Test

Im aktuellen Heft haben wir u.a. folgende Produkte für Sie getestet:


Native Instruments KONTROL-Series & Komplete 10
DSI Pro 2
Moog Theremini
Waldorf Streichfett
Eisenberg Vier
Air The Riser
U-he Bazille
Humanoid Sounds Enzyme
Akai MPK 225 & MPK mini
Naonext Crystal Ball
Arturia Minilab
Steinberg Groove Agent 4
Native Instruments Rise & Hit, Drumlab
Output Sounds REV
Spitfire Audio HZ02 Hans Zimmer Percussion Los Angeles
Waves Vitamin
Brainworx bx_refinement & bx_saturator V2 & Noveltech Vocal Enhancer
MotU 1248 & 8M & 16A
Zoom H5
Foote Control Systems P3S



Test: Waldorf Streichfett



Mit Streichfett bringt Waldorf die Sounds der guten alten String Ensembles zurück.

Ein kleiner Rückblick
Bevor polyphone Synthesizer Mitte der achtziger Jahre erschwinglich wurden, gab es für Keyboarder wenige Möglichkeiten, mehrstimmig zu spielen. Sollte es keine Orgel sein und war ein Mellotron zu teuer, kam eigentlich nur ein String Ensemble infrage. Diese Keyboards klangen ähnlich wie Synthesizer, basierten sie doch auf Rechteck-Oszillatoren, die per Frequenzteilung vervielfältigt wurden und hierdurch volle Polyphonie ermöglichten. Aus diesen Rechteckwellen wurden in der Regel Sägezahnwellen abgeleitet, anschliessend in der Summe gefiltert und durch einen Ensemble Effekt geschickt, was im Ergebnis entfernt an Streichinstrumente erinnerte. Der Ensemble Effekt bestand aus drei parallelen Delays, die jeweils durch zwei unterschiedlich schnelle LFOs moduliert wurden. Mit Effekten angereichert entstand ein voller, schwebender Klangteppich, der in vielen Pop- und Elektroniksongs für atmosphärische Stimmung sorgte. Das berühmteste String Ensemble war das ARP beziehungsweise Solina String Ensemble, das unter anderem von Pink Floyd, Herbie Hancock und selbst den Rolling Stones verwendet wurde. Doch auch Geräte wie Elka Rhapsody, Roland RS-202, Yamaha SS30 waren auf Platten dieser Zeit regelmäßig zu hören. Ebendieser Klang wurde in den vergangenen Jahren wieder populär. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Hersteller diesen Retrotrend aufgreifen würde.
Waldorf hat reagiert. Streichfett im kompakten Quadratformat ist eine moderne Version der klassischen String Ensembles. Die Oszillatorbank ist digital realisiert und nutzt ein additives Verfahren, wie etwa im Korg Lambda, bei der sägezahnähnliche Wellen aber auch viele andere Wellenformen aus einer Mischung von bis zu acht Rechteckwellen verschiedener Oktaven erzeugt werden.Das Gerät bietet für alle Funktionen eigene Bedienelemente und hat neben USB und MIDI-In/Out nur einen Stereoausgang und eine Kopfhörerbuchse. Über die Technik lässt Waldorf nichts Genaues verlauten, aber wie schon im Rocket werden die Oszillatoren offenbar per DSP erzeugt, was schon die hohe Polyphonie nahelegt. Ähnlich wie einige alte Modelle besitzt die Tonerzeugung zwei Bereiche, Strings und Solo. Die beiden Sektionen können geschichtet und im Lautstärkeverhältnis gemischt werden. Alternativ lässt sich Solo auf die untere oder obere Keyboardhälfte begrenzen, während die Strings stets über die gesamte Tastatur erklingen.

