.

KEYS: Du wirst das Album auch über euer eigenes Label FCKNG SERIOUS veröffentlichen. Warum hast du das Label gegründet? 

Boris Brejcha: Gegründet habe ich es, weil ich den nächsten Schritt wagen wollte. Es war mir sehr wichtig, weil ich dadurch endlich mal das machen kann, was mir gefällt, ohne irgendwie zurückstecken zu müssen. Ich war zuvor sieben Jahre bei Harthouse und die haben, was Promotion oder so etwas wie Label Nights angeht, nicht wirklich viel gemacht. Da haben wir in dieser kurzen Zeit weitaus mehr organisiert. 

KEYS: Wenn du live spielst, hast du eine Maske auf. Gibt es eine Geschichte dahinter? 

Boris Brejcha: Das war ursprünglich mehr als Witz geplant. Ich hatte im Dezember 2006 meinen allerersten Auftritt in Brasilien, was zu dieser Zeit zugegebenermaßen ziemlich utopisch war, und dann dachte ich mir: „Okay, irgendwie musst du dich jetzt ein bisschen abheben.“ In dem Moment kam mir der Karneval in Rio in den Sinn, woraufhin ich mir einfach mal so eine Maske mitgenommen habe. Ich hatte vor zwei Jahren mal eine Zeit lang versucht, die Maske wegzulassen, weil ich irgendwie keine Lust mehr darauf hatte. Da gab es aber dann ganz schnell viele negative Kommentare (lacht). Wir planen momentan auch schon, die Maske mit LED-Lichtern auszustatten. Wenn man dann diese Jokermaske sieht, weiß man sofort, dass ich das bin.

KEYS: Du hast dein eigenes Genre „High-Tech Minimal“ etabliert. Durch was zeichnet sich das aus? 

Boris Brejcha: Es ist eigentlich ziemlich simpel. Ich will Musik nicht in irgendwelche Schubladen stecken, aber mir ist aufgefallen, dass die Fans das wollen. Sie wollen sich mit irgendetwas identifizieren und meine Musik war eben nicht zu 100 Prozent Techno und auch kein Minimal, weil nicht mehr so viel „Pling Plong“ zu hören war – irgendwie ein wilder Mix aus allem. Ich dachte mir, wenn die das in eine Schublade stecken wollen, dann mache ich mir einfach meine eigene. Der Name „High-Tech Minimal“ war irgendwie passend, weil es ein Zusammenspiel aus vielen verschiedenen Schubladen ist.

KEYS: Gibt es beim Musik machen bestimmte Vorgehensweisen oder Produktionsprozesse, die deinen Sound definieren? 

Boris Brejcha: Generell habe ich da nicht wirklich eine feste Vorgehensweise. Wenn ich irgendeinen Beat habe und mir die Bass-Drum und Bassline gefallen, packe ich auf eine Summe dieser beiden Komponenten einen krassen Kompressor, einen Equalizer und noch einen Multiband-Kompressor, damit ich das so dick wie möglich hinbekomme. Danach nähere ich mich dem roten Bereich und schalte noch einen Limiter dazu. Das Ganze wird dann exportiert und wieder in das Projekt eingefügt. So schaffe ich es, dass meine Kick und die Bassline immer gleich klingen.

KEYS: Wie erzeugst du die Soundspielereien in deinen Songs? Benutzt du vorgefertigte Samples oder designst du deine Sounds selbst?

Boris Brejcha: Das ist verschieden. Samples benutze ich eigentlich nur für Drums, ansonsten finde ich das eigentlich nicht so toll. Ich versuche immer, wenn ich einen Song produziere, eine Geschichte zu stricken. Bei der Musik anderer Künstler ist mir aufgefallen, dass du, wenn du den ersten Break gehört hast, oft auch schon weißt, wie der zweite klingt. Es wird einfach nach hinten kopiert, und das war mir immer viel zu langweilig. Deshalb versuche ich, eine Story daraus zu machen, sodass es sich nach hinten hinaus immer wieder ändert und spannend bleibt. Wenn ich Musik höre, ist es mir auch wichtig, sie von Anfang bis Ende zu hören und die Geschichte dahinter mitzubekommen. Sonst könnten wir auch einfach nur noch Loops produzieren. 

KEYS: Was inspiriert dich zu neuen Songs?  

