Interview: Hurts – Klippenspringer

Zwei Jahre nach seinem Gold-Album „Exile“ meldet sich das britische Synth-Pop-Duo Hurts mit dem Nachfolger „Surrender“ zurück. Ein Gespräch über den Refrain als Klippensprung, Equipment und gestohlene Computer.

Foto: Neil Krug

Zwei Jahre nach seinem Gold-Album „Exile“ meldet sich das britische Synth-Pop-Duo Hurts mit dem Nachfolger „Surrender“ zurück. Ein Gespräch über den Refrain als Klippensprung, Equipment und gestohlene Computer.

 

Auch wenn der Titel „Surrender“ anderes vermuten lassen mag – Theo Hutchcraft und Adam Anderson, alias Hurts, geben sich auf ihrem neuen Album stellenweise enorm heiter, um nicht zu sagen: gelöst. Geboten wird auf der Oberfläche unkompliziert erscheinender Synth-Pop, der bei genauerem Hinhören jedoch reichlich Tiefen bereithält. Wir konnten Adam Anderson und Hurts-Stammproduzent Jonas Quant zur Produktion von „Surrender“ befragen. 

 

KEYS: Adam, ich finde, „Surrender“ klingt nach einem richtigen Album, nicht – wie es sonst heute oft üblich ist – nach einer Sammlung von Singles …

Adam Anderson:  Wir geben uns Mühe, unsere Alben rund klingen zu lassen. Etwa einen Monat hat es gedauert, bis wir die Songreihenfolge gefunden hatten, die unserer Meinung nach die beste Balance bietet. Jeder, der sich dieses Album kauft, bekommt ein echtes künstlerisches Werk, keine Singles-Sammlung. 

 

KEYS: Viele eurer Songs haben, wie ich finde, ziemlich hymnenhafte Refrains. Was ist euer Tipp für jemanden, der ähnliche Refrains schreiben beziehungsweise arrangieren und produzieren möchte?

Anderson: Unsere besten Stücke haben im Refrain einen einfachen Text und eine einfache Melodie. Wenn man will, dass 40.000 Menschen in einem Stadion oder Open-Air-Gelände auf deinen Song reagieren, muss er diese Elemente besitzen. Wenn es zu kompliziert gerät, wird es alternativer. Das ist auf seine Weise auch großartig, aber dann wird es eben auch schwieriger, es noch hymnisch klingen zu lassen. Produktionstechnisch geht es hier vor allem um Breite und Tiefe. Unser Produzent Jonas Quant nennt den Chorus: „Das Gefühl, von einer Klippe zu springen“. Das gefällt mir. Es gibt natürlich ganz bestimmte Tricks, die man anwenden kann, um dieses Gefühl zu vermitteln – aber ganz allgemein gesprochen, gilt die Regel, dass man die Produktion in der Strophe klein und schmal halten sollte, um sie dann im Chorus in die Breite und Tiefe zu ziehen. Das ist alles, was ich dazu sagen kann, ohne unsere Geheimnisse zu verraten!

 

KEYS: Charakteristisch für euch ist auch die Art, mit der ihr Background-Vocals behandelt. Kannst du vielleicht ein Beispiel dafür geben, wie ihr hier vorgeht?

Anderson: Auf dem neuen Album haben wir ziemlich viel mit einem Gospel-Chor gearbeitet. Eine Stimme ist in derselben Weise emotional und strukturell, wie ein Instrument – deshalb behandeln wir Vocals auf kreativer Ebene so, wie wir auch mit jedem anderen Sound verfahren würden. Der Gospel-Chor hat Freude und eine gewisse Wildheit in unseren Sound gebracht, der sonst deutlich kontrollierter ist. Oft layern wir aber auch Theos Stimme und nutzen viel Harmoniegesang, obwohl Jonas da eher nicht so drauf steht. Ich liebe es, Theos Vocals zu zerhacken und wie ein komplett anderes Element klingen zu lassen. 

