Test: Focusrite Red 4Pre und RedNet AM2

Viele Schnittstellen auf engstem Raum in hoher Qualität verspricht das Red 4Pre. Wir haben es in Kombination mit dem RedNet-AM2-Monitorcontroller getestet.

Mit dem Red 4Pre hat Focusrite eine kompaktes Interface vorgestellt, das sich als vielseitige Zentrale im Studio positioniert. Auf einer Höheneinheit bietet es eine große Zahl verschiedener Schnittstellen, die alle gleichzeitig nutzbar sind: Analog sind dies vier Mikrofon- und acht Lineeingänge, acht Lineausgänge, Stereo-Monitor- und zwei unabhängige Kopfhörerausgänge. Digital findet man zwei SMUX-fähige ADAT-Anschlusspaare sowie ein SPDIF-Paar. Weiter gibt es zwei Netzwerkbuchsen für 32 Dante-Kanäle. So kommt man insgesamt auf 58 Ein- und 64 Ausgänge. Die Verbindung zum Rechner erfolgt via Thunderbolt über Mac CoreAudio oder Mini DigiLink an Pro-Tools-HD-Systeme. Für letztere finden sich neben dem Word-Clock-BNC-Paar auch Loop-Sync-BNC-Buchsen, was für die problemlose Verwendung im Verbund mit anderen Avid Interfaces sorgt.
Der Großteil aller Gerätefunktionen ist über das Frontpanel steuerbar. Drei Farbdisplays zeigen die Ein- und Ausgangsverstärkung sowie die Pegel von acht wählbaren Eingängen. Zwei große Endlosdrehgeber mit Drucktasterfunktion bieten Zugriff auf alle wesentlichen Funktionen der Mikrofoneingänge und der drei regelbaren Ausgänge, die jeweils über beleuchtete Drucktasten angewählt werden können.
Die Mikrofoneingänge können auf Wunsch per Air-Funktion den Charakter der Übertrager von Focusrietes ISA-Vorverstärkern simulieren und haben mit 63 dB Verstärkung genug Reserven, um auch mit passiven Bändchenmikrofonen zu arbeiten.
Für den Stereobetrieb sind sie paarweise koppelbar. Alle Mikrofoneingänge können auch auf Linepegel umgeschaltet werden und erlauben so das Einspeisen von insgesamt zwölf Linesignalen. Eingang eins und zwei sind zudem auf die frontseitigen hochohmigen Instrumenteneingänge schaltbar, um E-Gitarren und Bässe direkt einspielen zu können.
Wie erwähnt sind alle Ein- und Ausgänge gleichzeitig nutzbar. Man muss sich lediglich entscheiden, ob man den Thunderbolt- oder den DigiLink-Anschluss als Host-Verbindung nutzen möchte. 

Das frontseitige Panel erlaubt Zugriff auf die meisten Gerätefunktionen.

