Test: Steinberg WaveLab 9

steinberg wavelab 9 testbericht

Eine neue Programmversion steht auch immer für neue Funktionen, oft aber auch für ein kostenpflichtiges Update. Was die Neuerungen von Wavelab 9 im Arbeitsalltag bringen, haben wir uns genauer angesehen.

Wavelab 8.5 (Test in KEYS 9/2014) überzeugte mit praktischen Merkmalen wie etwa dem Encoder Checker oder automatisch überwachten Watch-Foldern. In puncto Audiobearbeitung und Metering ließ schon diese Version kaum Wünsche offen. Version 9 bietet nun neben einer überarbeiteten Bedienoberfläche eine umfassendere Mitte-Seiten-Signalbearbeitung und eine verbesserte Mastersektion.

Die Oberfläche in WaveLab 9

Die auffälligste Neuerung ist die überarbeitete Bedienoberfläche und die damit einhergehenden Verbesserungen bei der Darstellung, der Konfiguration und dem Zugriff auf die Funktionen. Wavelab sieht endlich so wissenschaftlich nüchtern aus, wie ein „Wellenlabor“ aussehen sollte. Im Zentrum des Bedienkonzeptes steht der sogenannte Ribbon Bar, der alle bereitstehenden Funktionen für einen Kontext auf einen Blick darstellt. Das erspart lästiges Suchen in Menüs, denn die gewünschte Funktion ist meist nur einen Mausklick entfernt. Schnell hat man sich dabei an die neue Oberfläche gewöhnt. Alle Bereiche, etwa die Meteringanzeigen, der Audio-Editor oder der Masterbereich, können durch Drag-and-drop aus dem schwimmenden Fenster der Hauptoberfläche herausgelöst und frei platziert und skaliert werden. So können Sie mit multiplen Bildschirmen oder großen Displays alle Meter- und Bearbeitungsmodule in voller Pracht so darstellen lassen, wie Sie es wünschen. Meiner Meinung nach bietet Wavelab 9 in der Hinsicht eine der besten Meteringlösungen am Markt.

Die Master Section

Auch die im Zentrum jeder Aufgabe stehende Master Section wurde überarbeitet und erweitert. Es stehen nunmehr zwölf Insert-Slots bereit, die alle per Klick auf die rechte Maustaste individuell konfiguriert werden können, etwa um Mitten- und Seitensignale separat zu bearbeiten. Das Monitoring und das Metering wurden entsprechend angepasst, sodass jedes Signal getrennt abgehört, beurteilt und bearbeitet werden kann. Die separate Bearbeitung von Mitten- und Seitensignalen ist in Wavelab Pro 9 konsequent umgesetzt. Auch in den Wellenform- und Spektrum-Editoren lässt sich von Stereo- auf MS-Modus wechseln. Bewährte Qualitäten der Master Section wie etwa der intelligent arbeitende Bypass oder die Lautsprecherkonfiguration wurden beibehalten.

Das Master Rig

Der eigentliche Knüller ist das neue Plug-in Master Rig. Der Begriff Plug-in ist dabei eine grobe Untertreibung, handelt es sich doch um eine Suite aus sechs Multiband-Modulen, von denen maximal acht in beliebiger Reihenfolge verschaltet werden können. Innerhalb des Master Rig stehen ein Equalizer, dynamische Equalizer, Kompressoren, ein Sättigungsmodul, Stereo-Imager und ein komplexer Limiter bereit, die per Drag-and-drop verschaltet werden. Die Effekte liegen nicht nur als Multiband-Version vor, sondern bieten auch separate Bearbeitungen von Stereo- oder Mitten-Seitensignalen. Selbstverständlich lassen sich alle Module auf Wunsch aber auch auf Single-Band-Betrieb schalten. Dazu kommt die Möglichkeit, hinter jedem Modul das Metering abzugreifen.

Die Module

Die Qualität und Bedienbarkeit des Equalizers ist hervorragend. Mit acht Bändern bietet er tiefgreifende Möglichkeiten, den Frequenzgang von Fehlern zu befreien und klanglich aufzupolieren. Trotz der zahlreichen Bänder verliert man dank der großflächigen Darstellung nie die Übersicht und kann aufgrund vier speicherbarer Szenen aussagekräftige Vergleiche zwischen Einstellungen vornehmen. Ergänzend ist mit dem vierbandigen Dynamic EQ auch das dynamische Bearbeiten von Frequenzen in Stereo, LR oder MS möglich. Dessen Einstellung erfordert allerdings etwas Sachverstand und Einarbeitungszeit. Gleiches gilt für den Kompressor, der neben Sidechain-Eingängen für alle vier Frequenzbänder die Betriebsmodi Tube, Standard und Vintage offeriert.

wavelab 9 achtband-eq
Der Achtband-EQ bietet die Möglichkeit zur tiefgreifenden Klangbearbeitung und bleibt stets übersichtlich.

