Interview: Claire – Ab in neue Sphären

Trotz ihrer kurzen Bandhistorie haben Claire einiges zu erzählen. Wir sprachen mit den beiden Herren an den Synthesizern Matthias Hauck und Nepomuk Heller über das neue Album, Lieblings-Synthies, geklautes Bandequipment in London und mehr.

Claire im Interview Aufmacher

Drei Jahre ist es mittlerweile her, seit Claire mit „The Great Escape“ ihr Debut veröffentlichten. Neben diversen Festival-Auftritten wie beispielsweise auf dem legendären Melt wurde die Band auch in weiteren europäischen Ländern gebucht und konnte auch Konzerte in den USA spielen. Mit „Tides“ erschien im März diesen Jahres der nächste Longplayer der Band. Wir haben Claire in München zum Gespräch getroffen.

KEYS: Wie habt ihr als Band zusammengefunden?
Nepomuk: Ich habe in einem Tonstudio gejobbt, und Matthias hat dort auch angefangen zu arbeiten. Unser Gitarrist Florian kam dann irgendwann als Praktikant dazu. Abends haben wir dann öfter zusammen Mucke gemacht. Flo kannte Sängerin Josie und Schlagzeuger Fridolin und so haben wir uns dann zusammengefunden. 2012 haben wir dann Claire gestartet.

KEYS: Wie seid ihr zur Studioarbeit gekommen?
Matthias: Über Umwege. Ich habe Nepomuk auf der SAE kennengelernt. Davor habe ich eigentlich Geschichte studiert, dann aber gemerkt, dass ich lieber mit Musik mein Geld verdienen möchte. So sind wir dann im Studio gelandet.

KEYS: Ihr habt auch bei der On3 Startrampe mitgemacht. Das ist ein Musikformat des bayerischen Rundfunks speziell für Newcomer. Hat euch das als Band weitergebracht?
Matthias: Ich denke schon, dass uns das gepushed hat. Wenn man als Band so einen Kanal hat und auch im Fernsehen stattfindet, bringt einen das schon weiter. Auch was Presse und Medienarbeit angeht, haben wir sehr viel gelernt.
Nepomuk: Zu Beginn hatten wir von solchen Dingen keine Ahnung.

KEYS: Ihr seid für das Synthesizer-Sounddesign verantwortlich. Wie sieht es bei euch im Studio aus?
Nepomuk:
Wir haben mittlerweile eine stattliche Sammlung an Geräten rumstehen. Die haben sich über die Jahre angesammelt.
Matthias: Vor zwei Jahren haben wir uns auch mal eine alte Neve-Konsole gekauft. Das kam über unseren Live-Mischer zustande. Er hatte keinen Platz mehr für das Pult. Mittlerweile haben wir mit unseren ganzen Drum-Maschinen und Synthesizern schon eine kleine Sound-Höhle.

Claire Nepomuk Live
Nepomuk nutzt live unter anderem einen Prophet-6.

KEYS: Gibt es Synthesizer, die ihr besonders gerne mögt?
Matthias: Da gibt es echt viele. Ich hab so einen Drum-Maschinen-Fetisch. Vor allem in Richtung 808, 909 und solche Geschichten. Eigentlich die ganze Roland TR-Reihe. Nepomuk ist der absolute Polysynth-Fan.
Nepomuk: Auf dem Album haben wir oft den Jupiter 6 benutzt. Auch der Juno ist viel vertreten. Wir haben derzeit den Juno 60 und 106 im Studio. Den Korg Monopoly hört man ebenfalls auf dem neuen Album. Das Herzstück ist natürlich der ARP 2600 (lacht). Neben Basslines, die wir für das Album verwendeten, haben wir auch Gitarren über den Input des ARP eingespielt und an den Mini-Speakern abgenommen. Das war ein ganz guter Tipp, den uns Dave McCracken gegeben hat (lacht).

KEYS: Welches Synthesizer Plug-in könnt ihr empfehlen?
Nepomuk: Den guten Lennar (LennarDigital Sylenth1, Anm. d. Red.). Der ist wirklich unglaublich. Einer der Besten, wie ich finde.
Matthias: In Kombination mit dem Valhalla Vintage Verb. Das ist unsere Geheimwaffe.

KEYS: Wie bringt ihr die Sounds aus dem Studio auf die Bühne?
Nepomuk: Das ist echt immer die Hölle. Da hat man dann schon mal 60 bis 70 Spuren in der Session.
Matthias: Hier muss ich aber auch mal für Nepomuk eine Lanze brechen. Er ist echt einer der krassesten Synth-Sound-Schrauber, die es gibt. Er nutzt live einen Prophet 6, den Juno 106 und einen Nordstage. Wir haben uns mal eine Spur von einem unserer Songs angehört, und wollten den Sound live spielen. Nepomuk meinte dann nur: Gib mir eine Viertelstunde. Dann hat er den Sound einfach von null neu gebaut.
Nepomuk: Also bei den Juno-Sounds ist es relativ einfach. Wir haben einfach viele Juno-Klänge in unseren Songs. Der Prophet 6 ist einfach eine Maschine. Der Synthie kann echt wahnsinnig viel, dafür dass er komplett analog ist. Er ist einfach zu bedienen, ohne viele Layer. So bekommen wir das live gut hin. Wir hatten auch mal einen Prophet 12, der aber umständlicher in der Handhabung war.

