Interview: Goldfrapp – Zurück zur Synthese

Auf ihrem jüngsten Album „Silver Eye“ wenden Goldfrapp sich wieder verstärkt dem Synth-Pop zu. Wir haben mit Will Gregory über die Produktion der neuen Platte, Synthesizer, Effektpedale und mehr gesprochen.

Goldfrapp im Interview
Foto: Alison Goldfrapp

Auf ihrem jüngsten Album „Silver Eye“ wenden Goldfrapp sich wieder verstärkt dem Synth-Pop zu. Wir haben mit Will Gregory über die Produktion der neuen Platte, Synthesizer, Effektpedale und mehr gesprochen. 

Mit Alben wie „Black Cherry“ oder „Supernature“ legten Goldfrapp vor mehr als einer Dekade das Fundament für einen Sound, der in vielerlei Hinsicht auch anno 2017 noch in den Charts zu finden ist. Auf dem Einfluss, den es mit seinem Glam-Synth-Pop ausübte, ruhte das britische Duo sich jedoch nicht aus. Stattdessen wagten Goldfrapp sich auch immer wieder in andere Gefilde vor – zum Beispiel auf „Tales of Us“, dem stark akustischen und von Folktronic-Klängen dominierten Vorgänger zum jüngsten Streich „Silver Eye“. Mit Letzterem hat das Duo nun eine Art Melange beider Welten geschaffen.

KEYS: Will, ihr habt diesmal unter anderem mit dem Produzenten Bobby Krlic, alias The Haxan Cloak, gearbeitet. Was hat euch dazu bewogen, Bobby ins Boot zu holen?
Will Gregory:
Vor allem dann, wenn wir bereits über eine Idee davon verfügen, was wir machen wollen, binden wir gerne andere in die Produktion ein. Das war schon immer so. Wir lieben zum Beispiel Haxan Cloaks eigene Musik mit diesem tiefen, heavy Drone-Ding. Das hat sehr gut zu einigen unserer Ideen gepasst. Wir wollten mit diesem Album ja wieder zurück zum Synthesizer als einem Instrument im Vordergrund finden – aber weniger in so einer stampfenden Weihnachtskugel-Art, sondern erdiger und uriger. Und ich glaube, wenn man an erdige und urige Synthesizer denkt, fällt einem zuerst der Name Haxan Cloak ein. Er hat dann auf gut der Hälfte der Tracks vor allem tiefe Bass-Sounds und Drums hinzugefügt.

KEYS: Auch John Congleton war mit im Boot. Was zeichnet diesen Produzenten aus?
Will Gregory:
Johns Produktionen mochten wir auch schon immer. Er geht sozusagen gleich zur Schlagader – seine Sachen sind schnell etwas gewagter und wilder. Und wir wollten halt etwas, das die Songs weniger glatt macht. Wir mussten John aber überreden. Eigentlich mag er es, von Grund auf zu produzieren. Er ist gern vom ersten Tag an dabei. Wir kamen dagegen ganz am Ende zu ihm, als alle Songs schon geschrieben waren. Tatsächlich lief dann aber alles super. John nahm Dinge raus, um die Songs weniger stromlinienförmig klingen zu lassen und Redundanzen in den Sounds zu beseitigen. Die Tracks wurden minimalistischer, gewannen aber an Durchschlagskraft. Manchmal nahm er für unseren Geschmack aber auch zu viel raus (lacht)!

Alison Goldfrapp
Namensgebende zweite Hälfte des britischen Duos: Alison Goldfrapp // Foto: Alison Goldfrapp

KEYS: Du sagst, ihr wolltet mit „Silver Eye“ zurück zum Synthesizer als Instrument im Vordergrund finden. Welche Synths waren bei diesem Album denn besonders wichtig?
Will Gregory:
Es gibt zum Beispiel eine ganze Menge Modular Moog auf „Silver Eye“. Das Stück „Faux Suede Drifter“ fängt etwa mit Moog-Bässen an. Drei Noten pro Akkord – nur Moog, das sorgt für einen wunderbar seidigen, warmen Sound. Wie immer ist auch der MS-20 dabei. Ich liebe diesen Synthesizer – er ist so vielseitig und voller Charakter. Es gibt auch ein paar Soli. Das ist dann in der Regel auch ein MS-20. Außerdem ist mit dem TherapSid auch ein SID-Synthesizer vertreten. Ich glaube, der wird von jemandem in Belgien gebaut. Der TherapSid kam für Bass-Sounds zum Einsatz, weil er diesen niedrigaufgelösten Commodore-64-Klang liefert, aber – wenn man mit dem EQ etwas Bottom-End hinzufügt – einen sehr zähen Sound hat, den man mit analogen Synths so meist nicht hinbekommt. 8-Bit-Sachen sind manchmal großartig für so etwas.

KEYS: In den letzten Jahren haben ja besonders Analog-Synthesizer ein ziemliches Comeback erlebt …
Will Gregory:
Das würde ich auch sagen. Vor allem in eurem Land. Ich erinnere mich daran, dass ich schon vor einigen Jahren mal in Berlin im SchneidersLaden war. Da gab es all diese Euro-Rack-Module. Das ist echt ein Riesending geworden.

