Das nervt, wenn man jemanden erst durch seinen musikalischen Nachlass richtig kennenlernt!

Wie viel sagt die Musiksammlung eines Menschen eigentlich über seinen Besitzer aus? Eine ganze Menge, wie ich gerade feststelle.

Wie viel sagt die Musiksammlung eines Menschen eigentlich über seinen Besitzer aus? Eine ganze Menge, wie ich gerade feststelle.

Vor ein paar Wochen ist der Vater meiner Frau gestorben – also mein Schwiegervater. Genauer gesagt eigentlich einer der beiden Schwiegerväter, nämlich der leibliche Vater meiner Frau. Ihre Eltern hatten sich früh getrennt und der neue Ehemann der Mutter adoptierte dann meine Frau. Kompliziert zu erklären. Trotz des recht schwierigen Verhältnisses hatten wir besonders in den letzten Jahren relativ regelmäßig Kontakt mit Volker (so hieß der Schwiegervater). Nun haben wir die etwas unschöne Aufgabe, alle notwendigen Unterlagen zusammenzusuchen und nebenbei das Haus auszuräumen. Ich gebe zu, ich bin kein Freund davon, im Nachlass anderer Menschen zu wühlen, aber wer ist das schon – und es muss nun mal gemacht werden.

Verborgene musikalische Schätze

Dabei bin ich die Tage auf eine enorme Platten- und CD-Sammlung gestoßen, die in einem massiven Holzschrank versteckt war. Ich kannte Volker schon immer als großen Rolling-Stones-Fan, aber ich hatte ja keine Ahnung, was da noch so alles zum Vorschein kommen würde. Neben so ziemlich jedem erdenklichen Stones-Album kamen plötzlich auch ganz andere musikalische Seiten von ihm zum Vorschein. Von Bob Dylan über Degenhardt und Nina Hagen bis hin zu Arbeiterliedern von Hannes Wader und französischen Revolutions-Chansons … Es ist fast so, als hielte man das komplette (links-)politisch orientierte Liedgut des letzten Jahrhunderts in Händen. Als ich meiner Frau davon erzähle, berichtet sie mir von den vielen Demos, auf denen Volker früher mit wehenden Fahnen vertreten war: „Antifa“, „Nein zur Atomkraft!“, für den Frieden und gegen das kapitalistische System – das komplette Programm. Für mich war er immer der etwas kauzige Alt-Hippie mit dem ZZ-Top-Bart, mit dem man sich gut über Frankreich und Fußball unterhalten konnte. Dass er aber seinerzeit die gesellschaftlich-politische Revolution mit vorangetrieben hat, war mir, ehrlich gesagt, nicht so bewusst.

Die Musik eines ganzen Lebens

Erstaunlich, in welch perfekter Weise seine Musiksammlung sein Leben widerspiegelt. Und während ich die Platten und CDs einzeln aus dem Schrank herausnehme und in Kisten packe, fällt mir auf, dass viele LP-Cover überhaupt keinen Inhalt mehr haben. Und ich finde, auch das spricht Bände und ist vermutlich Zeugnis für die vielen Partys, auf denen man am Ende vergisst, seine mitgebrachte Musik wieder einzupacken. Wie das eben so war, damals in der Sex-Drugs-und-Rock-‘n‘-Roll-Ära. Keine Frage: Da wusste jemand, wie man ordentlich feiert. Von den Doors bis hin zu irischen Trinkliedern sind so ziemlich alle musikalischen Zutaten für gelungene Feiern dabei. Überhaupt finde ich relativ wenige Ausrutscher. Wenn man mal von ein paar Klassik-Platten und dem Milli-Vanilli-Album absieht, war sein Musikgeschmack doch insgesamt sehr homogen. Eigentlich bemerkenswert, denn zumindest bei mir ist das schon jetzt viel, viel gemischter.

Was nun?

Aber was macht man nun mit solchen Schätzen? Wir haben lange überlegt und uns am Ende dagegen entschieden, die Sammlung einfach zu verkaufen. Stattdessen laden wir gerade unseren gesamten Familien- und Freundeskreis ein, sich genau die Musik herauszusuchen, an denen sie Spaß haben. So können wir zumindest davon ausgehen, dass Volkers Musik gehört wird und damit noch ein klein wenig weiterlebt. Eines habe ich in diesen Tagen jedenfalls gelernt: schau in die Plattensammlung anderer Menschen und du erfährst unter Garantie mehr von ihnen, als sie dir jemals sagen würden.

Wie würde Ihre Musiksammlung aussehen? Diskutieren Sie mit mir auf meiner Website

Der Autor

Sascha Beckmann ist studierter Journalist und arbeitet als freier Redakteur und Autor. Neben dem Schreiben für Magazine und Unternehmen ist er immer wieder auch als Musiker und Komponist in verschiedenen Projekten tätig. Bei seiner Arbeit für KEYS kann er beide Leidenschaften perfekt miteinander verbinden.

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe 08/16.