 

KEYS: Was habt ihr eigentlich für einen Synth-Sound im Intro von „Some Kind of Heaven“, der ersten Single aus „Surrender“, benutzt? Der Part klingt interessant.

Anderson: Der Sound besteht aus heruntergepitchten einzelnen Piano-Noten, auf die dann noch ein Filter gelegt wurde.

 

KEYS: Was ist aktuell dein Lieblings-Synthesizer?

Anderson: Ich verwende in fast jedem Song den iZotope Iris. Ich denke, man sollte den Iris vielleicht eher Sampler nennen, aber er hat definitiv Charakteristiken, die weit über einen Sampler hinausgehen. Ich liebe es, eine Audio-Datei zu nehmen und sie so umzukrempeln, dass sie nach etwas völlig anderem klingt. Presets sind ein toller Ausgangspunkt, aber nur ganz selten schafft es bei uns ein Preset bis aufs fertige Album. Das meiste, was an Sound-Design geschieht, bevor Jonas sich den Songs annimmt, passiert im Iris. Ich glaube, Jonas verwendet ihn aber gar nicht. Er hat seine eigenen Tricks.

 

KEYS: Hast du einen Hardware-Synth-Favoriten?

Anderson: Auf unserem zweiten Album haben wir einen russischen Synthesizer benutzt, den ein Freund in einem Studio in Hamburg stehen hatte. Dieser Synth kam am Ende von „The Road“ zum Einsatz. Der Sound, den der Synth produzierte, war echt erstaunlich – es klang wie der Tod. Aber das Teil ist die am wenigsten vielseitige Maschine überhaupt: Es kann wortwörtlich nur einen Sound. 

 

Bei ihren Live-Performances überzeugen Sänger Theo Hutchcraft (links) und Sound-Mastermind Adam Anderson (rechts unten) mit Synthie-Pop der Extraklasse. // Foto: shutterstock.com/Jykub88

KEYS: Ihr habt, neben Jonas, noch mit anderen Produzenten gearbeitet. Warum fiel der Entschluss, diesmal auch Ariel Rechtshaid (HAIM, Vampire Weekend …) und Stuart Price (Madonna, The Killers …) einzubeziehen?

Anderson: Die beiden haben ihre ganz eigenen Qualitäten. Ariel war zum Beispiel sehr old-school und stark daran interessiert, Live-Elemente einzubinden. Er hat auch unheimlich auf den Groove geschaut, und war, was das betraf, sehr präzise. Es kam richtig cool, ihn bei der Arbeit beobachten zu können. Ariel ist ein echter Künstler. Stuart brachte schließlich eine sehr frische und klare Einstellung mit. Er hat in den Songs auch einige Schichten abgetragen – unsere Demos verfügen meist über sehr viele Layer, musst du wissen. Stuart steht knietief in der Dance-Welt, und wir wollten etwas mit dem Drive und der Einfachheit dieses Genres in unseren Songs. Außerdem ist er der netteste Mensch auf Erden.

 

KEYS: Welche Künstler aus dem Dance-Bereich gefallen dir?

Anderson: New Order – wegen ihrer Leistung, traurige Songs geschrieben zu haben, zu denen man tanzen kann. Was für eine Fähigkeit! Und Depeche Mode in ihrer „Violator“-Ära – ihre Songs waren fein herausgearbeitet, aber man konnte zu ihnen tanzen. Lieder mit Tempo zu machen, die ihre Integrität behalten, ist schwieriger, als man denkt.

 

KEYS: Du sagst, ihr layert viel. Kannst du euren Songwriting-Prozess noch ein wenig genauer schildern?

