Test: Steinberg Halion 6 – Software-Sampler

Aus Steinbergs Sampler Halion ist in Version 6 eine ausgewachsene Hybrid-Workstation geworden, die zahlreiche Syntheseformen kombiniert und zu ausgiebigem Klangdesign einlädt. Eine Kampfansage an andere Sampler?

Halion 6

Aus Steinbergs Sampler Halion ist in Version 6 eine ausgewachsene Hybrid-Workstation geworden, die zahlreiche Syntheseformen kombiniert und zu ausgiebigem Klangdesign einlädt. Eine Kampfansage an andere Sampler? 

 

Halion 6 bietet als virtuelles 64-Bit-Instrument im Plug-in- und Standalone-Format Funktionen, die weit über den Samplepool von rund 40-GB-Datenvolumen und über 3.400 Instrumenten hinausreichen. Neben aufwändigen Multisamples trifft man hier auch auf virtuell-analoge, Wavetable- und Granularsynthese, die Emulation einer Tonrad-Orgel sowie einen Arpeggiator/Phrasenspieler mit umfassenden instrumentenspezifischen Mustern, den FlexPhraser. Damit positioniert sich Halion 6 einerseits als breit aufgestellte, multitimbrale Klangwerkstatt und Lieferant produktionsfertiger Presets für schnelle Arrangements. Eine Instanz bedient bis zu 64 Instrumente, 32 Stereoausgänge, einen Sechskanal-Surroundausgang sowie 68 Effektalgorithmen – vom Faltungshall bis zum Multimodefilter. Dazu lassen sich aber auch eigene samplebasierte Instrumente erstellen und mit individueller Oberfläche versehen – bis hin zur Programmierung eigener MIDI-Module mittels Script.

 

Klangangebot

Übersichtlichen Zugriff auf die Instrumente bietet ein Attribute-Browser mit instrumenten- und genrespezifischer Suche. Ob Jazz, Pop, Rock, Ethno oder EDM: Alles wird bedient und weiß mehrheitlich zu überzeugen. So trifft man auf filmmusikreife Bläserfanfaren mit dramaturgisch regelbarer Dynamik, E-Gitarren mit alternativen Spielweisen, E-Pianos, Orgeln von brav bis tosend, epische Streicher, vielfältige analoge Synthesizerklänge, fette Rockdrums und ethnische Percussions. Besonders gelungen sind einige malerische bis experimentelle Effektklänge, die den FlexPhaser nutzen und dabei rhythmisches, postapokalyptisches Maschinengetöse erzeugen oder verspielte ethnische Glöckchen mit synthetischen Flächen kombinieren. Gleichzeitig schleppt Halion 6 vereinzelt noch klangliche Altlasten aus frühen Samplerzeiten mit sich herum, etwa einige ausdrucksschwache, dünn klingende Gitarren.

 

Macros

Abseits der Sample-Instrumente punktet Halion mit sogenannten Macros, die mit individueller Klangerzeugung und Bedienoberfläche quasi „Instrumente im Instrument“ darstellen. Gleich 14 Neuzugänge gibt es hier zu vermelden, hier einige Beispiele: Die Flügel „The Raven Grand“ und „The Eagle Grand“ treten in Konkurrenz zu dedizierten Librarys. Sie punkten mit feinem, ausgewogenen Klang. Insbesondere The Raven Grand zeigt sich dabei detailreich und lebendig. Diverse Konfigurationen und genrespezifische Ausarbeitungen bedienen einen breiten Bereich von sanften Balladen bis hin zu Pop-Arrangements und verfremdeten Klängen – Klangcharakter, Saitenresonanzen und die Lautheit der Note-Off-Samples können stufenlos eingestellt werden. Bemerkenswert kernig und lebendig klingt auch „Hot Brass“, das Blechbläser und Saxophone für Pop und Funk bereitstellt. Ein interner Arpeggiator feuert bei Bedarf beeindruckende komplette Phrasen und Bläsersätze ab. Über eine Modulationsmatrix lässt sich unter anderem ein Multimodefilter durch LFOs modulieren.

 

Halion 6 Anima
Mit Anima lassen sich tolle Effektklänge realisieren.

