Test: Eventide Fission – Effekt-Plug-in

Was passiert, wenn der Attackanteil eines Audiosignals in ein Delay geleitet wird und der Ton per Chorus verbreitert wird? Fission hat die Antwort. Wir haben Eventides neues Kreativtool unter die Lupe genommen.

Eventide Fission

Was passiert, wenn der Attackanteil eines Audiosignals in ein Delay geleitet wird und der Ton per Chorus verbreitert wird? Fission hat die Antwort. Wir haben Eventides neues Kreativtool unter die Lupe genommen.

 

Es gibt einige Audioprozessoren und Plug-ins, die es erlauben, die Transienten und die tonalen Elemente eines Audiosignals unabhängig voneinander zu bearbeiten. Diese reichen von recht einfachen Transientformern, die oft sogar kostenlos mit dem Sequenzer ausgeliefert werden, bis zu mächtigen Werkzeugen wie beispielsweise Sonnox Envolution. All diese Effekte reagieren in der Regel auf den Amplitudenverlauf des Eingangssignals. Eventide ist einen Schritt weiter gegangen und hat die Algorithmen auf unterschiedlichstes Ausgangsmaterial angepasst. Das Ergebnis heißt …

 

Fission

Das Plug-in, das alle gängigen Schnittstellen unter Windows und OS X unterstützt, teilt das Eingangssignal in einen Transienten- und tonalen Anteil. Per Source-Type-Regler wählt man den passenden Algorithmus für die Aufteilung aus und legt mit Focus fest, wie viel Signalanteil der einen oder der anderen Seite zugeschlagen wird. Mit Smoothing und Transient Decay lässt sich der Übergang zwischen den beiden Anteilen weicher gestalten. In der Wellenformanzeige wird in Echtzeit dargestellt, wie die Anteile ausfallen. Nach dieser strukturellen Aufteilung schließen sich zwei Effektblöcke mit Bypass- und Solo-Option an. An deren Ausgang wird das Signal wieder zusammengemischt und die Gesamtlautstärke festgelegt. Schaltet man beide Effektblöcke in Bypass, entspricht das Ausgangssignal dem Eingangssignal – die Bearbeitung ist also artefaktfrei.

 

Effektblöcke

Aktiviert man die Effektblöcke, stehen für die Transienten sechs, für den tonalen Teil sieben Effekte zur Verfügung. Manche Effekte wie Delay, Reverb und EQ gibt es für beide Signalstränge. Die Transienteneffekte enthalten zudem Algorithmen, die insbesondere auf Impulse reagieren, darunter ein Multitap-Delay oder ein Phaser. Der tonale Block wartet mit dedizierten Effekten auf, die insbesondere auf tonale Anteile reagieren, darunter etwas Pitch oder Tremolo. Die Effektalgorithmen sind den anderen Eventide-Multieffekten entnommen, hier aber funktional bewusst auf eine intuitive Bedienung mit vier bis fünf Parametern reduziert. Beide Effektblöcke können per Bypass umgangen werden, wenn man nur einen der beiden Signalanteile bearbeiten möchte. Will man generell nur einen der Effekte hören, blendet Solo den anderen Strang vollständig aus.

 

Fission Structural Split
Das Eingangssignal wird in einen Transienten- und tonalen Anteil geteilt. Mittels Smoothing- und Transient-Decay-Regler kann weich überblendet werden.

Praxis

Fission macht Spaß. Die Bedienung ist einfach, der Klang der Separation und auch der Effekte hervorragend. Nur bei langen Smoothing-Einstellungen kommt es zu Artefakten, die sich allerdings durchaus kreativ einsetzen lassen. Die Effekte sind von hoher Qualität und die Presets umfassen ein weites Klangspektrum. Man findet Helfer, die die Mischung auflockern und trotz Effektanteil von Hall oder Delay nicht zuschmieren, da diese eben nur auf Transienten oder Ton begrenzt sind. Ein Piano kann also nur im Abklang verhallt werden, ohne den Hall im Attack übermäßig anzuregen. Oder man blendet die Anschläge gleich ganz aus, sodass das Piano fast wie ein Cello klingt. Umgekehrt kann bei gezupfter Gitarre der Anschlag mit Delays zu rhythmischen Patterns verwandelt werden, ohne dem ausklingenden Ton zu Leibe zu rücken. Nutzt man in beiden Strängen Delays, lassen sich Loops rhythmisch komplett umbauen, indem man unterschiedliche Verzögerungszeiten vorgibt, natürlich temposynchron zur DAW. Ebenso ergiebig: Man versieht die Anschläge eines Drumloops mit einem Phaser und transponiert den tonalen Anteil für einen mächtigen Sound um eine Oktave nach unten. Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Fission reicht von sinnvollen Hilfsmitteln für die Bearbeitung verschiedenster Kanäle in der Mischung über den Einsatz im Remix bis hin zu experimentellen Klängen. Einzig resonanzfähige Filter für den EDM-Bereich hätte ich mir noch gewünscht. Neben der hohen Klangqualität der Effekte, die stets professionelle Ergebnisse sicherstellt, ermöglichen die die angepassten Splitalgorithmen, alle Arten von Ausgangsmaterial zu bearbeiten – von Drums oder Perkussion über Gitarren, Tasteninstrumente bis hin zu Stimmen. Selbst als bühnentauglicher Effekt empfiehlt sich Fission, solange man mit der Verzögerung von gut 2.800 Samples zurechtkommt. 

 

Fazit

Mit Fission läutet Eventide eine neue Serie von Plug-in-Effekten ein, die unter dem Begriff Structural Effects zusammengefasst werden. Der Einstieg ist mit einem hervorragenden Plug-in gelungen, das die Kreativität anregt und ein Füllhorn subtiler bis abgedrehter Effekte in hoher Qualität liefert. Welches Potenzial in der Aufteilung von Transienten und Ausklang schlummert, hat man sich vor Fission kaum vorstellen können. Somit ist der Verkaufspreis von 199 Euro als günstig einzustufen.

 

Eventide Fission

Preis (UVP): 199 EUR
System: 
Win, Mac
VST2, AU, AAX native
Pro/Kontra: 
+ neuer Ansatz zum Trennen von Transienten und Ton
+ etliche gute und kreative Effekte
+ leichte Bedienbarkeit
- kein VST3

 

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