Anderson: Wir beginnen mit einem akustischen Demo und gehen dann in die DAW, um es weiter auszuarbeiten. Super simpel. Wir wechseln normalerweise nicht zu Logic, bevor der Song auf dem Klavier beziehungsweise der Gitarre perfekt ist. Es handelt sich dann in der Regel um sehr einfache Akkorde, aber die Melodien und Lyrics sind zu 100 Prozent fertig, bevor wir den Computer überhaupt anrühren. Auf diese Weise weiß man, dass, in welche Richtung auch immer die Produktion sich entwickelt, sie nicht über Lücken in der DNS des Songs hinwegtäuscht. Der Song muss zuerst auf eigenen Füßen stehen – wenn das nicht der Fall ist, gehen wir lieber zu einer anderen Idee über. 

 

KEYS: Was inspiriert euch, wenn ihr Songs schreibt? Kannst du unseren Lesern vielleicht ein Beispiel geben?

Anderson: „Policewoman“ ist da ein gutes Beispiel. Wir sind wirklich stolz auf diesen Song. Wir haben ihn zusammen mit Ariel geschrieben – dann wurde Ariels Auto aufgebrochen und sein Computer gestohlen. Der ganze Song war weg! Das hat uns sehr zugesetzt. Wir waren super geknickt, weil es keine anderen Aufnahmen von dem Stück gab. Aber durch schiere Willenskraft ist es uns gelungen, den Song innerhalb eines Jahres aus Erinnerungsschnipseln wieder zusammenzustückeln. „Policewoman“ berührt mich wegen dieser Reise, die das Stück mitgemacht hat, emotional ganz besonders.

 

Das neue Album „Surrender“
kommt am 9. Oktober in den Handel.

Bio: Hurts

Theo Hutchcraft und Adam Anderson, die zuvor schon zusammen in den britischen Bands Bureau und Daggers gespielt hatten, wählen 2009 den Namen Hurts für ihr gemeinsames Synth-Pop-Projekt. 2010 veröffentlicht das Duo sein Debüt „Happiness“, das es in 12 europäischen Ländern in die Top 10 schafft. In Deutschland erhielten Hurts sogar Doppel-Platin. Für ihr jüngstes Album „Surrender“ arbeitete das Duo neben Stammproduzent Jonas Quant auch mit den Grammy-Gewinnern Stuart Price (Madonna, The Killers, New Order …) und Ariel Rechtshaid (Beyoncé, HAIM, Vampire Weekend). 

 

 

KEYS: Schreibst du musikalische Ideen gleich auf oder hältst du sie in anderer Form fest?

Anderson: Ich nehme jede Melodie, aber auch andere musikalische Ideen mit meinem Telefon auf. Aber wenn eine Idee wirklich großartig ist, vergisst man sie nicht; insofern ist das dann mehr ein Back-up. Telefon-Aufnahmen können ein entscheidender Faktor sein, wenn man sich zum Beispiel an eine bestimmte Nuance in einer Gesangsmelodie erinnern muss. Aber was die Musik betrifft, vergesse ich nie etwas, das sich großartig anfühlt.  


KEYS: Ihr bindet gern Gitarren und Ähnliches ein. Hast du die Rhythmus-Gitarre aus „Kaleidoscope“ eigentlich selbst gespielt? Der Part hat einen schönen Disco- beziehungsweise 80er-R&B-Vibe …

Anderson: Ja, ich spiele alle Gitarren auf dem Album selbst. In diesem Fall war es eine Tele. In dem Song passiert ziemlich cooler Scheiß auf der Gitarre. Das Post-Chorus-Riff klingt zum Beispiel wie ein Moog, aber eigentlich handelt es sich dabei um einen Single-Note-Gitarren-Part mit einem nach vorn gemischten Delay, das die wiederholten Noten spielt. Ich liebe den Sound und diesen Part. An anderen Stellen ist es bloß eine Tele, die wir in den Rechner gestöpselt haben. Ich glaube, wir haben sogar nur die Amps aus Logic benutzt.

 

KEYS: Adam, vielen Dank für das Gespräch.

 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 11/15.