Test: Steinberg Cubase Pro 9

Mit der Zuverlässigkeit eines Uhrwerks bringt Steinberg alle zwei Jahre eine neue große Version seines Sequencer-Flaggschiffs Cubase Pro auf den Markt. Inzwischen ist man bei Version 9 angekommen. Was das neue Cubase auf Lager hat und ob sich ein Upgrade lohnt, erfahren Sie hier. 

Highlights von Cubase 9 sind die neue, komfortable Ein-Fenter-Bedienung, die durch die sogenannte „Lower Zone“ im Hauptfenster ermöglicht wird, der Sampler mit eigener Spur und passender Library „Caleidoscope“, ein neuer Achtband-Equalizer mit MS-Bearbeitung sowie Audio-Eingänge für VST3-Instrumente. Aber das ist noch längst nicht alles …
Zeitgleich mit Cubase Pro 9 erscheint auch die abgespeckte Version Cubase Artist 9, die sich an Musiker und Songwriter richtet, sowie Cubase Elements 9 für Einsteiger.

Historie

Als Steinberg Mitte der Achtziger den 24-Spur-MIDI-Sequencer Twenty Four für den Atari ST herausbrachte, löste das noch junge deutsche Entwicklerteam um Karl Steinberg, Werner Kracht und Manfred Rürup eine Revolution in der Musikproduktion aus: Plötzlich ließen sich MIDI-fähige Synthesizer und Rhythmusmaschinen synchronisieren und über editierbare MIDI-Sequenzen umfangreiche Kompositionen realisieren. Dazu benötigte man zuvor noch eine 24-Spur-Bandmaschine und timingfeste Musiker.
Doch niemand hätte damals damit gerechnet, in welchem Maße die Fähigkeiten der Sequencer-Software anwachsen würden, angetrieben durch die ungezügelte Kreativität der Entwickler und immer leistungsfähigere Computer. Ab 1989 begann die Entwicklung von Cubase, mit dem erstmals Arrangements im Zeitverlauf auf dem Bildschirm visualisiert wurden. Es folgte Steinbergs VST-Schnittstelle für das Einbinden digitaler Audio-Software und die Audio-Engine ASIO (beides 1996), die bis heute die Rolle eines Industriestandards innehaben. Seit Ende der Neunziger wurden aus den MIDI-Rechnern der Tonstudios sukzessive Audio-Workstations. Dabei konnten Drittanbieter dank VST virtuelle Effekte und Instrumente entwickeln, die inzwischen teurer Hardware mehr und mehr Konkurrenz machen und ständig neue Möglichkeiten erschließen.

Umfang

Cubase Pro 9 bietet nahezu beliebig viele Audio- und MIDI-Spuren und Unterstützung für 5.1-Surround, bis die Prozessoren die Reißleine ziehen, ergänzt um einen virtuellen Control-Room für Kopfhörerabmischungen und das Umschalten von Monitoranlagen. Das Mischpult mit einer Vielzahl von Kanalpresets ist für individuelle Anforderungen weitgehend konfigurierbar. Cubase Pro 9 bietet mehr als 80 Effekte für die Klangformung, die Abmischung und das Mastering. Hinzu kommen Instrumente, die von satten virtuell-analogen Synthesizern wie Retro­logue über zeitgemäße Drums (Groove Agent SE), abgefahrene Sequenzen aus Loop Mesh und experimentelle Flächen aus Padshop reichen. Die Funktion AudioWarp erlaubt längst ein Quantisieren von Audiospuren, während VariAudio 2 der umfangreichen Nachbearbeitung von Gesang dient. Plug-ins und Instrumente von Drittanbietern können im VST-2- und -3-Format integriert werden.

Die neue Lower Zone ermöglicht nun das Arbeiten in einem Fenster.

Neu in Cubase Pro 9

Bei neuen Cubase-Versionen hat Steinberg nicht nur vielfach mit innovativen Neuerungen überrascht, sondern immer wieder auch die Wünsche der Anwender berücksichtigt. Das ist auch diesmal der Fall. Version 9 wirkt unter anderem der häufig geäußerten Kritik entgegen, Cubase sei als „Dinosaurier“ für Einsteiger kaum zu bewältigen.