Das Red 4Pre in der Praxis

Damit man bei der großen Zahl von Schnittstellen nicht den Überblick verliert, hat Focusrite diese fest den Kanälen in den Hostschnittstellen zugeordnet. Am Ausgang kann mit Hilfe der Focusrite-Control-Software die feste Zuordnung aufgebrochen werden, indem man hier die DAW-Ausgänge neu zuordnet oder auch Monitormischungen vornimmt. Die Mischung kann unter Thunderbolt auch per Loop-Back in der DAW aufgenommen werden. Die Mischfunktion ist nur bei Bedarf sichtbar, was den Überblick in der Software deutlich verbessert. Focusrite Control kann leider nur über Thunderbolt auf das Interface zugreifen. Verwendet man Red 4Pre an einem Pro-Tools-HD-System, das auf einem Rechner der Prä-Thunderbolt-Ära läuft, ist man an die feste Verknüpfung der Ausgänge gebunden. Auch in anderen Bereichen ist die Thunderbolt-Verbindung von Vorteil. So werden hier die Namen der Eingänge an den Host übertragen. Ausgangsseitig leider nicht. Hier wird nur Playback plus Spurnummer in der DAW angezeigt.
Die hier verbauten Wandler und Mikrofonvorverstärker sowie die der RedNet- oder Clarett-Serie klingen identisch. Sie sind linear, ausgesprochen klar und verzeichnungsfrei. Dabei ist der Klang nicht steril, sondern das Hören macht richtig Spaß. Perkussive Signale kommen druckvoll rüber und Räume werden mit all ihrer Tiefe authentisch dargestellt. Möchte man etwas Farbe ins Spiel bringen, kann die Air-Funktion auf den Mikrofoneingängen hinzugeschaltet werden. Sie ist besonders beim Aufnehmen von Vocals hilfreich, verleiht sie ihnen doch den nötigen Schimmer, der die Produktion edel und teuer klingen lässt.
Die feste Verkopplung von Ein- und Ausgängen und die Beschränkung auf maximal 64 Kanäle pro Richtung der Hostverbindung führt dazu, dass über die Dante Schnittstelle nur 32 Kanäle ausgetauscht werden können, obwohl die Dante-Karte selber durchaus auch 64 Kanäle verarbeiten kann. Hier schränkt sich Focusrite bewusst zu Gunsten des einfachen Routings ein. Hier wäre zweiter Modus wünschenswert, der alle Kanäle auf Thunderbolt oder Pro Tools umsetzt. Weiterhin sind die beiden Ehternet Buchsen nur als Switch nutzbar. Ein redundanter Betrieb mit zwei parallelen Netzwerken ist nicht möglich.

Im Hinblick auf Schnittstellen lässt das Red 4Pre nur wenige Wünsche offen.

Latenz

Wie schon mit den Clarett-Interfaces sind im Thunderboltmodus extrem niedrige Latzenzen möglich. Die auf der Focusrite Website angegebenen Zeiten konnten im Praxistest bestätigt werden. Durch die hervorragend programmierten Treiber ist ein Arbeiten mit Plug-ins im Signalweg selbst bei einer Puffergröße von 32 Samples problemlos möglich. Die erstaunlichste Beobachtung im Test war die Tatsache, dass in Pro Tools mit Thunderbolt über Core Audio mehr Plug-ins stabil nutzbar waren als beim Einsatz über DigiLink über HD Native. Hier scheint Thunderbolt tatächlich in der Lage zu sein, proprietären Lösungen den Rang abzulaufen. In beiden Fällen ist eine Roundtrip Latenz, je nach Host, bis unter 1,7 ms möglich, was ein Monitoring durch die DAW mit Plug-ins ohne wahrnehmbare Verzögerung ermöglicht. Hier ist man, überlastet man die CPU nicht, bei Latenzen angekommen, die bis vor kurzem nur mit der Hardware von Pro Tools HD möglich waren. Das Schöne dabei ist, dass man meist auf den hardwareeigenen Mixer verzichten kann. Konsequenterweise hat Focusrite diesen recht einfach gehalten und verzichtet neben der reinen Mischfunktion auf weiteres wie On-Board Effekte wie Hall, EQ oder Kompression. 

Das RedNet AM 2 bietet dedizierte Drehregler für XLR-Line- und Headphone-Output.

RedNet AM 2

Der RedNet AM 2 ist ein kompakter Monitorcontroller für das Dante-Netzwerk. Das kompakte Tischgehäuse bietet zwei unabhängige Regler für die XLR-Lineausgänge und den 6,3-mm-Kopfhörerausgang. Per LED werden Betrieb, Netzwerkstatus, das anliegende Signal und der Mute-Status der Lineausgänge angezeigt. Für letztere Funktion findet man einen Taster. Die beiden Netzwerkbuchsen sind professionell als Ethercon-Buchsen mit Verriegelung ausgeführt. Sie agieren ebenfalls nur als Switch zum Anschluss eines weiteren Netzwerkgerätes. Es ist also keine Redundante Verbindung möglich. Am Ethernet Port 1 akzeptiert AM 2 PoE (Power over Ethernet). Zusammen mit einem PoE-fähigen Switch kann man so auf das Netzteil verzichten. Speziell im Bühneneinsatz ist das Stativgewinde im Boden des Gehäuses praktisch.