Wavetable- und Granular-Synthese

Anima bietet zwei Wavetable-Oszillatoren, Sub-Oszillator, einen Geräusche-Generator und einen leistungsstarken Arpeggiator. Der Geräusche-Generator kann neben Rauschvarianten auch mit Impuls-Samples (etwa Snare, Tom) beladen werden. Stellt man deren Wiedergabe auf Loopbetrieb und die Geschwindigkeit auf Zufall, entstehen detailreiche Geräuschtexturen für ausgefallene Effektklänge. Per Modulationsmatrix lassen sich drei Hüllkurven und zwei LFOs diversen Zielparametern zuweisen, darunter auch ein Multimodefilter mit Röhrensättigung. Anima offeriert unzählige Klangvorlagen. Die Wavetables können zyklisch und temposynchron, zufällig oder manuell durchfahren werden, sodass Klangevolutionen in Echtzeit gesteuert werden können. Skylab ist schließlich ein Granular-Synthesizer, der an Padshop erinnert: Ein Sample wird an mehreren Positionen abgetastet und die ausgelesenen Grains zu einer Klangstruktur verdichtet. Ausleseposition, Länge und Lautstärke der Schnipsel sowie die Geschwindigkeit des Positionswechsels sind editier- und flexibel modulierbar. Der FlexPhraser kann hier als dreifacher Modulationssequenzer betrieben werden und Grain-Parameter einschließlich der Formanten modulieren. So lassen sich auch maschinenartige Geräuschtexturen erzeugen. Ob Macro oder klassisches Multisample-Instrument: Alle Werksklänge verfügen über acht individuell belegte Quick Controls und ein XY-Pad zur unmittelbaren Steuerung der wichtigsten Klangparameter, via Lerndialog auch über externe Spielhilfen. Dazu ist Halion kompatibel mit Steinbergs Note Expression und erlaubt es, Modulationen beziehungsweise Controllerdaten für einzelne Noten umzusetzen. Zusammenfassend liefert Haltion 6 eine überwältigende Klangauswahl auf zeitgemäß hohem Niveau. Insbesondere die Makros bedienen zahlreiche Genres in bester Qualität. Wer nicht bereits ein Repertoire aktueller Spezialisten sein Eigen nennt, findet hier eine beachtliche Rundumversorgung. Andererseits erreicht Halion erwartungsgemäß nicht immer die Qualität gigabyteschwerer Librarys oder aufwändiger dedizierter Synthesizer.

 

Individuelles Klangdesign

Besonderen Fokus legt Steinberg in Halion 6 auf das Erstellen eigener Samples, eine Tugend, die bei Mitbewerbern inzwischen allzu gern vergessen wird. Hier lassen sich Samples externer Instrumente (einschließlich Mikrofonaufnahmen), die über das Audio-Interface angeschlossen sind, aber auch interne VST-Klangerzeuger direkt aufnehmen. Das Live-Recording auch von Multisamples wird dabei über Funktionen wie Trigger Threshold sowie automatisches Tonhöhen-Mapping praxisnah vereinfacht. Aus dem Sample-Editor von Cubase können zudem Samples direkt importiert werden. Durch Hilfsmittel wie den eingebauten Sample-Recorder wird das Erstellen eigener Multisample-Instrumente leichter denn je – ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Durch diese unterstützenden Hilfsmittel nähert sich Halion 6 damit Spezialsoftware zur Entwicklung von Sample Instrumenten wie Sample Robot. Darüber hinaus lassen sich Samples in Wavetables konvertieren, was allerdings etwas Geduld erfordert. Hier sollte Steinberg noch eine Statusanzeige nachreichen. Zugehörige Crossfades für eine artefaktfreie Wiedergabe werden von der Engine ebenfalls automatisch generiert, bleiben aber individuell editierbar. Ein Spectrum-Editor erlaubt  zudem zeichenbare Gestaltungen der einzelnen Wellenformen mit Einflussnahme auf deren Obertonstruktur – so erschließt sich ein einzigartiges Klanglabor, das Funktionen der additiven Synthese mit Wavetables grandios kombiniert.

 

Halion 6 Sample Recorder Editor
Die Möglichkeit, eigene Samples erstellen und editieren zu können, stellt einen wesentlichen Bestandteil von Halion 6 dar.

