Test

Im aktuellen Heft haben wir u.a. folgende Produkte für Sie getestet:

Bitwig Studio
Tracktion 5
Roland VT-3
Behringer U-Phoria UMC204
SPL Crimson
VSL Dimension Strings – Violas
Mackie MR6mk3
Hewlett Packard ZBook




Im Test: Ohmforce Ohm Studio

Seit mittlerweile 13 Jahren kreiert man bei Ohmforce außergewöhnliche Effekte mit amtlichem Sound. Egal ob Filter, Delay oder Verzerrer, Ohmforce versteht es, Standardeffekten eine eigene Note zu verpassen. Die akustische Bandbreite reicht dabei von subtil angewärmt hin zu waffenscheinpflichtig brachial. Hinzu kommen Vorlieben für schräges Grafikdesign, ausgetüftelte Preset-Bänke samt Morphing und hervorragender Kundenservice. Mit Ohm Studio liefern die Franzosen nunmehr eine komplette Produktionsumgebung, die konsequent auf Online-Zusammenarbeit setzt.

Wer heute „online“ miteinander Musik macht, musste sich bislang auf eine Plattform einigen und sich dennoch mit fehlenden Plug-ins, Software-Instrumenten und Sampleordnern herumschlagen sowie Projekte über FTP oder verschiedene Cloudanbieter tauschen. Ohm Studio geht konsequent einige Schritte weiter. Was wäre, wenn man fast in Echtzeit am gleichen Projekt arbeiten könnte? Während ich noch an den Vocals feile, könnte mein Kollege eine neue Basslinie programmieren und aufnehmen, die kurze Zeit später bei mir automatisch im Projekt erscheint. Wenn es jetzt noch eine hilfsbereite Online-Community gäbe, könnte sich mit etwas Glück sogar eine neue Form des Miteinander-Produzierens entwickeln!

Widerstand zwecklos
Gleich beim ersten Programmstart von Ohm Studio 1.0 fällt auf, dass hier einiges anders ist: Anstatt einer Mischpult- oder Timeline-Ansicht begrüßt der DAW-Neuling den Benutzer mit einem Login-Fenster, gefolgt von einer Mischung aus Projektbibliothek und Chatroom. Hier tauscht man sich aus, tritt bestehenden Projekten anderer Nutzer bei oder startet ein eigenes Projekt. Doch beginnen wir mit den konventionellen Funktionen: Das eigentliche DAW-Fenster kommt mit einer einzigen Bildschirmansicht aus. Dabei erleichtern hilfsbereite Tutorial-Sprechblasen den Einstieg. Das Grundprinzip ist hinlänglich bekannt: Die obere Bildschirmhälfte füllt eine ansprechend animierte Sequenzer-Zeitleiste, darunter befindet sich die Mixer- beziehungsweise Rackansicht samt Browser für Software-Instrumente und VST-Plug-ins. Vollbildansichten werden sowohl für ein als auch zwei Displays unterstützt, hingegen lassen sich einzelne Bildschirmelemente nicht vom Interface entkoppeln. Racks in Ohm Studio entsprechen den Kanalzügen herkömmlicher DAWs. Sie können mehrere VST-Instrumente, Audio-, Automations- und MIDI-Spuren beinhalten. Insbesondere für alternative Takes, multitimbrale Instrumente und komplexe Layer erleichtert dies die Arbeit ungemein. Für zusätzliche Flexibilität sorgt der Gear Panel View, mit dem Racks und ihre Komponenten in Reason-Manier frei miteinander verkabelt werden können.

Auch ansonsten macht die Funktionalität von Ohm Studio 1.0 eine gute Figur. MIDI- und Audiospuren werden in der Spur editiert, indem man per Doppelklick in die Spur hineinzoomt und dabei Zugriff auf Pianorolle, Automation oder andere Funktionen erhält. MIDI- und Audio-Editor sind durchaus brauchbar, können aber noch nicht mit den umfangreichen Möglichkeiten etablierter DAWs mithalten. Einzelne Spuren können per Tastendruck eingefroren oder neue Spuren gerendert werden. Bei Bedarf besorgt dies Ohm Studio selbstständig im Hintergrund, damit Online-Kollaborateure trotz fehlender VST-Instrumente am gleichen Projekt arbeiten können. Leider verzeichnete ich dabei auch einige Programmabstürze. Allerdings lassen sich solche Problemprojekte aber dank automatischer Online-Speicherung meist problemlos wieder öffnen.