Rückseitig bietet das RedNet AM 2 neben den Line-Out-Anschlüssen zwei verriegelbare Ethernet-Ports. Der linke Anschluss ermöglicht Power over Ethernet.

Praxis mit dem AM 2

Das AM 2 lässt sich leicht mit anderen RedNet-Geräten in der RedNet-Software verbinden, über die auch die Mute-Funktion steuerbar ist. Andere Dante-Geräte werden wie gewohnt per Dante Control verknüpft. So lässt sich mit wenigen Mausklicks ein Monitoring erstellen, ohne weitere Kabel ziehen zu müssen. Eine kleine Einschränkung, die vornehmlich im Studio relevant ist, ist die maximale Samplingrate von 96 kHz. Die Line- und Kopfhörerausgänge geben immer das gleiche Signal wieder, da das AM 2 nur zwei Dante-Eingänge hat.
Die Klangqualität der Ausgänge ist über alle Zweifel erhaben. Wie im Red 4Pre wird noch das feinste Detail übertragen, was zu einem sehr entspannten und ermüdungsfreien Arbeiten führt. Die großen Lautstärkeregler erlauben eine sehr feinfühlige Einstellung. Für reproduzierbare Ergebnisse hätte ich mir eine leichte Rasterung gewünscht. Während am XLR-Ausgang einfach das Signal bedämpft wird und die tatsächliche Lautstärke der Monitore vom angeschlossenen Verstärker abhängt, muss der AM 2 am Kopfhörerausgang Leistung liefern, um die Kopfhörer zu betreiben. Hier liegt eine kleine Einschränkung bei energiehungrigen Kopfhörern. Besonders wenn man leisere Signale, wie bei Klassikproduktionen normal, überträgt, kommt man nur auf mittlere Lautstärken. Hier empfiehlt sich der Einsatz von Modellen, die mit weniger Leistung eine höhere Lautstärke erzielen.
Der AM2 wir mit einer Lizenz für die Dante Virtual Soundcard (DVS) ausgeliefert. So lässt er sich als extrem hochwertiger Ausgang alternativ zur Onboard Soundkarte im Rechner verwenden und erfüllt den gleichen Zweck, wie sonst USB oder Thunderbolt Interfaces.

Fazit

Mit Red 4Pre und RedNet AM 2 hat Focusrite zwei hochwertige und klanglich herausragende Geräte im Repertoire, die der Dante-Netzwerktechnik im Studio zu weiterer Verbreitung verhelfen werden. Red 4Pre stellt sich hier als umfangreich ausgestattetes und flexibel einsetzbares Interface dar, das als Herzstück eines Computerbasierenden Studios dienen kann. Dabei ist es kompakt genug, um es bei Bedarf auch mal zu einem Liverecording on Location mitzunehmen.
Der Preis von 2.999 Euro ist hoch, für das Gebotene jedoch angemessen. RedNet AM 2 ist ein kompaktes Monitormodul, das im Studio wie auf der Bühne ohne Aufwand am PoE-Switch ein Monitoring an beliebiger Stelle ermöglicht. Auch wenn es momentan kein vergleichbares Konkurrenzprodukt gibt, muss man allerdings für sich selbst entscheiden, ob man 499 Euro für zwei Ausgangskanäle ausgeben möchte. 

Focusrite Red 4Pre & RedNet AM 2
Vertrieb/Internet: www.focusrite.de
Preis (UVP): 
3.000 EUR (Red 4Pre)
500 EUR (RedNet AM 2)
Pro/Contra:

Red 4Pre
+ hervorragender Klang
+ großes Schnittstellenangebot
+ / - Nur 32 Dante-Kanäle

RedNet AM 2
+ sehr guter Klang
+ PoE-fähig
- etwas hoher Preis
- maximale Samplingrate von 96 kHz 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 10/16.

Autor: Nils Hahmann