Test: C. Bechstein Digital Digital Grand – Sample-Library

Mit dem Digital Grand präsentiert der Berliner Traditionshersteller Bechstein als Erster seiner Zunft das virtuelle Pendant eines Meisterwerks unter den Konzertflügeln – und stattet es gleich mit einzigartigen Funktionen aus. Gelingt es dem digitalen Bechstein, sich von den Mitbewerbern abzuheben?

C. Bechstein Digital Grand Test

Mit dem Digital Grand präsentiert der Berliner Traditionshersteller Bechstein als Erster seiner Zunft das virtuelle Pendant eines Meisterwerks unter den Konzertflügeln – und stattet es gleich mit einzigartigen Funktionen aus. Gelingt es dem digitalen Bechstein, sich von den Mitbewerbern abzuheben?

Der Konzertflügel gehört zu den aufwendigsten Musikinstrumenten überhaupt – ein feinmechanisches Präzisionsgerät mit einem immensen Ton- und Dynamikumfang, dessen Fertigung man als lange gewachsen und ausgereift bezeichnen darf. C. Bechstein fertigt seit 1853 Klaviere und Flügel und zählt neben Steinway, Bösendorfer, Yamaha und Fazioli zu den großen Namen der Branche. So legt man für den großen D-282 Konzertflügel mit 282 cm Länge dann auch knapp 140.000 Euro auf den Tisch. Gleichzeitig ist C. Bechstein nun auch der erste Hersteller dieser Runde, der den typischen Eigenklang in Form eines virtuellen Instruments selbst auf den Markt bringt.

Zugegeben: Digitale Flügel gibt es reichlich. Tatsächlich hat der Name Bechstein hier bislang aber wenig Gewicht. Gleichzeitig war die eigene Vorgabe klar: Man wollte ein Instrument erschaffen, das den unter Kennern unverkennbaren Bechstein-Klang in die digitale Welt transportiert. Ebenso zweifelsfrei war klar, dass das digitale Instrument kein vollständiger Ersatz für das Original sein konnte, das aufgrund seiner Größe mit dem Raum und über die Mechanik sehr direkt mit dem Spieler agiert. So war es vielmehr das Ziel, den Klang so einzufangen, wie es ein gutes Tonstudio mit viel Sachkenntnis und viel Zeit tun würde.

Überblick

Der C. Bechstein Digital Grand setzt als Sample-Engine auf den NI Kontakt 5 Player, verfügt über ein Parametermapping für Native Instruments‘ NKS und steht plattformübergreifend in den gängigen Plug-in-Formaten zur Verfügung. Die Aufnahmen fanden in einer aufwendigen, dreiwöchigen Aufnahmesession in den renommierten Berliner Teldex Studios unter der Leitung von Tonmeister Tobias Lehmann und Projektleiter Oliver Hutz sowie unter ständiger Wartung des selektierten Flügels bezüglich Stimmung und Filzzustand durch Klavierbaumeister Werner Albrecht statt. Im Gegensatz zur Mehrzahl der Mitbewerber entschied man sich für trockene Aufnahmen, um dem Anwender freie Hand bei der Wahl der Raumakustik zu lassen. Ein Mikrofon-Mischer mit Raumpositionen und Einzelausgängen für eine Surround-Abmischung bietet sich deshalb hier nicht. Vielmehr verließ man sich ganz auf die Erfahrung des Tonmeisters und die eigenen Ohren bei der allein zwei Tage andauernden Mikrofonierung und entschied sich letztlich für drei Perspektiven, die allesamt recht nah am Instrument umgesetzt wurden: eine seitliche Zuschauerperspektive über zwei Neumann M 49, eine explizit saitennahe Mikrofonierung von oben über zwei Sennheiser MKH 40 sowie eine MS-Mikrofonierung aus der Spielerperspektive mit einem Neumann SM 69. Hinzu wurde noch eine Stereomikrofonierung über zwei Neumann TLM 50 in etwa einem Meter Distanz vorgenommen, die als sogenannter Aura-Parameter hinzugemischt werden kann. Natürlich lassen sich diese Positionen bei Bedarf über mehrere Instanzen kombinieren. 

C. Bechstein Carl
Gespielt wurde das Piano bei der Aufnahme der Samples von Roboter CARL.

Die eigentliche Aufgabe des Tonanschlags übernahm ein eigens konstruierter Roboter namens CARL. Der Flügel wurde Ton für Ton mit stattlichen 26 Dynamikstufen in bis zu 70 Variationen in 24 Bit und 192 kHz aufgezeichnet und erst nach der Selektion der gewünschten Samples in das Ausgabeformat von 24 Bit und 48 kHz überführt. So entstand schließlich eine Library mit einem Datenumfang von 80 GB, die dank effizienter, verlustfreier Datenkompression auf immer noch beachtliche 25 GB Datenvolumen geschrumpft wurde.