Ein-Fenster-Layout

Cubase Pro 9 wirkt in der Tat schlanker, ohne dass dabei wichtige Funktionen oder Detailbearbeitungen über Bord geworfen wurden. Maßgeblich für den schnelleren Arbeitsfluss ist das neue Ein-Fenster-Layout, das auch in Cubase Artist 9 und Cubase Elements 9 Einzug gehalten hat. Mit wenigen Mausklicks erreicht man innerhalb des Projektfensters im Nu den Zugriff auf das Mischpult oder die Editoren, die im neu eingerichteten unteren Bereich („Lower Zone“) skalierbar eingeblendet werden. Will man eine Audio- oder MIDI-Spur bearbeiten, muss man nicht mehr zum jeweiligen Editor wechseln, der dann das Hauptfenster verdeckt, sondern öffnet diesen per Klick auf das Spur-Pattern. Auch die Chord-Pads, die mit Akkorden belegt werden können, sowie der neue Sampler können in der Lower Zone geöffnet werden. Ergänzend ist hier auch ein kleines Transportfeld integriert.

History

Die neue History betrifft Operationen im Mischpult und befindet sich dort In Form einer Spalte mit den Einträgen aller Arbeitsschritte, etwa Parameteränderungen der beteiligten Effekte, Faderpositionen, Verschieben oder Laden von Plug-ins. So ist es nicht nur auf einfache Weise möglich, vorangegangene Bearbeitungsstadien wieder herzustellen, wenn man sich in die falsche Richtung bewegt hat. Auch lassen sich auf die Schnelle alternative Bearbeitungen miteinander vergleichen.

Die Mix Console verfügt nun über eine History, die Auskunft über den Bearbeitungsverlauf gibt und alte Arbeitsschritte rückgängig machen kann.

Neue und weiterentwickelte Cubase-Effekte

Unter der Bezeichnung „Frequency“ findet sich ein brandneuer Achtband-Equalizer. Jedes der vollparametrischen Bänder mit einem möglichen Hub von bis zu 30 dB verfügt über vier bis neun verschiedene Filtertypen, eine linearphasige Betriebsart und kann neben dem herkömmlichen Stereobetrieb auch im MS-Modus eingesetzt werden, also zur separaten Bearbeitung von Mitten- und Seitensignalen. Dadurch ist es beispielsweise möglich, eine Bassdrum in der Stereomitte druckvoller und satter zu gestalten, den Anschlag einer Snare herauszuarbeiten oder den Sologesang heller und transparenter zu machen, ohne ungewollt die Bässe von Synthesizerflächen oder die Becken des Schlagzeugs im Seitenkanal zu beeinflussen. Umgekehrt können etwa die Rauminformation oder Effekte, die vor allem im Seitenkanal beheimatet sind, hervorgehoben oder abgeschwächt sowie in ihren Klangfarben beeinflusst werden, ohne dabei die zentralen Instrumente und den Gesang zu verändern. Eine Echtzeitanzeige des Frequenzverlaufs und Solofunktionen für die einzelnen Bänder erleichtern analytische Bearbeitungen. Eine Klaviatur in der unteren Zeile verdeutlicht die Zuordnung von Noten zu physikalischen Frequenzen.

Frequency ist ein Allrounder, der musikalisch klingt, ohne dabei dem Signal eine besondere eigene Färbung aufzuprägen. Er eignet sich auch für schwierige Aufgaben beim Mastering, etwa dem schmalbandigen Herausfiltern von Störsignalen oder dem Abschwächen dominanter Resonanzen. Weitere Effekte wurden für Cubase 9 überarbeitet und teils mit neuen Funktionen ausgestattet. Während etwa der Kompressor, Brickwall-Limiter, Expander, Envelope Shaper und das Gate bei gleicher Funktionalität grafisch großzügiger und moderner gestaltet wurden, ist aus dem Mini-Plug-in AutoPan ein ausgewachsener Panner geworden, bei dem man über Ankerpunkte einen beliebigen Verlauf einzeichnen und effektvolle Fahrten durch das Stereopanorama starten kann.