Für das Hinzufügen von Band- oder Röhrensättigung ist der Saturator zuständig. Auch hier können Stereo- und MS-Signale separat mit regelbarer Sättigung auf bis zu vier Bändern bearbeitet werden. Das Bearbeitungsspektrum reicht von angenehm subtiler Färbung bis hin zum brennenden Röhreninferno. Mit vier Bändern bietet dieses Modul höchste Auflösung, während man als Einsteiger auch mit einem oder zwei Bändern schnell zum Ziel gelangt.
Ein Stereo-Imager darf natürlich nicht fehlen, ebenfalls vierbandig und mit MS oder Stereobearbeitung. Insbesondere beim Stereopanorama macht die Bearbeitung von Mitten- und Seitensignalen im Hinblick auf Monokompatibilität und Integrität des Bassbereichs Sinn. Auch die Limiter-Abteilung ist meiner Ansicht nach absolut gelungen, da sie auf einer Oberfläche nicht nur die Feinabstimmung von MS-Pegeln erlaubt, sondern auch noch eine Bearbeitung der Transienten in drei Bändern und zur weiteren Klangfärbung das Hinzufügen von zweiten und dritten harmonischen Verzerrungen ermöglicht. Als Limiter stehen die aus dem Steinberg-Fundus bekannten Modelle Brickwall-Limiter und Maximizer zur Wahl. Bereits die einzelnen Module des Master Rig sind tolle und effektive Audiowerkzeuge. Im Zusammenspiel mit den übrigen Fähigkeiten des Master Rigs, etwa MS-Signalfluß, Multibandfunktionalität, Drag-and-drop-Signalfluss und Scene-Memory, entsteht ein mächtiges und gleichzeitig recht einfach bedienbares professionelles Audiowerkzeug. Gleichzeitig profitiert auch der Mastering-Laie aufgrund des einfachen Zugangs von den klanglichen Möglichkeiten der Module und der getrennten MS-Bearbeitung.

Übrigens

Es gibt einige weitere Neuigkeiten wie etwa den Multiband-Expander und Multiband-Envelope-Shaper. Auch der Resampler der Master Section wurde überarbeitet. Darüber hinaus wurde die Projektverwaltung durch Einführung eines Dateireiters übersichtlicher gestaltet, die freie Anpassung der Oberfläche und der direkte Dateiaustausch mit Cubase ab Version 8.5 eingeführt. Letzterer ermöglicht es, Wavelab 9 quasi als integrierten Wellenform-Editor von Cubase zu nutzen und Dateien direkt in Wavelab weiterzubearbeiten. Umgekehrt können Sie aus Wavelab das zur Masterdatei gehörige Cubase-Projekt öffnen, etwa um einen Fehler in der Mischung zu korrigieren.

Fazit

Wavelab Pro 9 macht seinem Namen in Sachen Funktionalität, Ausstattung und Oberflächendesign alle Ehre. Das neue Master Rig mit konsequentem MS-Signalfluss und Multibandmodulen klingt nicht nur gut, es lässt sich dabei auch noch zielgerichtet bedienen und überschauen. Die Metering-Abteilung zeigt einem dabei alle wichtigen Informationen vor Ort und in der gewünschten Größe an. Das Programm bietet zudem mit dem Master Rig, MS-Bearbeitung und dem seit jeher exzellenten Metering alles, was man sich für professionelles Mastering auf digitaler Ebene wünschen kann. Dank überarbeiteter Oberfläche sieht Wavelab 9 nunmehr nicht nur professioneller aus, sondern lässt sich auch besser bedienen. Hinzu kommen unscheinbare Merkmale wie die Watch Folder, der Encoder Checker (seit Wavelab 8.5) und der neue Dateiaustausch mit Cubase 8.5 (und zukünftig wohl auch Nuendo), die im Arbeitsalltag Nerven schonen und Zeit sparen. Wavelab Pro 9 bietet für einen Preis von 579 Euro so viele Möglichkeiten für die Audiobearbeitung und Visualisierung, dass ich eigentlich nur noch eine Videounterstützung vermisse. Für kleinere Budgets empfiehlt sich das ebenfalls neue, sinnvoll reduzierte und günstige Wavelab Elements 9.

Steinberg WaveLab 9

Vertrieb/Internet: www.steinberg.net
Preis (UVP):
579 EUR (WaveLab Pro 9)
100 EUR (WaveLab Elements 9)
ab 99 EUR (Updates)
Pro/Contra:
+ Master Rig/MS-Signalpfad
+ Metering/Loudness
+ Watch Folder/Encoder Checker
+ neue Bedienoberfläche
+ Preis-Leistungs-Verhältnis
- keine Videounterstützung

 

 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 06/16.

Autor: Björn Eichelbaum