Klang

Ganze 10.750 Samples mit einer Ausklingzeit von bis zu 90 Sekunden wurden nachträglich manuell intoniert und bilden die Grundlage für den ebenso feinen wie edlen und präzisen Klang. Die Dynamikauflösung lässt ein nuanciertes Spiel von Pianissimo bis Fortissimo zu. Eine entsprechend hochwertige Klaviatur vorausgesetzt, gerät man mit diesem virtuellen Flügel schnell ins Träumen und möchte so bald nicht mehr mit dem Spiel aufhören. Besonders im Pianissimo zeigt der Bechstein Detailtreue und Kontrolle, wie man sie selten findet – neben der klaren Zeichnung eines der herausragenden Merkmale großer Bechstein-Flügel. Dabei ist sein Klang von den tiefsten bis zu den höchsten Lagen gleichermaßen offen, voll und ausgewogen, wie ich es bislang bei kaum einem anderen samplebasierten Flügel angetroffen habe. Die Bässe klingen drahtig und markant, ohne dabei scharf und metallisch zu wirken. Die Mitten sind warm und gleichermaßen differenziert, ohne die Spur eines eintrübenden Schleiers. Spielt man Läufe in den hohen Lagen, so perlen diese regelrecht bei gleichzeitig zart mitschwingendem hölzernen Charakter. Ein Novum unter den digitalen Flügeln ist das MS-Instrument, mit dem sich getrennte Mittel- und Seitensignale bearbeiten und auch durch externe MS-Prozessoren abmischen lassen. Der Digital Grand ist mit drei Pedalen ausgestattet: Una Corda, Sostenuto und Sustain, sodass auch die Pedalarbeit keine Wünsche offen lässt. Nutzer der Kontakt-Vollversion haben hier natürlich alle Eingriffsmöglichkeiten.

Klanggestaltung

Wie erwähnt verfolgt der Hersteller mit dem Digital Grand die Klangästhetik der großen Bechstein-Instrumente und hat versucht, sie stimmig in die digitale Ebene zu portieren. Entsprechend ist das Spektrum der Presets vorrangig konservativ und nicht experimentell. Besitzer der Kontakt-Vollversion haben natürlich dennoch tiefste Eingriffsmöglichkeiten. Allerdings hat man auch den Digital Grand mit einigen Extras versorgt: So finden sich dosierbare Pedalgeräusche, begleitet von Resonanzen interagierender nicht angeschlagener Saiten und dem mechanischen Geräusch des Lösens/Andockens der Hämmer. Die Resonanzen nicht angeschlagener Saiten (bei gedrücktem Haltepedal) können in ihrer Klangfarbe und Intensität justiert werden.Über Makro-Regler lässt sich der Klangcharakter des Instruments rasch anpassen: Die Dynamikspanne und die Stereobreite lassen sich global eingrenzen oder erweitern, die Deckelposition durch EQ-Abstimmungen stufenlos von geschlossen zu offen bewegen.

C. Bechstein Details
Die Details-Seite bietet Zugriff auf einige Extras wie die Einstellung von Pedal- und Release-Geräuschen.

Der digitale Bechstein klingt auch mit geschlossenem Deckel noch transparent und alles andere als matt oder mulmig. Der Raumklang kann ebenfalls stufenlos von „off“ (trockene Samples) über nah bis zu fern eingestellt werden. Dabei wird ein Hall hinzugemischt, dessen Vorlagen vom Wohnzimmer bis zum lange nachschwingenden Traum-Hall für meditative Improvisationen reichen. Des Weiteren findet man einen einfachen Kompressor und Equalizer mit einer Auswahl von Werksvorlagen sowie einen globalen Character-Regler, mit dem man den Digital Grand insgesamt wärmer und mittiger oder heller und drahtiger gestaltet. Eine Besonderheit ist der String EQ, der ebenfalls global gewichtet wird. Er simuliert die Arbeit des Klavier-stimmers, der beim akustischen Instrument für den individuellen und differenzierten Klangcharakter sorgt. Beim Digital Grand zeichnen Kenner und Gourmets für jede einzelne Saite einen individuellen Klang über vier Parameter. Diese erscheinen in Form einer hoch auflösenden, tastenspezifischen Balkendarstellung. Der Name String EQ ist jedoch etwas irreführend, denn die Parameter betonen oder reduzieren Grundton und Obertöne, verlängern oder verkürzen das Sustain und dämpfen die Transienten. Im Hintergrund sind nicht weniger als 1.200 Parameter am Werk, und die daraus resultierende Rechenleistung überfordert bei niedriger Latenz und hoher Polyfonie auch eine aktuelle CPU. Der String EQ eignet sich also eher für subtile Klanganpassungen nach der Einspielphase und erschließt hier einen bislang unerreichten Mikrokosmos. Was nicht an Bord ist, ist eine Feinstimmung der Saiten oder Vorlagen für verschiedene Temperierungen.

Fazit

Mit dem Digital Grand gelingt C. Bechstein aus dem Stand der Sprung in die Referenzklasse der gesampelten Flügel. Das Instrument lässt sich auf einer entsprechenden Klaviatur traumhaft spielen und überzeugt mit edlem, differenzierten und ausgewogenen Klang, der die typische Bechstein-Signatur in sich trägt. Der Digital Grand lässt dynamisch keine Wünsche offen, ist lebendig, in hohem Maße authentisch und stellt mit seinem eigenständigen Klang eine Alternative zu den Modellen von Steinway, Bösendorfer und Yamaha dar. Die gleichermaßen effektive wie dezente Klanggestaltung liefert Adaptationen für alle Genres, die auf hochwertige Flügelklänge setzen – von der Klassik über Pop bis zu Jazz. Wer auf Raummikrofone für eine Surroundabmischung „out of the box“ verzichten kann, wird mit dem Bechstein lange Jahre seine Freude haben. Der Preis ist absolut angemessen.

C. Bechstein Digital Digital Grand

Preis (UVP):
249 EUR
348 EUR (inklusive SSD)
System: 
Win, Mac
NI Kontakt 5 Player
Pro/Kontra:
+ sehr detaillierter, ausgewogener und edler Bechstein-Klang
+ gute Dynamik
+ MS-Instrument
+ differenziertes und dezentes Klangdesign
+ Klangformung für jede einzelne Saite möglich
- String EQ extrem rechenintensiv

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 04/17.