Gleichzeitig bietet Halion auch die Möglichkeit, die zugehörigen Instrumente zu gestalten und eigene Librarys per Drag and Drop zu erzeugen, die dann auch von Halion Sonic und sogar durch das kostenlose Halion Sonic SE (siehe Kasten) verwendet werden können. Solche eigenen Instrumente können vertrieben, geteilt oder einfach online gestellt werden. Über den Macro Page Designer lassen sich eigene Bedienoberflächen mit Verknüpfungen zwischen Kontrollelementen und Klangparametern herstellen. Eine Mehr-Fenster-Struktur mit Browsern macht den Instrumentenbau per Drag and Drop möglich. Hier schiebt man Regler oder Fader in das noch leere Feld des Editors und wählt deren Kontrollziel. Größe, Platzierung und grafischer Stil können aus einer Reihe von Vorlagen gewählt und um eigene importierte Grafiken ergänzt werden. Aufgrund der tiefen, gut dokumentierten Editierbarkeit sollte man hierfür allerdings eine gewisse Einarbeitungszeit einkalkulieren – Schnellschüsse ohne Handbuch und Tutorials gelingen eher nicht. Wer noch tiefer in die Library-Produktion einsteigen möchte, der findet schließlich mit Halion Script die passenden Möglichkeiten.

 

Halion 6 Wavetableeditor
Halions Wavetable-Editor mit Tonhöhenerkennung

Fazit

Halion ist weit mehr als ein Sampler mit umfassender Klangausstattung. Mit seiner Kombination verschiedener Syntheseformen, dem riesigen Fundus editierbarer Instrumente, Aufnahme- und Importmöglichkeiten sowie ausgewachsenen Modulations- und Effektabteilungen positioniert sich Halion 6 einerseits als leistungsstarke Workstation. Die Klanglibrary und die neuen Macros mit eigener Bedienoberfläche bieten ein lückenloses Klangrepertoire – von kernigen Bläsern über sinfonische Streicher bis hin zu groovigen Beats, virtuell-analogen Klängen, Wavetable- und Granularsynthese sowie zwei Konzertflügeln, deren Spielbarkeit an spezialisierte Librarys herankommt. Gleichberechtigt steht bei Halion 6 aber eben auch die Erstellung eigener Samples und Librarys im Fokus. Mit zahlreichen Hilfsmitteln wird es dem Anwender hier möglich, beliebige Klänge und Aufnahmen in spielbare Instrumente zu transformieren und diese sogar in der Bedienoberfläche zu gestalten – bis hin zum Scripting für professionelle Anwendungen. Auch im Bereich der Wavetables platziert sich Halion 6 mit herausragenden Möglichkeiten gleichberechtigt neben absoluten Spezialisten. Zusammenfassend ist Halion 6 ein beeindruckend leistungsstarkes Instrument, in dem Steinberg neben einer klanglichen Rundumbedienung offensiv die kreativen Aspekte der Instrumentenkategorie Sampler aufgreift und sich von seinen Mitbewerbern abgrenzt. Bravo, denn genau das machte den Sampler einst so besonders interessant! Der Preis ist angesichts des enormen Leistungsspektrums angemessen.

 

Halion Sonic 3

Halion Sonic 3 und Halion Sonic SE 3

 

Halion Sonic 3 wendet sich an Studiomusiker, Komponisten sowie Live-Performer und bietet dieselben Syntheseformen und fast denselben Umfang an Instrumenten, Effekten und Modulationsmöglichkeiten wie Halion 6. Wer auf ein individuelles Klangdesign etwa mittels Wavebable-Editor, Macro Page Designer ebenso wie auf den Sample-Recorder und Sample-Editor zum Aufnehmen und Bearbeiten eigener Samples sowie auf einen Sechskanal-Surroundausgang verzichten kann, findet hier eine um 100 Euro günstigere Alternative. Halion Sonic SE3 ist sogar ab Ende März 2017 als freier Download erhältlich und mit rund 3 GB Datenaufkommen deutlich schmaler ausgefallen. Eine Reihe von Funktionen wie der FlexPhraser, die Granular- und Wavetablesynthese oder der Faltungshall Reverence sind zwar Bestandteil einiger Presets, können aber nicht editiert werden.

 

 

Steinberg Halion 6

Preis (UVP): 
Halion 6    349 EUR
Updates und Upgrades    ab 100 EUR
Halion Sonic 3    240 EUR
System: 
Win, Mac
VST2/3, AU, AAX, standalone
Pro/Kontra: 
+ mögliches Erstellen von Instrumenten mit individuellen Bedienoberflächen
+ Wavetable- und Granularsynthse
+ umfangreiches Angebot an Multisample-Instrumenten
+ viele neue Macros
- Lernkurve bei der Erstellung eigener Librarys

 

 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 05/17.