Boris Brejcha: Oft inspirieren mich meine Reisen. Als ich zum Beispiel von einem Auftritt in Frankreich zurückgeflogen bin, habe ich aus dem Fenster gesehen und in diesem Moment sind wir über den Mont Blanc geflogen. Das sah einfach total cool aus und das war dann auch die Inspiration zum gleichnamigen Track, der auf dem aktuellen Album zu finden ist. Es kann aber auch vorkommen, dass ich einfach da sitze, rumbastel und dann aus dem Chaos heraus etwas entsteht.

KEYS: Produzierst du auch unterwegs beziehungsweise hältst du Ideen direkt fest, wenn dich plötzlich die Inspiration packt? 

Boris Brejcha: Nein, das mache ich nicht. Ich habe zwar mal versucht, den ganzen Cubase-Kram auf meinen Laptop zu packen und Kopfhörer mitzunehmen, aber da bin ich definitiv nicht der Typ dazu. Ich meine, wenn du nur eine Melodie als Idee festhalten willst, ist das schön und gut, aber wenn es dann an die Bassline oder die Kick-Drum-Frequenzen geht, brauche ich einfach meine Boxen zu Hause. Wenn ich unterwegs bin, mache ich definitiv nichts. Da chille ich eher. 

KEYS: Besitzt du zu Hause ein Studio? 

Boris Brejcha: Eigentlich ist es kein Studio, sondern viel mehr mein umgebautes Schlafzimmer. Ich habe versucht, den Raum, so gut es geht, mit Hofa-Absorbern zu optimieren, aber es ist weder super professionell noch amateur-mäßig. Es ist ganz okay (lacht).

Boris Brejcha Maske
Bei Live-Auftritten immer dabei: Boris Brejchas unverkennbare Maske.

KEYS: Welche Software und Plug-ins benutzt du hauptsächlich? 

Boris Brejcha: Hauptsächlich verwende ich Cubase, schon seit eh und je. Ich habe auch mal eine Zeit lang Ableton ausprobiert, allerdings ist das nicht so wirklich mein Fall. Was die Synths angeht, nutze ich meistens Omnisphere und Trillian von Spectrasonics sowie Nexus von reFX. Alchemy von Camel Audio finde ich auch super. Um meine Stimme zu pitchen, kommt oft Ircam Trax von Flux zum Einsatz, was meiner Meinung nach das beste Plug-in ist, um mit Stimmen zu arbeiten. Ansonsten benutze ich noch Echobode und Permut8 von Soniccharge, und von FabFilter habe ich alles. Ich finde, dass das einer der besten Hersteller ist, da die Plug-ins null Ressourcen fressen und super überschaubar sind.

KEYS: Wie sieht es mit Outboard-Equipment aus? 
Boris Brejcha: Outboard besitze ich keines, ich bin rein mit Software unterwegs. Ich habe mir zwar mal den Virus TI geholt, den man integrieren konnte. Das hat allerdings nicht so wirklich funktioniert, da die Software nicht ausgereift war. Ich glaube, ich bin da einfach nicht der Typ dazu. Ich habe mit Software angefangen und liebe Total Recall, dass alles direkt funktioniert, ohne groß Sachen anstöpseln zu müssen. Meine Hardware beschränkt sich auf ein UR28 von Steinberg, ein Akai Max 49 und ein Mikrofon. Das UR28 deshalb, da man drei paar Boxen anschließen und einfach herumswitchen kann. Das Ganze kombiniert mit einem Mono-Schalter ist sehr praktisch.

KEYS: Welches Equipment nutzt du, wenn du live spielst? 
Boris Brejcha: Aktuell verwende ich nur einen USB-Stick. Das ist für mich am praktischsten, weil man nichts tun muss, außer anzustöpseln. Ich hatte davor mal mit der Akai MPC und Ableton Live gespielt. Damit hatte ich das Problem, dass man das Ganze immer so ein bisschen vorbereiten muss. Man muss die Lieder auseinanderklabustern, damit das live funktioniert. Das war vor allem nervig, weil ich mit Cubase Musik mache und das dann quasi Ableton-kompatibel machen musste. Das war mir am Ende einfach zu viel Arbeit. Wenn ich auflege, habe ich einfach nur meine USB-Sticks und im Club dann meistens noch einen DJM2000 und zwei 2000er-CD-Spieler von Pioneer.

KEYS: Was hast du verwendet, als du zum ersten Mal auf der Bühne standest?
Boris Brejcha: Als ich das erste Mal aufgelegt habe, war ich in Brasilien und hatte so gut wie keinen Plan davon. Ich habe einfach meinen Laptop genommen und mir die allererste Version von Traktor draufgespielt. Daraufhin hab ich versucht, die Lieder mit einem ganz billigen Popel-Controller zu mixen. Das Problem war, dass es in Brasilien so schwül-heiß ist und deswegen der Controller nicht richtig funktioniert hatte – das war alles ein Chaos hoch 10 (lacht).

