Das nervt, wenn kaum jemand mehr Wert auf Albumcover legt

Vor ein paar Wochen bin ich beim Aufräumen mal wieder über meine alte Plattensammlung gestolpert. Ja, ich habe tatsächlich noch Vinyl-Scheiben – nicht viele, aber immerhin 50 oder so. Zugegeben, wenn man die ganzen Märchenplatten, mit denen man mich in meiner Kindheit beschallt hat, abzieht, bleiben vielleicht noch 25 bis 30 „echte“ LPs und ein paar Maxis. Aber diese habe ich mir dann tatsächlich wegen der Musik gekauft. Oder wegen der tollen Cover!

Als ich noch klein war, habe ich besonders gerne in den Plattensammlungen anderer Leute gestöbert. Fasziniert haben mich vor allem Alben mit aufwendig inszenierten Artworks. Ich erinnere mich noch genau an die Plattensammlung meines Schwagers. An das legendäre Dreieck bei Pink Floyds „Dark Side of the Moon“, an die furchteinflößenden Spitting-Image-Figuren der „Land of Confusion“-Single von Genesis oder an all die Queen-Alben mit ihren allesamt perfekt gestalteten Covern. Vor allem aber erinnere mich noch an Cover, deren Band oder Interpret ich längst vergessen habe. Zum Beispiel hatte ein Schulfreund von mir ein Faible für Speed-Metal. Ich erinnere mich weder an die Band noch an den Titel. Aber das großartige Albumcover sehe ich noch genau vor mir. Es war die Zeichnung einer Runde von verschiedenartigen Monstern, die offenbar zu einer wilden Party zusammengekommen waren. Wie in einem großen Gemälde wurden tanzende, schlafende und streitende Monster mit all ihren Details wie zerdrückten Bierdosen oder überfüllten Aschenbechern abgebilde

Metal mit Gespür für Kunst

Überhaupt waren die Metaller in Sachen Artwork den Popbands immer schon einen großen Schritt voraus. Man muss die Musik von Manowar, Iron Maiden oder Megadeth sicherlich nicht unbedingt mögen. Aber die Bilder auf den Covern vermittelten die düstere Endzeitstimmung der Musik auf teilweise verstörend perfekte Weise. Ich würde sogar behaupten, das war Kunst! Vielleicht einem kranken Geist entsprungen, aber Kunst! Leider findet man solche Meisterwerke heute nur noch selten. In Zeiten von digitaler Musik wird der Verkauf physischer Tonträger immer geringer. Vermutlich lohnt sich da der Aufwand nicht. Komischerweise wird aber gerade bei Streaming-Plattformen ganz großer Wert auf Hochglanz-Fotos des Künstlers oder der Band gelegt, die dann in einer Slideshow zur Musik in Szene gesetzt werden. Warum macht man das nicht auch mit den Cover-Artworks? Was nützt mir das langweilige Gruppenfoto von Van Halen, wenn ich stattdessen auch das rauchende Cover-Baby von 1984 haben könnte? Das will ich sehen, während ich „Jump“ höre!

Album-Artworks und ihre Folgen

Erwartet man ähnlich Großartiges bei den aktuellen Künstlern, wird man eher enttäuscht. Ellie Goulding, Justin Bieber oder One Direction stellen lieber sich selbst in den Mittelpunkt als eine künstlerische Visualisierung ihrer Musik. Auch Ed Sheerans zugegebenermaßen musikalisch gutes Album „X“ hat ein wenig einfallsreiches Cover (schwarzes X auf grünem Hintergrund). Ein paar wenige positive Ausnahmen wie Cluesos „Stadtrandlichter“ oder „Für dich immer noch Fanta Sie“ von den Fantastischen Vier heben sich wohltuend aus der Masse der reinen Selbstdarstellungen ab. Die meisten Cover sind aber eben nur wenig vergleichbar mit dem schwimmenden Baby aus Nirvanas „Nevermind“ oder der mystischen Burgruine von U2s „The Unforgettable Fire“. Als wir vor sechs Jahren in Irland Urlaub gemacht haben, bin ich – nur um dieses verdammte Moydrum Castle vom Cover zu sehen – in die absolut hinterste Ecke von Irland gewandert, bin verbotenerweise über einen Stacheldrahtzaun geklettert, habe festgestellt, dass drei russische U2-Fans schon aus dem gleichen Grund dort waren wie ich und habe schließlich mein so heiß ersehntes Foto von der Burg geschossen. Gerade noch rechtzeitig bevor der Besitzer des Grundstücks uns alle mit einem Gewehr in der Hand verjagt hat (kein Witz! So schnell bin ich in meinem Leben noch nie gerannt!). Und nun die Frage aller Fragen: Würde ich das für eines der heutigen Albumcover noch einmal tun? Wohl kaum.

Welche sind Ihre Lieblingscover? Auf der Seite unseres Autoren können Sie es uns in den Kommentaren mitteilen. 

Der Autor

Sascha Beckmann ist studierter Journalist und arbeitet als freier Redakteur und Autor. Neben dem Schreiben für Magazine und Unternehmen ist er immer wieder auch als Musiker und Komponist in verschiedenen Projekten tätig. Bei seiner Arbeit für KEYS kann er beide Leidenschaften perfekt miteinander verbinden.

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der KEYS-Ausgabe 02/16.


Autor Sascha Beckmann