KEYS: Nutz ihr auch Playbacks?
Matthias: Ja, das lässt sich nicht vermeiden. Das betrifft hauptsächlich Percussions. Also beispielsweise Orchester-Drums, die lassen wir dann vom Band laufen. Aber ansonsten kommen alle Synths und Bässe aus den Kisten.

Claire Mathias Live
Auch live fleißig am Sounds schrauben: Matthias von Claire.

KEYS: Wie bekommt ihr live eure Bass-Sounds hin?
Matthias: Wir haben eine Novation Bass Station und einen Moog Sub37. Letzteren haben wir auch auf dem Album sehr oft verwendet. Der Vorteil hier ist, dass man die Sounds abspeichern kann (lacht).

KEYS: Kommen wir zu euren Auftritten im Ausland. Besonders für deutsche Acts ist es nicht alltäglich, Shows in den USA zu spielen. Wie war das für euch?
Nepomuk: Das war richtig cool. Es war auch unser erster Amerika-Trip. Wir hatten richtig coole Erlebnisse. Josie hat in Frank Sinatras Mic gesungen, Flo hätte es dann fast umgeworfen (lacht).
Matthias: Wir durften bei Capitol Records eine Session aufnehmen. Das war echt ein Highlight. Wir haben auch gelernt, wie man sein Setup abspeckt, um es günstig im Flugzeug transportieren zu können. Eigentlich ist unser Setup ja sehr groß. Auch die Energieversorgung war manchmal schwierig. Wir hatten eine Show in New York, da ist der Strom ausgefallen (lacht).

KEYS: In London wurde euer ganzes Equipment geklaut. Wie seid ihr damit umgegangen?
Matthias: Das hat uns schon zurückgeworfen. Auf einmal war der ganze Bus mit dem Equipment weg. Wir hätten eigentlich fünf Konzerte in London gehabt, die wir alle absagen mussten. Dann war ein bisschen die Luft raus. Die ganzen Geräte, die wir live dabei hatten, waren weg. Der Bus war zum Glück versichert.

KEYS: Ihr konntet deswegen auch erstmal nicht mehr auf Tour gehen …
Nepomuk: Das ging leider nicht mehr. Wir konnten ohne unser Equipment nicht auftreten und es uns auch nicht leisten, einfach alles wieder zu kaufen. Teilweise waren da auch super alte Sachen dabei. Unser Juno 60 ist auch nicht mehr aufgetaucht.

Claire Tides

Claire - Tides

Claires aktuelle Platte „Tides“ ist ab sofort im Handel erhältlich. 
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KEYS: Ein Großteil eures Equipments ist jedoch wieder aufgetaucht. Wie kam es dazu?
Matthias: Die Story war ziemlich abenteuerlich. Irgendwann hat ein unbekannter HInweisgeber bei unserer Bookingagentur angerufen und gesagt, dass er weiß, wo das Equipment ist. Der Anrufer hat uns dann eine Mail geschickt, so nach dem Motto: Hey, euer Zeug ist in einer kleinen Stadt in Litauen, ruft bei der Polizei an und sagt, es ist bei dem und dem. Anfangs hielten wir das für einen Scherz. Die Polizei hat dann wirklich fast alles vor Ort gefunden. Wir haben dann beschlossen, dass wir diesem anonymen Helden ein Denkmal setzen möchten.

KEYS: Das klingt interessant. Wie habt ihr das gemacht?
Matthias: Wir haben einen Kurzfilm über unsere Reise nach Litauen gedreht und nachträglich eine von der Fahrt inspirierte EP aufgenommen – „Raseiniai“ (benannt nach der kleinen Stadt in Litauen, Anm. d. Red.).
Nepomuk: Wir wissen immer noch nicht, wer es ist und auch nicht, wie es im Endeffekt abgelaufen ist.

Claire Synthesizer
Im Studio können Matthias und Nepomuk auf viele alte Klassiker zurückgreifen.

KEYS: Hat sich euer Sound zum Vorgängeralbum „The Great Escape“ verändert?
Matthias: Ich denke wir sind erwachsener geworden. Beim ersten Album haben wir auch mehr Sound im Computer erzeugt. Klanglich haben wir uns weiterentwickelt. Das Album ist weniger plakativ. Das erste Album war etwas ungestümer.

KEYS: Wie läuft denn bei euch das Songwriting ab?
Nepomuk: Das ist ziemlich unterschiedlich. Manchmal fängt alles mit einem Chord-Pattern an, manchmal mit einer Vocal-Line. Es kommt auch vor, dass man im Wahn schon ein komplett fertiges Instrumental produziert (lacht). Manche Songs enden komplett anders, als sie angefangen haben.

KEYS: Wie seid ihr zum Sounddesign kommen?
Matthias: Ich bin durch Hip Hop zum Musikmachen gekommen. Mein erstes Instrument war eine MPC. Durch Freunde, mit denen ich zusammen produziert habe, bin ich dann immer weiter reingerutscht.
Nepomuk: Während der Schulzeit hab ich Klavier gelernt. Für mich war das dann der logische nächste Schritt. Ich habe schon sehr früh viel elektronische Musik und Hip Hop gehört. Irgendwann fragt man sich, wo dieser geile Sound herkommt. Angefangen habe ich mit Plug-ins. Nach und nach checkt man dann, wie die Teile funktionieren. Und irgendwann kommt man auch zu den richtigen Geräten.
Matthias: Es ist auch total spannend, dass so viel Technik mit Leben gefüllt werden kann.

KEYS: Vielen Dank für das Gespräch.

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