KEYS: Wie kam es zustande, dass du in Brasilien auflegst, obwohl du noch nicht wirklich bekannt warst?
Boris Brejcha: Das weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht so richtig. Ich hatte im November 2006 mein erstes Release und Anfang oder Mitte Dezember haben sich dann ein paar Promoter aus Brasilien bei mir gemeldet. Die meinten, dass die DJs, die in Brasilien in Club XY spielen, das alle so toll finden und ob ich nicht irgendwann mal Lust hätte, dort auf einem Festival zu spielen. 

KEYS: Wie bist du dann letztendlich zu Harthouse gekommen? 
Boris Brejcha: Ich hatte meine ersten beiden Releases bei Autist Records aus Berlin. Das gibt es mittlerweile nicht mehr. Auf jeden Fall fand ein Kumpel von mir Harthouse immer ganz cool, weil sie damals recht viel gemacht haben. Dadurch wurde ich auch aufmerksam darauf. Irgendwann dachte ich mir: „Da schickst du jetzt auch einfach mal was hin.“ Daraufhin habe ich ihnen ein Riesenpaket geschickt mit einer CD, Bildern, Text und so weiter. Die haben sich direkt bei mir gemeldet und gemeint, dass wir das jetzt einfach mal mit zwei Liedern auf einer Compilation probieren, und das hat dann auch super funktioniert.

KEYS: Wieso hast du begonnen, elektronische Musik zu produzieren?
Boris Brejcha: Als kleines Kind habe ich ganz viel David Hasselhoff und Allgemeine Verunsicherung gehört. Als ich zur Schule ging, hatten wir im Musikunterricht immer die Möglichkeit, am Schluss der Stunde CDs mitzubringen, die wir uns dann angehört haben. Ein Kumpel von mir kam dann mal mit einer Hardcore-CD an, „Thunderdome“ hieß das. Das war das erste Mal, dass ich was anderes gehört habe als Gitarre und Schlagzeug. Ich war – unabhängig davon, ob Hardcore jetzt gut ist oder nicht (lacht) – total fasziniert davon. Zur selben Zeit gab es auf RPR 1 abends um zehn so eine Show, in der auch elektronische Musik lief. Das habe ich mir immer angehört und auf Kasette aufgenommen. Als ich zwölf wurde, habe ich von meinem Papa den ersten PC bekommen und mir von einem Kumpel Cubase installieren lassen. Zu der Zeit habe ich auch ganz viel Musik à la Armin van Buuren und Tiësto gehört, und mein einziger Gedanke war, dass ich auch mal so werden will. Nachdem ich dann eine Menge Trance-Musik gemacht habe, lernte ich Anfang 2006 einen Freund kennen, der Minimal produzierte und mich fragte, ob ich so was nicht auch mal machen will. Und im November 2006 kam dann schon das erste Release. 

KEYS: Du sagst, Armin van Buuren und Tiësto waren damals deine Vorbilder. Gibt es auch heute noch Künstler oder Musik, die dich inspirieren? 
Boris Brejcha: Im elektronischen Musikbereich ist es bei mir sehr schwer. Es gibt keinen Künstler, den ich durch die Bank cool finde, sondern immer nur ein paar Lieder. Da ich unter der Woche zu Hause sehr viel produziere, habe ich meistens auch keine Lust mehr auf diese Art von Musik. Vor allem, wenn ich dann auch noch am Wochenende auflege. Meistens höre ich Filmmusik, wenn ich gemütlich auf der Couch liege. Ich versuche auf jeden Fall zu vermeiden, zu viel elektronische Musik von anderen Leuten zu hören, weil ich finde, dass es einen selbst sehr beeinflusst.

KEYS: Eine Frage zum Schluss: Wenn du ein Lieblings-Plug-in wählen müsstest, welches wäre das? 
Boris Brejcha: Das ist ganz klar das Plug-in One von FabFilter. Das ist so ein kleiner, blauer Synth, der auch ziemlich günstig und schon ewig auf dem Markt ist. Es ist, glaube ich, eines der ersten Plug-ins, die sie rausgebracht haben. Mit dem Ding hab ich damals meine typische Boris-Brejcha-Knarz-Bassline gemacht und dazu benutze ich es heute noch. Es ist sozusagen die Konstante in meiner Musik, und wenn mir mal die Inspiration fehlt, greife ich auf jeden Fall zu diesem Synth. 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der KEYS-Ausgabe 03/16.