Auch der Maximizer wurde neu gestaltet und erweitert: Zur Steigerung der Lautheit steht nun neben der Betriebsart Classic ein neuer Algorithmus mit dem Namen „New Modern Mode“ zur Verfügung, der speziell für zeitgemäße Rock/Pop- und Dance-Produktionen ausgelegt ist. Mit New Modern gelingt eine erstaunliche Steigerung der Lautheit ohne Verlust an Transparenz oder dem Eindruck eines plattgefahrenen Signals. Besonders Transienten und Details im höheren Frequenzbereich bleiben erhalten. Der Maximizer bietet zudem nunmehr präzisere Pegelanzeigen für den Ein- und Ausgang und die Pegelreduzierung.

Die mitgelieferten Effekte wurden teils optisch aufgehübscht und – zum Beispiel im Fall von AutoPan – mit neuen Funktionen ausgestattet.

Sampler

In den neuen Sampler können eigene Audio-Clips, Audio-Events aus der Media Bay oder Audio-Patterns direkt aus Projektspuren gezogen werden. Im Fenster Sampler Control in der Lower Zone wird ein Audioclip auf die Tastatur gezogen (Multisamples sind nicht möglich), bei Bedarf transponiert, mit Start- und Endpunkt versehen oder als Loop abgespielt – vorwärts, alternierend oder rückwärts. Der Sampler verfügt via Audio Warp über Timestretching, eine Synchronisation von Beats und Loops zum Songtempo sowie über eine Formantentransponierung. Samples können einer Originaltaste (Root Key) zugewiesen, legato oder mit Portamento gespielt, im Panorama angeordnet und mit einem resonanzfähigen Multimode­filter mit vorgeschalteter Sättigung/Verzerrung und eigener Hüllkurve mit vielen Ankerpunkten modelliert werden. Parameterveränderungen können dabei als Animation aufgezeichnet werden. Der Sampler wird über eine eigene MIDI-Spur (Sampler Track) gespielt. Mit einfach zu bedienenden und effektiven Mitteln hat man im Nu auch stark verfremdete Audioclips erstellt, die man zur weiteren Bearbeitung per Transfer-Taste sogar direkt in Groove Agent SE oder HALion übertragen kann.

Inbegriffen ist zudem eine reich gefüllte Sample-Library, Caleidoscope, die ihrem Namen alle Ehre macht: Was hier geboten wird, ist bunt gemischt, inspirierend und erfrischend. So trifft man auf Atmosphären und Texturen, Effektklänge und Filtermalereien aller Couleur und Stimmungen, dazu engelsgleiche Chöre, die durch das Universum schweben.

Tonales Material liegt in Form gekennzeichneter Akkorde vor und bietet sich auch dazu an, vom Cubase Sound Browser aus per Drag-and-drop direkt in Groove Agent 4 SE transferiert zu werden. Daneben gibt es fertige Patches für den Sampler. Die Caleidoscope-Library zielt auf die Film- und Spielevertonung, Ambient und kann auch moderne Club/Dance-Projekte mit Farbtupfern und Hinhör-Effekten bereichern.

Production Grooves

Passend zu der Vielseitigkeit von Caleidoscope hat Steinberg Cubase Pro 9 mehr als 400 neue Schlagzeug-Grooves spendiert, die alle gängigen Genres von Country über Rock, Pop und Disco bis zu Dark Ambient und Trap abdecken und für den integrierten Groove Agent 4 SE gedacht sind. Was diese Grooves auszeichnet, ist ein superbes Microtiming und eine pointierte Dynamik. Es groovt also wirklich – kein lebloser Maschinenbeat.

Der neue Achtband-Equalizer Frequency ermöglicht MS-Bearbeitung.

Audio-In für VST3 Instrumente

Instrumente im VST3-Format, die über einen Sidechainweg verfügen, wie etwa der subtraktive Synthesizer Retrologue, können nun mit Audiomaterial als alternative Klangquellen zu den Oszillatoren gespeist werden. Damit können beispielsweise EDM-Beats mit temposynchron über LFO-modulierte Filter verfremdet und über den internen Sequencer von Retrologue auch polyrhythmische Abfolgen realisiert werden. Hier eröffnen sich perspektivisch neue Klangwelten, wenn Drittanbieter potenter Synthesizer diese Option in ihre nächsten Updates einfließen lassen.