KEYS: Mit der Superbooth gibt es in Berlin jetzt sogar eine eigene Messe für das Thema …
Will Gregory:
Fantastisch! Sogar in Bristol, wo ich letzte Woche war, hat jetzt wieder ein kleiner Synthesizer-Shop auf der High Street eröffnet, der auch Euro-Rack-Module verkauft. Wir hatten, was das angeht, in England ja über Jahre gar nichts. Ich weiß, dass das in Deutschland anders war, da gab es immer irgendwo einen Laden, in dem man Synthesizer ausprobieren konnte. Alle Shops wie etwa Digital Village verschwanden bei uns aber aus den Straßen und hatten bloß noch eine Internetpräsenz. Jetzt bringen sehr enthusiastische Leute diese Läden wieder zurück. Das sind Menschen, die selbst auch Synthesizer sammeln und die dir deshalb auch wirklich zeigen können, wie die Geräte funktionieren.

KEYS: Du setzt heute aber auch Soft-Synths ein, oder?
Will Gregory: Ja, ich verwende zum Beispiel gern Mellotron-Software. Es gibt da zwar auch tolle Hardware, etwa aus Schweden. Das Problem ist dann aber oft, dass man nicht außerhalb der Range eines Keyboards spielen kann. Im Rechner lässt sich dagegen alles mappen, wie man es gerade gern möchte. Es gab auch diesen wunderbaren Synths namens Surge. Ich weiß aber gar nicht, ob der noch unterstützt wird. Und ich verwende den FM8 oder ähnliche Sachen. Nichts extrem Außergewöhnliches oder so. Mein Arsenal ist ziemlich am allgemeinen Standard ausgerichtet. Auch einige der Logic-Synths sind super. Besonders der ES1 ist großartig – sehr direkt und schnell einsetzbar. Fakt bleibt aber, dass ich, wenn ich etwa einen ARP-2600-Reverb verwenden will, zum Originalgerät greife. Schlicht, weil ich eines besitze.

Goldfrapp Silver Eye Cover

Goldfrapp – Silver Eye

Mit ihrem siebten Studioalbum, „Silver Eye“, wagen Goldfrapp einen Brückenschlag zwischen den Folktronic-Einflüssen des unmittelbaren Vorgängers „Tales of Us“ und früheren Werken, auf dem das britische Duo höchst erfolgreich Synth-Pop und Glam-Rock miteinander vermählte („Black Cherry“, „Supernature“ et cetera).

Albumlink: www.goldfrapp.com

KEYS: Was machst du, um bekannten Sounds deinen eigenen Stempel aufzudrücken?
Will Gregory:
Oft schleife ich Sachen etwa durch Bodentreter-Effekte. Gitarristen wissen schon, seit die E-Gitarre erfunden wurde, dass man dadurch eine ganz neue Welt von Sounds enthüllen kann. Synth-Spieler waren ganz offenbar etwas langsamer unterwegs, wenn es darum ging, zu begreifen, dass man nicht alles mit dem Instrument selbst realisieren muss. Ich setze Effektpedale und Ähnliches jetzt schon seit dem Album „Supernature“ regelmäßig ein. Damals habe ich besonders gern Fuzz- und Distortion-Effekte verwendet. Ich nehme aber auch gern den OTO-Biscuit-Bitcrusher her. Das macht aus deinen analogen Sounds etwas Digitales. Und man kann damit auch filtern. Das Teil ist sehr praktisch. Wenn etwas sehr breit klingen soll, tendiere ich dazu, einen Stereo-Effekt von Boss zu nutzen. Damit lässt sich ein Mono-Polysynth auf einfache Weise in etwas sehr Breites verwandeln. Man gewöhnt sich schnell daran, Ketten von Prozessoren zu erstellen und dementsprechend auch schon beim Songwriting so zu denken. Auch das kennt man ja von Gitarristen, die mit ganzen Pedalboards arbeiten. Synth-Spieler hinken in diesem Bereich immer noch etwas hinterher.

KEYS: Spielst du eigentlich auch Gitarre?
Will Gregory:
Nein, aber ich wünschte, ich würde. Es gibt einige Instrumente, die sich besonders gut eignen, um Songs zu schreiben. Und ich denke, die Gitarre ist eines davon. Sie verbindet Rhythmus und Harmonie auf eine schöne, sehr physische Art. Vermutlich ist gerade der Rhythmus-Aspekt ein Punkt, weshalb Leute Drumloops laufen lassen und dazu schreiben. Manchmal kann man den Loop dann am Ende sogar rausnehmen und durch einen anderen Rhythmus ersetzen. Er hat einem dann trotzdem geholfen, auch wenn man am Ende mit einem ganz anderen Rhythmus dasteht. Und: Der Rhythmus muss ja auch gar nicht unbedingt aus der Abteilung Drums kommen. Das ist eines der wichtigsten Dinge, die es zu begreifen gilt. Hör dir mal einen Stevie-Wonder-Song an – das Schlagzeug spielt da ganz oft nur Bumm-Tschack. Der eigentliche Rhythmus kommt von den anderen Instrumenten. Die Drums selbst sind dann eine Art Hinweis auf Anfang, Mitte und Ende des Taktes.

KEYS: Will, vielen Dank für das Gespräch.

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