Strings
Die Strings-Sektion erzeugt bis zu 128 Stimmen. Hier wird kein bestimmtes altes String Ensemble nachgeahmt. Stattdessen hat Waldorf hier versucht, möglichst viele Variationen dieser Instrumentengattung unterzubringen. Das zentrale Bedienelement heißt Registration, das mehrere interne Funktionen gemeinsam steuert und stufenlos zwischen den Imitationen von Violin, Viola, Cello, Brass, Organ und Choir sowie Kombinationsklängen überblendet. Allein hierüber entstehen zahlreiche Klangfarben. Dazu lässt sich dieser Parameter auch per LFO modulieren. Trocken hört sich die Strings-Sektion unspektakulär, sogar leblos an. Wie bei den analogen Vorbildern sorgt auch bei Streichfett erst ein kombinierter Chorus/Ensemble-Effekt für die richtige Klangfülle. Chorus und Ensemble lassen sich einzeln betreiben, aber erst in der Kombination wird die richtige Klangdichte erreicht. Zusätzlich kann dem Signal eine höhere Oktave hinzugeschaltet werden, um einen helleren Klang zu erhalten. Mit Attack, hier Crescendo genannt, und Release wird der Lautstärkeverlauf gesteuert.
Die Strings-Sektion kann einen wunderbar vollen Sound erzeugen und spielend jene wohlbekannten Klangteppiche hervorzaubern. Mit dem Registration-Regler tut sich derart viel im Klang, dass es schwerfällt, sich zu entscheiden, in welcher Position es nun am besten klingt. Man wechselt zwischen weichen Streichern, Orgel-Derivaten und synthetischen Chören mit einem schnellen Dreh und findet immer einen faszinierenden Klang. Doch ohne den Chorus/Ensemble-Effekt verschwindet der Zauber genauso schnell wieder.

Solo
Die Solo-Sektion erzeugt einen achtstimmigen Synthesizer. Hier stehen fünf Klangfarben bereit, zwischen denen wieder mit einem Regler überblendet wird: Bass, E-Piano, Clavi, Synth und Pluto. Innerhalb des Regelbereiches eines Sounds gibt es gewisse Variationen im Klang. Mit Tremolo wird die Solostimme moduliert, wobei dieser Effekt am Stereoausgang eigentlich ein Autopanning ist. Die Hüllkurve besteht aus Attack und Decay/Release, wobei Attack dem Sound auch ein perkussives Geräusch hinzufügen kann.Diese Sektion ist wie damals nur ein Nebenprodukt der Strings. Man sollte keinen vollwertigen Monosynth erwarten, sondern nur eine bereichernde Klangfarbe, die sich am besten zum Doppeln eignet. Will man Strings und Solo komplett getrennt nutzen, geht das nur mit separater MIDI-Kanalzuweisung.

Effekte
Mit den gleichzeitig verfügbaren Effekten Animate, Phaser und Reverb kann der Sound nochmals aufgepeppt werden. Hinter Animate verbirgt sich der LFO für Registration, der mit Dreiecksmodulation und langsamer Geschwindigkeit die Strings-Oszillatorbank moduliert. Den Phaser kann man hinzuziehen, um zusätzlich zum Chorus/Ensemble eine weitere (unsynchronisierte) Bewegung in den Sound zu bringen und die Klangfülle weiter zu steigern. Der einfache Nachhall ist vor allem live nützlich.  Die Effektbedienung ist etwas unübersichtlich, das sie nach dem Umschalten der Modi der Depth-Regler naturgemäß falsch steht. Speziell beim Presetwechsel - Streichfett bietet 12 Speicherplätze - muss man sich zunächst einmal orientieren, denn die Regler und Schalter stehen vermutlich in falscher Position.

Fazit
Zu Streichfett gibt es keine Alternative, Klangteppiche werden ab sofort im Quadrat verlegt. Samplebasierte Instrumente sind für diesen Sound kein echter Ersatz, lediglich die teuren, schweren Originale. Streichfett ist allerdings selbst ein Original, denn es imitiert keinen Klassiker, erschafft mit seiner flexiblen Registration und Effektkombination seine eigene Klangwelt.

Autor: Ulf Kaiser

Waldorf Streichfett
Vertrieb/Internet: B4 Distribution / www.waldorf-music.info
Preis: 279 Euro








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