Marker Tracks

Cubase Pro 9 bietet nun bis zu zehn Marker-Spuren, mit denen sich Bereiche innerhalb von Projekten definieren lassen und diese als Gruppen-Mixe exportiert werden können. So kann man sich leicht Stems für Remixe anlegen.

32-Bit- sowie stabilitätsgefährdende Drittanbieter-Plug-ins landen ab sofort auf einer Blacklist.

Ballast über Bord geworfen

Cubase dürfte inzwischen in (fast) allen Studios als 64-Bit-Host betrieben werden. Steinberg schafft folglich mit Cubase Pro 9 die 32-Bit-Kompatibilität endgültig ab, um die Stabilität des Programms zu maximieren. Beim Programmstart überprüft das neue Scanner-Plug-in Sentinel alle Plug-ins in den vom Hersteller vorgegebenen Pfaden. Soweit Plug-ins an anderer Stelle abgelegt sind, muss man diese über den Plug-in-Manager manuell nachtragen.

32-Bit-Plug-ins erscheinen auf einer Blacklist und werden nicht mehr geladen. Auch 64-Bit-Plug-ins, die Sentinel als problematisch identifiziert, tauchen hier auf. Auf unserem Testsystem landeten hier tatsächlich einige VST2-Plug-ins von iZotope und Vienna Symphonic Library. Glücklicherweise lagen diese allesamt in VST3-Varianten vor. 

Zusammenarbeit über die Cloud

VST Connect SE 4 (nur Cubase Pro 9) erlaubt gemeinsame Aufnahme-Sessions über Kontinente hinweg – eine entsprechend schnelle Internetverbindung vorausgesetzt. Mittels VST Transit lassen sich dabei Projekte austauschen, wobei inzwischen auch VST3-Plug-ins von Drittanbietern berücksichtigt werden.

Fazit

Große Sensationen sind in diesem Cubase-Update ausgeblieben. Allerdings erweisen sich auch die zahlreichen kleinen Neuerungen als genial. Cubase ist dank Sentinel deutlich stabiler geworden, da nun problematische Plug-ins von Drittanbietern ausgesiebt werden. Der Abschied von 32-Bit ist ebenfalls ein konsequenter Schritt in die Welt moderner Rechner und Betriebssysteme.

Die Einrichtung der Lower Zone beschleunigt die Arbeit deutlich und sorgt für Überblick, selbst wenn man mit nur einem Monitor arbeitet. Eine enorme Hilfe beim Abmischen ist die History, mit der man auch nach umfangreichen Änderungen der Klanggestaltung noch den Vergleich zur Ausgangslage und jedem einzelnen Zwischenschritt herstellen kann. Der ausgewachsene Equalizer Frequency mit acht Bändern und MS-Processing erweist sich als exzellent klingendes, effektives Werkzeug für die Mischung und das Mastering. 

Der Sampler lädt zu Klangexperimenten ein und lässt sich kinderleicht bedienen. Filmmusik-Komponisten und Dance/Club-Künstler dürfen sich mit Caleidoscope über eine Library voller klangmalerischer Effektklänge freuen, während die neuen Production Grooves für Groove Agent 4 SE lebendige und produktionsfertige Beats für alle gängigen Genres liefern. Cubase Pro 9 verteidigt seine Position unter den Top-Sequencern mit diesem Update erfolgreich. Sowohl das Update als auch die Vollversion werden dabei zu einem angemessenen Preis angeboten.


Steinberg Cubase Pro 9
Vertrieb/Internet: www.steinberg.net
Preise (UVP): 

Cubase Pro 9 579 EUR  
Cubase Artist 9 329 EUR
Cubase Elements 9 100 EUR
Upgrades ab 100 EUR

Pro/Contra:
+ verbesserter Arbeitsfluss
+ optimierte Stabilität
+ neuer, umfangreich ausgestatteter Achtband-Equalizer
+ neuer Sampler
+ Undo-Historie für die Arbeit am Mischpult

 



Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 03/17.