Wolkenkuckucksheim
Alle eigenen Projekte samt Samples werden fortwährend in die Datenwolke von Ohm Studio übertragen. Sie sind dabei an das Ohm Studio-Onlinekonto gebunden. Mit einem Login kann somit sogar nahtlos auch an fremden Rechnern an eigenen Projekten arbeiten. Verschiedene Privatsphäre-Einstellungen sorgen dabei für Ordnung und Privatsphäre. Sollen nur bestimmte Freunde das Projekt ansehen oder bearbeiten dürfen? Möchte ich nur allein daran arbeiten? Oder will ich durch die öffentlichen Projekte stöbern, um dort meine Fertigkeiten einzubringen? Alles ist machbar, allein fehlt mir die Möglichkeit zur klassischen Offline-Arbeit, für die Ohmforce allerdings Abhilfe angekündigt hat.


Öffnet man ein öffentliches Projekt, werden zunächst stark komprimierte Versionen der Spuren geladen und im Hintergrund nachfolgend durch weniger stark komprimierte und zuletzt unkomprimierte Audiodaten automatisch ersetzt. So kann man sich binnen weniger Sekunden einen Überblick über ein fremdes Projekt verschaffen, bevor man sich entscheidet, selbst Hand anzulegen. Frei auf dem Bildschirm positionierbare Notizzettel, private Spuren, die nur in der lokalen Projektversion erscheinen sowie der Chatroom runden die Online-Erfahrung ab.  Verzichten hingegen muss man auf eine integrierte Talkback- und Videofunktion, weshalb viele Ohm Studio-Kollaborateure ergänzend zu Skype oder Google Hangout greifen.

Ohmforce inklusive
Ein Produkt wie Ohm Studio erfordert eine andere Preispolitik als eine konventionelle DAW. Die Software selbst kann gratis heruntergeladen werden. Dabei kann man nach der Registrierung kostenlos an bis zu zehn Projekten mitwirken, muss sich aber mit 16 Bit Dynamikumfang bei der Aufnahme (24 Bit Import möglich) und komprimiertem Export begnügen, nicht jedoch mit einer limitierten Spurenzahl. Die notwendigen Effekte gibt es in Form einfacher aber gut klingender Dynamikeffekte und Equalizer; während eine spezielle Ohmforce-Bank für den Sampler UVI-Workstation für eine Basisklangausstattung sorgt. Wer sich für das 39 Euro teure Ohm Studio Pro entscheidet, kann mit 24 Bit aufnehmen, Wav-Dateien exportieren und erhält dazu den überzeugenden Minimoog-Klon Minimonsta sowie den legendären OhmBoyz Delays.

Für 99 Euro schließlich erhält man die große Packung Ohm Studio Pro XL. Hier gibt es nahezu alle weiteren Plug-ins und Effekte der Franzosen: Quad Frohmage, Ohmicide und die Arp Odyssey Emulation Oddity. Natürlich sind aber auch alle Versionen kompatibel zum VST-Standard und können entsprechend erweitert werden. Grundsätzlich lief Ohm Studio auf den Testtrechnern stabil (Macbook Pro/Air i7/OS X 10.9) und kämpfte lediglich bei wenigen Drittanbieter-Produkten mit zu hoher CPU-Last, die jedoch durch Anheben der Puffergröße minimiert werden konnte.

Wer schließlich mehr als zehn Projekte nutzen möchte, muss sich auf monatliche Kosten einstellen: Je nach Abonnement zahlt man zwischen 7 und 9 Euro pro Monat, um bis zu 200 Projekte in der Ohm Studio-Wolke speichern zu können.

Fazit
Ohmforce gelingt mit der ersten Version von Ohm Studio ein interessanter Einstieg in die Thematik effektiver Online-Zusammenarbeit im Musikbereich. Zwar bietet die Software als konventionelle DAW noch nicht den Funktionsumfang der Konkurrenz, punktet dafür aber im Bereich der Kollaboration mimt einzigartigen Funktionen. So stellt Ohm Studio, je nach Anwengung, heute bereits eine Alternative dar, beziehungsweise kann die Rolle einer Zweit-DAW einnehmen. Schon jetzt darf man auf die angekündigte Version 2.0 gespannt sein, die neben einer neuen, effizienteren Audio-Engine auch dringend benötigte Funktionen wie Overdubbing, Offline-Mode und Loop-Aufnahme ergänzen soll. Angesichts der erfreulich günstigen Preise und des innovativen Ansatzes sollten Sie sich Ohm Studio einmal näher ansehen. Wer mag schon nur allein musizieren?


Autor: Martin Hirsch



Die aktuelle Ausgabe der KEYS jetzt bestellen




 

© 2012 KEYS - ein Magazin der PPVMEDIEN GmbH - Impressum